Gemordete menschliche Natur

Naive Gesellschaftskritik Karl Marx nachgelassene Schrift über den Selbstmord

Ende Oktober wurde der in Lahore geborene und in London wohnhafte Schriftsteller und Filmemacher Tariq Ali auf dem Münchner Flughafen verhaftet. Der Verdacht der Sicherheitsbeamten entzündete sich, selten genug in einer bilddominierten Zeit, an einem Buch. Der Verfasser war Karl Marx, der Titel Vom Selbstmord. Der des Terrorismus verdächtige Tariq Ali berief sich auf den lokalen Oberbürgermeister, dem er am Tag zuvor die politische Lage in den arabischen Ländern erklärt habe und gelangte ohne längeres Einsitzen ins Flugzeug.

Zunächst belegt dieser Vorfall die Hysterie deutscher Kontrolleure. Mit dem Attentat vom 11. September hat Marx´ kleine Schrift nichts zu tun, so wenig wie die neuen Anschläge auf das uralte Motiv des Selbstmordes bezogen sind. Terroristen wollen andere umbringen und nehmen in Kauf, dass das wirkungsvollste und manchmal einzige Mittel hierzu der eigene Tod ist. Es geht also primär nicht um Selbstmord, sondern um (Massen-) Mord, so dass eine Anleitung zum Selbstmord im Gepäck reisender Terroristen Unsinn ist. Allerdings lässt sich aus dem eigenen Tod Kapital schlagen, denn in der Verklärung der ums Leben gekommenen Terroristen findet sich ein Abklatsch der Argumente, mit denen in der Geschichte der Selbstmord geadelt wurde. Von Senecas Stoizismus bis zu Goethes Werther, von der politischen Räson bis zum Leiden an der Welt erhielt die Tatsache der Selbsttötung häufig die höheren Weihen einer bemerkenswerten Tat und Leistung, die außergewöhnlicher Welterkenntnis und Selbstüberwindung bedurften.

Die Widerlegung dieser Theorie geschah auf zwei Wegen. Antonin Artaud beschäftigte sich, noch vor seiner Internierung in einer Irrenanstalt, mit dem Motiv des Selbstmordes. Er schrieb, dass die Zuerkennung edler Motive ein Trick sei, um Außenseiter und Asoziale wie ihn zu diesem Schritt zu bewegen, und das sei widerwärtig. Den anderen Weg beschritten Jacques Peuchet und der junge Karl Marx. Peuchet, der sich leidlich durch die Revolutionsjahre geschlagen hatte, erlangte nach 1815 eine leitende Stellung innerhalb der der französischen Polizeiarchive. In dieser Funktion wurde ihm klar, dass Menschen sich nicht aus edlen Motiven heraus umbringen, sondern weil soziale Zwänge ihnen andere Auswege verstellen. Anhand von vier Fallbeispielen klagte er die Institutionen Familie und Gesellschaft an, hierfür verantwortlich zu sein. Marx übersetzte diesen Text und redigierte ihn, lies einige Wendungen und Passagen aus, ersetzte manche Wörter und fügte eigene hinzu. In der kleinen Sozialistenzeitschrift Gesellschaftsspiegel erschien dann 1846 Marx´ nicht gerade buchstabengetreue Übersetzung.

Marx´ Text erschien in der ersten Gesamtausgabe in den dreißiger Jahren, wurde vergessen und vor einigen Jahren in einer französischen und amerikanischen Edition herausgebracht. Der Karlsruher ISP-Verlag hat jetzt in einer mustergültigen Ausgabe eine deutsche Fassung vorgelegt. In dem Band befinden sich der französische Text von Peuchet und Marx´ Übersetzung wie Kommentare und Einführungen, die sich mit dem Motiv des Selbstmordes sowie der Stellung dieser Schrift im Kontext von Marx´ Arbeit beschäftigen. Hier ist es möglich, dem Übersetzer und Redakteur Marx über die Schulter zu blicken. Seine Eingriffe sind mitunter beträchtlich. Er ersetzt Peuchets "in Zeiten des Unglaubens" durch "je weiter unsere Handelsepoche vorschreitet", schreibt, wo Peuchet einen "Mangel an Religiosität" sieht, von einer "Art Religiosität", ersetzt "Ich will mich nicht auf Theorien stützen, sondern Tatsachen vorlegen" durch "Ich fand, daß außer einer totalen Reform der jetzigen Gesellschaftsordnung alle anderen Versuche vergeblich sein würden". Die religiöse Rhetorik des Franzosen findet Marx durchgehend entbehrlich. An einigen Stellen begrenzt er Peuchets Redundanz, an anderen reichert er ihn mit unverkennbarem Marx an. Einige dieser Hinzufügungen sind aufschlussreich, und das nicht nur, wie die Herausgeber hervorheben, weil hier das Thema des Geschlechterverhältnisses und der Unterdrückung der Frauen vorkommt. Der Fall einer Tochter, die von ihren Eltern gedemütigt und beschimpft wird, führt ihn zu folgender Hypothese: "Die feigsten, widerstandsunfähigsten Menschen werden unerbittlich, sobald sie die absolute elterliche Autorität geltend machen können. Der Missbrauch derselben ist gleichsam ein roher Ersatz für die viele Unterwürfigkeit und Abhängigkeit, denen sie sich in der bürgerlichen Gesellschaft mit oder wider Willen unterwerfen."

Nun kann man Marx nicht vorwerfen, dass er in den folgenden Jahren keine Theorie der autoritären Persönlichkeit geschrieben hat, wie sie hier anklingt und von der Frankfurter Schule während des Nazismus kollektiv durchgeführt wurde. Natürlich besitzt das Werk von Marx Leerstellen, die seinen begrenzten intellektuellen Kapazitäten wie den Grenzen, die seine Zeit ihm setzte, geschuldet sind. Anklagen wie diese finden sich viele in den Frühschriften, die nicht nur von Hegel, sondern auch von Kant und Fichte, nicht zu vergessen von Rousseau beeinflusst sind.

In dieser Schrift gibt es viele Marx-Sätze, die das Bild des jungen, romantischen Philosophen und radikalen Humanisten bestätigen. Marx schreibt über die von verdorbenen Zuständen "gemordete menschliche Natur", das Eigentumsrecht, das sich auch auf die Liebe ausdehnt, lästert gegen den Geiz, als wäre er Balzac und unterstreicht jene Stelle, in der Peuchet Rousseau mit den Worten zitierte, diese Gesellschaft sei eine von wilden Tieren bevölkerte Wüste. Dieser Humanismus von Marx hatte in den zwanziger und den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts seine Konjunktur, er war allerdings nicht unumstritten. Die Kritik des französischen Kommunisten und Philosophen Louis Althusser aus den frühen Sechzigern, der zufolge der "wissenschaftstheoretische Einschnitt" im Werk von Marx die humanistischen Frühschriften von den reifen, theoretischen Werken trenne, enthielt neben dem philologischen einen eminent politischen Aspekt. Althusser wandte sich damit gegen eine Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners, die unter einer "humanistischen" Fahne natürlich leichter reformerische Bewegungen anziehen kann als unter dem Begriff "Produktionsverhältnisse".

Die Stellung zu Marx´ Frühschriften impliziert also auch die zu einer romantischen, naiv-unhistorischen Gesellschaftskritik, wie sie sich in beinahe allen mehr oder weniger kritischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts findet, von der Jugendbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Alternativ- und Anti-Globalisierungsbewegung der Gegenwart. Die Frage ist, ob eine auf eine Natur des Menschen rekurrierende, "naive" Gesellschaftskritik, die nicht mit den ökonomischen Begriffen des Kapital operiert, abgewehrt oder integriert werden sollte. In seiner Schrift über den Selbstmord stellt Marx fest, dass eine Gesellschaft, in der Menschen sich gezwungen sehen, aufgrund sozialer Zwänge ihr Leben zu beenden, widernatürlich ist. Der Herausgeber Kevin Anderson argumentiert, dass Fragen nach der Natur des Menschen Marx zu Themen wie der autoritären Struktur der Familie, der Unterdrückung der Frauen geführt haben, die er später vernachlässigte, die aber hundertfünfzig Jahre danach große Bedeutung erlangten. Marx´ Frühschriften jedenfalls, darunter diese Arbeit über den Selbstmord, enthalten also mehr als das, was in den ökonomischen Hauptwerken ausgeführt und entwickelt wurde.

Karl Marx: Vom Selbstmord. Herausgegeben und eingeleitet von Eric Plaut und Kevin Anderson, Neuer ISP-Verlag, Karlsruhe 2001, 128 S., 32,- DM

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00:00 30.11.2001

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