Geschichten aus dem echten Leben

Kriminaldauerdienst Drehbuchautor Orkun Ertener über die Anfänge der ZDF-Serie „Kriminaldauerdienst“ (KDD), die ab dem 13. März freitags um 21.00 Uhr auf Arte wiederholt wird

Der Freitag: Herr Ertener, was ist für Sie eine „gute Geschichte“?

Orkun Ertener: An erster Stelle würde ich für mich Wahrhaftigkeit nennen. Ein Drama sollte anrühren. KDD ist für mich weniger Krimi als Drama, die menschlichen Aspekte wiegen schwerer als die Kriminalfälle. Die entscheidenden Fragen sind: Berührt mich eine solche Geschichte menschlich und emotional? Ist das, was ich da sehe, neu? Und ich bin vorsichtig, wenn es um Moral geht, ich stelle zwei sich ausschließende Sichtweisen auch mal gleichwertig dar. Das kann zur Qualität einer Geschichte beitragen.

Sie arbeiten in Köln-Ehrenfeld. Gewinnen Sie in diesem Umfeld Ideen für Ihre Stoffe, die bei KDD dann in Berlin angesiedelt sind?

Tatsächlich ist es so, dass die Grundentwicklung von KDD nun schon vier, fünf Jahre her ist. Die Recherche für den Kriminaldauerdienst geschah in Köln.

Wie muss man sich ihre Recherche vorstellen?

Ich wollte eine fortlaufende Serie schreiben, die im Polizeimilieu angesiedelt ist,. Also stellte sich für mich die Frage: In welcher Polizeieinheit kann man so etwas ansiedeln? Was hat man bisher noch nicht gesehen? So kam ich auf den Dauerdienst, der die Feuerwehraufgaben übernimmt, wenn sonst keiner Zeit hat oder wenn gerade etwas außerhalb der Dienstzeiten passiert. In der Realität sieht das natürlich alles vollkommen anders aus, als wir es in der Serie darstellen. Aber der Dauerdienst hat mit fast allen Arten von Kriminalität zu tun, und deshalb hat er sich für mich angeboten, um eine Vielfalt von Geschichten zu erzählen. Ich habe dann hier in Köln beim Dauerdienst einige Tage verbracht und dabei mit vielen Menschen gesprochen. Die meisten Geschichten der ersten KDD-Staffel, haben wirkliche Ereignisse als Grundlage. Bei der zweiten Staffel hat sich das dann ein wenig geändert.

Sind sie in den Polizeiakten auf diese Vorfälle gestoßen?

Nein, das sind die Ergebnisse meiner Gespräche mit den Polizisten.

Wie entstand aus diesen Geschichten dann das eigentliche Drehbuch zur Serie?

Ich wollte auf eine neue Art erzählen, ein bisschen nach dem Modell der US-Serien. Kriminaldauerdienst sollte eine Serie werden, die durchgängig erzählt ist, aber keine Soap. Handwerklich und dramaturgisch ist beides sicher verwandt. Aber ich wollte, eine Serie, die qualitativ hochwertig ist und in die Tiefe geht. Bei mir fängt es mit den Figuren an, die müssen mich interessieren. Ich muss diesen Menschen über mehrere Jahre folgen wollen. Bei uns sind es jetzt schon drei oder vier. Welche Geschichten passen zu diesen Menschen? Das ist zunächst eine Kopfgeburt. Die Geschichten, die wir in der Serie erzählen, sind nicht im strengeren Sinne authentisch, aber sie haben alle eine Wurzel in der Wirklichkeit.

Sie erwähnten als Modell die US-Serien.

Ende der 80er begann dort mit den Ensemble-Shows eine neue Tradition. Sie erzählen über mehrere Folgen fortlaufende Geschichten die nicht in der Weise abgeschlossen sind, wie wir es vonden meisten unserer deutschen Formate wie Derrick oder Ein Fall für Zwei kennen. Bei unserer Geschichte gibt es insgesamt sieben Protagonisten, deren Geschichten über eine lange Strecke durchgängig und zum Teil parallel erzählt werden. Wir erzählen ihr Privatleben, ihre Kriminalfälle und kleine disparate Geschichten.

Auf welche Schwierigkeiten sind sie gestoßen, als es darum ging die Serie zu realisieren?

Abgeschlossene Geschichten sind einfacher im Programm eines Senders zu platzieren. Bei KDD haben Sie das Problem, dass es schwierig ist, wieder einzusteigen, wenn man ein paar Folgen verpasst hat. Für den Sender ist das ein Problem. Wir versuchen das durch den Einstieg „Was bisher geschah“ aufzufangen. Trotzdem kann es sein, dass einer den Anschluss verliert. Für den Sender bleibt dieses Risiko. Hinzu kommt, dass wir mit insgesamt sieben Hauptpersonen relativ komplex erzählten. Das gilt nicht für jede einzelne Folge, aber innerhalb einer Staffel (= 10 Folgen) werden alle sieben Geschichten komplett erzählt. Es gibt ein bis zwei Kriminalfälle pro Folge, dazu einen horizontalen Fall, der sich durch die gesamte Staffel zieht plus die Privatgeschichten. Das kann für den Zuschauer auch anstrengend sein, anstrengender als die anderen deutschen Krimiserien.

Ist es eine Geldfrage oder intellektuelle Bequemlichkeit, dass solche Serien hierzulande nicht funktionieren?

Die Frage ist, ob es dafür ein Publikum gibt. Die meisten hochwertigen US-Serien gibt es hier als Kaufserien oder bei Sendern, die auf das junge Publikum abzielen. Bei Emergency Room hat es zum Beispiel Jahre gedauert, bis die Serie etabliert war. Ein anderes Beispiel ist 24, eine Serie, die ich dramaturgisch sehr schätze, auch wenn sie inhaltlich recht fragwürdig ist. Das sind alles keine Erfolge bei uns gewesen. Die Frage ist: Haben wir das Publikum? KDD ist eine recht junge Erzählform, das ZDF-Publikum ist relativ alt. Aber wenn wir von tollen US-Serien sprechen, dann ist es auch nur die Spitze die international wahrgenommen wird. Auch in den USA machen diese Serien nur einen kleinen Anteil aus.

Wie haben Sie es geschafft, das ZDF von KDD zu überzeugen? KDD sendet schliesslich auf dem alten Sendeplatz der berühmt-berüchtigt schlicht gestrickten Herbert-Reinecker-Serien.

Das ZDF hat sich als Glücksfall erwiesen, weil sie von dem Konzept recht schnell begeistert waren. Und wir hatten nicht nur ein Konzept, sondern auch schon ein fertiges Buch. Das hat überzeugt. Das ZDF hat dieses Experiment, es war eins und ist es noch, immer sehr unterstützt. Es hat uns große inhaltliche Freiheit gelassen und so ist etwas kohärentes und überzeugendes entstanden. Bei diesem Projekt wurde von Anfang an nicht auf die Quote geschielt.

Die Hoffnungen wurden dann schließlich auch nicht erfüllt ...

Wir sind im Senderschnitt geblieben, aber für den beim ZDF exponierten Freitagabend war es kein Erfolg. Da hatte das ZDF-Publikum andere Erwartungen. Ob die mit unserer Serie jemals übereinstimmen werden, ist eine andere Frage.

Auf jeden Fall kann man festhalten, dass es für den Sender ein riesiger Imagegewinn war. Viele waren überrascht dass das ZDF so eine Produktion wagt.

Das stimmt. Es hat förmlich Preise gehagelt. Unter künstlerischem und kreativem Aspekt war die Serie sicher ein voller Erfolg.

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20:05 13.03.2009

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