Genug der Chuzpe!

Israel Der Bericht der Winograd-Kommission zum Libanon-Krieg und die Flucht vor der Wirklichkeit

Ich bin bei vielen Demonstrationen auf Tel Avivs Rabin-Platz gewesen, auch als er noch "Platz der Könige Israels" genannt wurde. Ich war bei der legendären "Demonstration der 400.000" nach dem Massaker von Sabra und Shatila im Sommer 1982*. Ich war dort, als Ministerpräsident Yitzhak Rabin erschossen wurde. Ich war dort, als die Massen junger Leute auf dem Boden saßen, ihre Tränen trockneten und Kerzen für den Ermordeten anzündeten. Es hieß damals, die junge Generation sei endlich aufgewacht, aber sie hörte bald mit dem Weinen auf und ging ihren Weg, als die Kameras wieder verschwunden waren.

Ich war auf diesem Platz, als 100.000 spontan auf den Platz strömten vor lauter Freude, dass Ehud Barak von der Arbeitspartei im Mai 1999 die Wahlen gewonnen und Israel vom Alptraum Netanyahu befreit hatte - auch wenn es viele von ihnen später bereuten.

Aber die Demonstration, an der ich vor einer Woche teilnahm, war anders als alle vorausgegangenen. Da waren Leute von der Linken und Rechten, Religiöse und Säkulare, Siedler und Friedensaktivisten. Irgendwann begegnete ich dem Knessetmitglied Effi Eitan, den ich als Faschisten Nr. 1 in Israel betrachte - und der mich wohl als den Zerstörer Nr. 1 des Staates Israel betrachtet. Wir ignorierten einander, aber wir waren beide dort.

Ein Aufstand der Bürger, die zusammenkamen, um "Genug der Chuzpe!" zu schreien. Nach dem schändlichen Fiasko des Libanon-Krieges hätten die verantwortlichen Politiker sofort zurücktreten sollen. Erst recht nach dem vernichtenden Bericht der Winograd-Kommission. Wie der Schriftsteller Meir Shalev, einer der Redner bei der Kundgebung sagte: "Herr Olmert, Sie sagten, Sie arbeiten bei uns. Sie sind gefeuert!"

Es war gewiss eine Demonstration der Macht der israelischen Demokratie. Mindestens 120. 000 Bürger hatten sich versammelt, um ihre Frustration und ihren Zorn zum Ausdruck zu bringen. Einige unter ihnen hatten Parteiinteressen, um die Olmert-Regierung zu stürzen, aber die meisten von ihnen waren einfach gekommen, um zu sagen, sie hätten die Nase voll.

Der Protest galt drei Personen: dem Premierminister, dem Verteidigungsminister Amir Peretz und dem Generalstabschef des Libanon-Feldzuges, Dan Halutz, der bereits vor Monaten zurückgetreten ist.

Als Halutz noch die israelische Luftwaffe kommandierte, befahl er - um den Hamas-Führer Salah Shehade zu töten - eine Ein-Tonnen-Bombe auf dessen Haus zu werfen, die dann auch 15 Zivilisten - darunter neun Kinder - tötete. Als Halutz gefragt wurde, wie er sich fühle, wenn er eine solche Bombe ausklinke, lautete die Antwort, er fühle ein leichtes Zittern am Flügel.

Als dieser Mann Generalstabschef wurde, protestierte ich mit anderen vor dem Gebäude des Generalstabs. Unsere Einwände waren nicht nur durch moralische Erwägungen bestimmt, so wichtig die auch sein mochten. Wir wollten davor warnen, einer Person das Oberkommando anzuvertrauen, deren Arroganz auf fehlendes Urteilsvermögen schließen ließ. Plötzlich kommt die Winograd-Kommission mit ihrem Report und wiederholt fast die gleichen Worte. Nur sind in der Zwischenzeit 119 israelische Soldaten, 40 israelische Zivilisten und etwa tausend Libanesen getötet worden - weil die Regierung Israels dem beflügelten Dummkopf hörig war.

Ehud Olmert hat sich als ein leichtfertiger Führer erwiesen, der uns mit minimalem Wissen über die Lage im Libanon in einen Krieg gestürzt hat. Er erkannte die Gefahren nicht, denen die Zivilbevölkerung Israels ausgesetzt war, er wollte auch keine Alternativen zum Krieg in Betracht ziehen, er war und ist eben ein Experte für Partei-Manipulationen, wie er das gerade erneut beweist.

Ihm wird vorgeworfen, vor reichlich einem Jahr den Libanon-Feldzug überstürzt begonnen, keine klar definierten Ziele formuliert, die Reservetruppen nicht beizeiten mobilisiert zu haben. Überdies sei die Entscheidung zu einem großen Bodenangriff getroffen worden, als von der UNO schon die Resolution für eine Feuerpause ausgearbeitet war - so habe Olmert völlig unnötig 40 weitere Soldaten geopfert.

All diese Anklagen sind richtig, aber sie schließen auch ein großes Maß an Wirklichkeitsflucht ein. Sie tun alles, um der Debatte über das tatsächliche Übel aus dem Weg zu gehen und beschäftigen sich mit zweitrangigen, zuweilen trivialen Symptomen.

Nach dem Krieg von 1973 wurde auch nicht gefragt: Warum reagierte Golda Meir nicht zuvor auf das Friedensangebot des ägyptischen Präsidenten Anwar Sadat? Warum verbrachten wir nach dem Krieg von 1967 sechs lange Jahre mit Siegesfeiern prahlerischen Reden und bauten Siedlungen, statt die einzigartige Gelegenheit beim Schopfe zu packen und Frieden zu machen? Warum wurde das Staatsschiff wie ein Narrenschiff geführt?

Sollen wir Olmert stürzen? Vielleicht wäre es wirklich besser, ihn durch Zipi Livni oder Shimon Peres zu ersetzen. Sind möglicherweise auch Neuwahlen besser, selbst wenn Benjamin Netanyahu sie gewinnen sollte? Aber ist der gescheiterte Netanyahu wirklich besser als der gescheiterte Olmert? Oder müssen wir den gescheiterten Ehud Barak zurückholen?

Tatsächlich lautet die eigentliche Frage gar nicht, warum Olmert den Krieg so überstürzt begann, sondern warum er ihn überhaupt begann. Jede klar denkende Mensch begreift, dass die Hisbollah nur dann keine Gefahr mehr ist, wenn man mit Syrien Frieden schließt, einen Frieden, für den wir die Golanhöhen zurückgeben müssen. Was ist wichtiger für uns - der Frieden oder der Golan? Der Golan und die gottverlassenen Sheeba-Farmen oder der Frieden mit dem Libanon?

Genau darüber wird keine ernsthafte Debatte geführt - weder in der Knesset, noch in den Medien, noch bei öffentlichen Diskussionen. Es ist leichter, "Olmert, geh nach Hause!" zu schreien. Ja, natürlich muss Olmert nach Hause gehen. Wir brauchen eine neue Führung, die begreift, dass Israel nur dann zur Ruhe kommt, wenn wir Frieden mit den Palästinensern schließen. Selbst um den Preis, die Siedlungen auflösen zu müssen. Wird dies ernsthaft erwogen? Würde dies Hunderttausende auf den Platz bringen? Natürlich nicht.

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs

(*) In den palästinensischen Flüchtlingscamps Sabra und Shatila am Rande von Beirut wurden im September 1982 etwa 800 Menschen mit Wissen der israelischen Armee von falangistischen libanesischen Milizen getötet.


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00:00 11.05.2007

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