Gelungene Strafarbeiten

Der Beruf des teilnehmenden Beobachters Trotz des großen Erfolgs mancher Dokumentaristen wird ihre Ausbildung oft noch als Abfallprodukt des Filmemachens angesehen

Dokumentarfilm als Strafaktion? An der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg ist das so. Wenn da nach dem zweiten Studienjahr die Genres voneinander getrennt werden, dürfen die "Guten" beim "szenischen Film" weitermachen. Die, die das Klassenziel nicht erreicht haben, werden zum Dokfilm gesteckt und bilden fortan so etwas wie eine hausinterne Deklassierten-Underground-Armee. Auch der Filmstudentin Lilly Engel ging es so. Eigentlich wollte sie richtiges großes Kino machen. Und dann saß sie plötzlich in einem dunklen Raum und musste sich mit den anderen Nieten (alle weiblich, nur Zufall?) zur Strafe Wildenhahn-Filme ansehen: "Zwei Stunden im Stall und dann wird die Kuh gemolken". Und Gastdozent Volker Koepp spürte wohl die kollektive Ablehnung der Klasse und übte sich zur Abwehr in beharrlicher Schweigsamkeit.
Lilly Engel verdreht die Augen, wenn sie von ihren ersten ernsthaften Begegnungen mit dem Dokumentarfilm erzählt. Und von der Erlösung in Gestalt einiger anderer Dokumentaristen, die ihr Handwerk auf actiongeladenere journalistische Weise verstanden, eher mit dem Gestus des Kriegsberichterstatters als des geduldigen Beobachters: "Erschieß mich, ich will das Bild!", nennt sie diese Haltung. Jetzt hat sie selbst einen Dokumentarfilm gemacht, ihren Abschlussfilm, ausgerechnet über zwei Frauen der ersten Generation weiblicher Offiziersanwärterinnen. Die Kaserne ist auch eine Art Front, und man sieht diesem Film bei allem Draufgängertum die Angst vor der Beharrlichkeit der Bilder und dem Da-Sein der Dinge an.
Ist, trotz des Booms der dokumentarischen Formen, der "Dokumentarfilm" out? Bei einem Symposium, das die dokumentarfilminitiative (Mülheim/Ruhr) letztes Wochenende zum Thema Der junge Dokumentarfilm veranstaltete, war Lilly Engel naturgemäß eine abweichende Stimme, schließlich sind bei solchen Veranstaltungen die Adepten tendenziell unter sich. Doch neben der allgegenwärtigen Beteuerung des Authentischen gegen die "fiktiven Hirngespinste" (Marion Kainz) sprach auch ein anderer Ludwigsburger, David Spaeth, von einer "beginnenden Liebesgeschichte" nach anfänglichen Vorurteilen gegen das Dokumentarische. Und er hatte schon treffende Worte für die Substanz dieser Liebe: Der Erkenntnisweg von der ursprünglichen Projektidee über die Konfrontation mit der Wahrheit des Protagonisten zu einer neuen eigenen Wahrheit, die bei der Arbeit im Schneideraum entsteht.
Das klingt beglückend. Trotzdem macht es, zumindest als Gedankenspiel, Spaß sich vorzustellen, die gelungenen Dokumentarfilme der letzten Jahre wären nur zustande gekommen, weil ihren HerstellerInnen ihr eigentliches Spielfilm-Begehren verweigert wurde. Natürlich stimmt das so nicht: Andres Veiel etwa und Gerd Conradt sind langjährige und leidenschaftliche Dokumentaristen. Doch selbst Volker Koepp ist 1968 als Student an der damaligen HFF erst einmal deswegen zum Dokumentarfilm gekommen, weil er sich mit einer Strafarbeit über die "herrschende" Arbeiter-Klasse bewähren musste. Und auch der mit Abstand erfolgreichste Dokumentarfilm der letzten Jahre, Wim Wenders Buena Vista Social Club, ist zwar kein Ausschuss, doch das Nebenprodukt eines gestandenen Spielfilmmachers.
Vertreter der fünf wichtigsten deutschen und einer Schweizer Film-Hochschule (Potsdam-Babelsberg, Berlin, FH Dortmund, Köln, Ludwigsburg, München und Zürich) und interessierte Gäste waren ins Kölner Filmhaus eingeladen, um sich über den Stand der Dokumentarfilm-Ausbildung zwischen Hochschule und Markt zu beraten und auszutauschen. Was sind die Ausbildungsstätten heute, und was sollten sie sein: Freiraum oder Trainingszentrum? Treibhaus oder Anpassungsmaschine? Kommt das Heil aus der Kunst für die schnöde Medienwelt oder aus dem Markt für den Elfenbeinturm? Am vehementesten vertrat wohl Peter Zimmermann vom Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart die Forderung an die Hochschulen, sich stärker dem Markt zu öffnen. Die Schulen vernachlässigten die Interessen ihrer Studenten, um sich der vermeintlich hohen Kunst zu widmen, so der Vorwurf. Das klingt schön parteiisch für die Sache der Studenten. Wie solche ideologischen Vorwürfe aber konkret ins Leere laufen, zeigt die damit verknüpfte Forderung nach verpflichtenden Praktika bei Fernseh- und Filmproduktionen während des Studiums. Denn einmal sind bei allen Filmhochschulen solche Praktika schon Grundlage des Bewerbungsverfahrens überhaupt. Zum anderen läuft die Vermittlung ins professionelle Filmgeschäft durch hochschulinterne Filmvorführungen (Show-Cases) und persönliche Empfehlung durch Hochschullehrer (das berühmte Vitamin B) an den Hochschulen seit Jahren schon erfolgreich und informell, ohne in den Studienplänen extra ausgewiesen zu sein. Sowieso haben praktisch nicht nur alle Abschlussfilme außerschulische Koproduzenten, auch ein großer Teil früherer Studienarbeiten der anwesenden Filmstudenten wurde in Zusammenarbeit mit außerschulischen Produktionsfirmen realisiert. Die Studenten leiden an manchen Hochschulen eher an mangelnder inhaltlicher Auseinandersetzung mit ihren Projekten. Und für die Hochschulen ist es in der Realität ein viel größeres Problem, die Studenten an den Hochschulen zu halten, bevor sie in die Untiefen der Fernsehkanäle abgeworben werden.
Nicht alle natürlich. Doch hier, mit den Fernsehredaktionen, war dann auch ein allgemein konsensfähiger Buhmann für alle Beteiligten zu finden. Nicht die Abwerbungen, sondern Formatierung, Quote und Qualität sind das Problem. Denn die Probleme fangen eigentlich nach dem Auftrag erst an. Manche Geschichten redaktioneller Eingriffsversuche klingen wirklich wie aus dem Witz-Repertoire eines diktatorischen Regimes. Nur dass statt Zensur eine Mischung aus Markt und Dummheit regiert: Fällige Entscheidungen, die am Ende aus purer Angst der Marktforschung übergeben werden. Dokumentarfilm-Helden, die nicht schön genug sind für den Samstagnachmittag. Dffb-Direktor Reinhard Hauff propagiert gegen solche Anpassungsmechanismen die "starke anpassungsresistente Regiepersönlichkeit". Die anwesenden Vertreter nehmen das wohlwollend hin, schließlich repräsentieren sie ja auch die vielbeschworenen Nischen im Programm, in die die jungen Macher mit aller Macht drängen, ob ihr Produkt nun so recht passen will oder nicht. Claudia Tronnier vom Kleinen Fernsehspiel beim ZDF etwa, Inge Classen von 3 SAT, Werner Dütsch von der Filmredaktion des WDR und Peter Latzel, Abteilungsleiter beim SWR: Orte, wo Fernsehen "bei seinem Besten" ist.
Doch Nischen sind, das haben sie nun einmal an sich, flächenmäßig eher begrenzt. Alle kommen hier nicht unter, können es gar nicht. Es ist eine weitverbreitete Folge der Heroisierung des Marktes, sein Misslingen immer nur als ein Vermittlungsproblem zu verstehen. Jobs, die nicht da sind, können aber auch nicht verteilt werden. Sendeplätze die fehlen, kann man nicht beliefern, höchstens um ihre Ausweitung kämpfen. Gewinnen kann immer nur der Einzelne, nie alle. So konkurrieren die Hochschulen ja gegeneinander um die gleichen Pfründe. Auch die etablierten Regisseure fordern ihr gutes Recht. Und die Zuschauer. Keine Angst, hier soll nicht die Quote bemüht werden. Doch es ist eine anzuerkennende Wahrheit, dass nicht jeder Filmhochschulabsolvent das Zeug zum guten Filmemacher hat. Insofern ist es gut und nützlich für alle Beteiligten, dass die Filmhochschulen ihren Absolventen auch ein breites Know-How an technischen Kenntnissen mitgeben, mit denen die Absolventen ihrem Broterwerb nachgehen können, ohne gleich "in Berlin auf der Straße zu sitzen", wie es in einem mitleiderheischendem Beitrag hieß: An der Kamera, im Schnitt oder in Assistenzen zu arbeiten ist keine unwürdige Arbeit. Andererseits machen einige auch den umgekehrten Weg: Antje Kruska etwa und Judith Keil mit ihrem Glanz von Berlin, der gerade in den Kinos läuft, haben sich durch die Praxis hochgearbeitet. Auch ihr Film ist ein Kleines Fernsehspiel. Ganz ohne Filmhochschule.

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00:00 14.06.2002

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