Gemeingut? Gemeinwohl? Gemeinheit!

Italien Milliardärsmobbing auf Sardinien. Kann denn Luxus Sünde sein?

Während sich im gemäßigten Deutschland der bislang unbescholtene Christdemokrat Rüttgers angelegentlich einer nächtlichen Polonnaise durchs Adenauer-Haus in einem aus uralten Parteibeständen stammenden Paar Hosen mit sozialem Schlag verfangen hat und beinahe vom Pfade des alleinseligmachenden Kapitalismus abgekommen wäre (hätten ihm seine Parteifreunde nicht beherzt die sozialistischen Flausen ausgetrieben), zieht im temperamentvolleren Süden ein furchtloser Streiter gegen das wahre soziale Unrecht unserer Zeit zu Felde: Flavio Briatore, italienischer Formel-1-Manager, hat den "Steuerterror gegen Spitzenverdiener" satt und bläst zum Sturm gegen die von der Region Sardinien eingeführten menschenverachtenden Sonderabgaben auf Ferienvillen, Luxusyachten und Privatjets.

In allen großen italienischen Tageszeitungen lodert dieser Tage sein "J´accuse" den mitfühlenden Lesern auf halbseitigen Werbeanzeigen entgegen: "Luxus ist kein Verbrechen!" Doch wie ein Verbrecher fühlt sich der Milliardär behandelt, seit ihn der sardische Fiskus unter dem Deckmäntelchen einer Umweltsteuer zur Kasse bittet. In Sardinien scheint eine Reichenhatz im Gange, wie sie die Welt seit Lenins Oktoberrevolution von 1917 nicht mehr erlebt hat. Allein für seinen bescheidenen Strandbungalow an der Costa Smeralda soll der per Selbstdefinition zum "Mann der Erfolge" Geadelte nun 900 (in Worten: neunhundert!) Euro jährlich berappen. Und woher nehmen, wenn nicht stehlen? Von der Megayacht, die vor seinem Privatclub Billionaire ankert, einmal ganz zu schweigen.

Mit bescheidenem Stolz setzt sich Briatore deshalb in einer PR-Kampagne zur Wehr: "Wir Reichen können mehr als Champagnerflaschen entkorken. Sardinien hat uns viel zu verdanken." Wer aktuelle Luftbildaufnahmen der Insel kennt, weiß, wovon die Rede ist. Wo bis Anfang der neunziger Jahre kleine Kieswege und vereinzelte Feldsteinhütten die Landschaft säumten, zieht sich heute ein dichtes Netz asphaltierter Privatstraßen von Villa zu Villa. Die Nutzung dieser "wichtigen Infrastrukturen zur wirtschaftlichen Entwicklung Sardiniens", von wohltätigen Superreichen teils sogar aus der eigenen Tasche bezahlt, soll fortan kostenpflichtig sein - der reinste Staatsterror! Bereitwillig springen aufrechte Meinungsmacher wie Maurizio Belpietro, Chefredakteur der neoliberalen Tageszeitung Il Giornale, für die gebeutelten Multimillionäre in die Bresche: Eine regelrechte Vermögenssteuer solle da offenbar eingeführt werden, tönt er sichtlich empört in einer Talkshow. Angewidert verzieht er beim Unwort "Vermögenssteuer" den Mund. Es geht ihm nicht leicht über die Lippen, aber er will den Teufel beim Namen nennen. Der Einwand des sardischen Ministerpräsidenten Soru, es gehe um eine dem Naturschutz dienende Abgabe auf begrenzte Ressourcen, prallt an seinem kühn wiederholten Ruf ab: "Vermögenssteuer! Vermögenssteuer!" Hier werde das Grundrecht auf Privateigentum mit Füßen getreten.

Damit nicht genug, hat die sardische Regierung einen völligen Baustopp im Küstenland verhängt. Nicht einmal, wer vor dem Amtsantritt der Mitte-Links-Koalition sein Schäfchen ins Trockene zu bringen versucht hat, wie Italiens Ex-Premier Berlusconi, ist vor Schikanen sicher. Mit dem aufwendigen Umbau seiner Villa in Porto Rotondo habe er lediglich "die Landschaft verschönern" wollen, beteuert Berlusconi. Doch der als "Denkerhain" geplante, künstlich aufgeschüttete Hügel mit den eigens in Spanien ausgegrabenen hundertjährigen Olivenbäumen ist den Umweltbehörden ein Dorn im Auge - Neid und Missgunst sind offenbar nicht zu zügeln.

Noch erschreckender als die Repressionen gegen die oberen Zehntausend sind freilich die Motive Sorus, der sich nicht scheut, die letzten unverbauten Gebiete der Mittelmeerinsel als "Gemeingut" zu bezeichnen, das es "zum Gemeinwohle heutiger und künftiger Generationen" zu erhalten gelte, wie er sagt. - Wo kommen wir denn da hin, fragen sich Berlusconi, Briatore und Gesellen: Gemeingut? Gemeinwohl? Gemeinheit! Wofür haben wir denn das ganze Geld? Verbirgt sich hinter der Maske des umsichtigen Landesvaters am Ende der kommunistische Satan?!

Briatore jedenfalls will es nicht länger hinnehmen, als Reicher gemobbt zu werden. Im Billionaire sind für August diverse Protestaktionen bei Schampus und Languste anberaumt. VIPs aus aller Herren Länder haben sich bereits solidarisch erklärt. Und wenn Rüttgers fein artig ist, schickt ihn die CDU vielleicht als Vertreter hin.


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00:00 01.09.2006

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