Geschichten aus der Röhre

Novelle Zora del Buonos „Gotthard“ glänzt mit feiner Beobachtungsgabe und der Präzision der Sprache
Maike Wetzel | Ausgabe 37/2015
Geschichten aus der Röhre
Dicht und gut recherchiert sind die Fakten zum Bau des längsten Tunnels der Welt

Foto: Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Nicht mit des Teufels goldenen Haaren jongliert Zora del Buono in ihrem aberwitzigen, um menschliche Sehnsüchte in einem tödlichen Tunnel rotierenden Märchen, sondern mit DIN-Normen und Stellschrauben. Die Esel kacken hier kein Gold, sie sind vielmehr „Salamirohstoff, langohrig“. Die tatsächlich existierende Baustelle des Basistunnels am Gotthard verwandelt sich in ein Sinnbild für das Behelfsmäßige unserer Existenz, das Dümpeln im Transit des Seins. Bei Zora del Buono erlösen manchmal Magie, manchmal Technikbegeisterung, manchmal körperliche Höhepunkte die Figuren kurz aus dem Einerlei.

Als ehemalige Architektin und Bauleiterin ist die Autorin mit Baustellen und den Menschen darauf vertraut. Heute verfasst sie als Mitbegründerin der Zeitschrift mare und Journalistin Reisereportagen oder ganze Bücher über illustre Ziele in aller Welt. Mit Gotthard ist die in Berlin Lebende in ihre Heimat, die Schweiz, zurückgekehrt. 57 Kilometer lang ist der Basistunnel am Gotthard – bis heute die längste Baustelle der Welt. An die Brandkatastrophe im Jahr 2001 erinnern sich wahrscheinlich viele mit mulmigen Gedanken, während sie mit ihrem Auto in einer der Röhren unter dem Bergmassiv stecken. Bei dem Feuer starben damals elf Menschen. Tatsächlich aber gab es nicht nur diesen einen Unfall: Zwischen 1980 und 2004 kamen insgesamt 30 Leute im Gotthard um.

Rund um dieses ebenso grandiose wie gefährliche Ingenieursprodukt fächert Zora del Buono ihre Handlung in kurze Kapitel auf. Sie sind je einer Person ihrer comichaft überzeichneten Figuren gewidmet und enden meist mit einem Cliffhanger. Da gibt es etwa die ihren eigenen körperlichen Reize grotesk überschätzende, 60-jährige Dora Polli-Müller oder den spießigen Trainspotter Bergundthal im elfenbeinfarbenen Leinenanzug, den mageren, „Filz“ genannten Bauarbeiter mit seiner Anbetung der weiblichen Fleischlichkeit oder den besinnungslosen Motorradfahrer Aldo Polli, der vor nichts Respekt hat außer vor seiner Frau Dora. Auf die eine oder andere Weise sind sie alle mit dem Tunnel verbunden. Sie bohren, beliefern, bewundern oder verachten ihn.

„Es gibt eine Metaphysik der Röhren. Slawomir Mrozek hat über Röhren so einiges gesagt, das man, je nachdem, zutiefst verstörend oder zum Schreien komisch finden kann. Vielleicht beides zugleich: Röhren sind die einzigartige Verbindung von Fülle und Leere, hohle Materie, eine Membran der Existenz um ein Bündel Inexistenz.“ Zora del Buono scheint ähnlich paradox und grundsätzlich wie die belgische Schriftstellerin Amélie Nothomb über den Charakter des Tunnels nachzudenken.

Begattungsakt

Die feine, humoristische Beobachtungsgabe und die Präzision der Sprache sind die Triebfeder ihres Erzählens. So reicht Zora del Buono ein sich über eine halbe Seite windender Satz, um von der Nahrungsaufnahme beim Barfrühstück bis zur Begattung einer Eselstute zu kurven: Einen „schwerfällig und brutal anmutenden Akt“, nennt sie die Besteigung des Hengstes. Während dessen die Eselin „erst platschend Wasser gelassen, sich dann geschüttelt und ihr Fohlen angestupst hatte, das bald schon ein Geschwisterchen kriegen würde, Salamirohstoff, langohrig“. Egal ob Ameisen oder Gesteinsformationen, die an Hinterbacken erinnern – alles ist verzaubert und doch ganz und gar lächerlich. Selbst die sich in Luft auflösende Italienischlehrerin kommt erst mal alltäglich, mit auf Zahnstocher gepiksten Antipasti, daher.

Gotthard ist kein anrührendes Buch, dafür ist es zu überspitzt. Trotz einiger Toter liegt das eigentlich Interessante an diesem Buch nicht in den Handlungsbögen oder der Empathie für sein Personal, sondern im Detail. Dicht und gut recherchiert sind etwa die Fakten zum Tunnelbau. Ähnlich klarsichtig, aber quasi mit einer langen Brennweite schildert Zora del Buono auch Gefühle. Etwa die Scham des Freiers beim Entblößen seiner Begierde oder die Befremdung der Mutter angesichts ihrer Cowboytochter.

Zora del Buono nennt Gotthard eine Novelle. Tatsächlich ereignet sich am Ende eine „unerhörte Begebenheit“. Das bekannte Spukmotiv des kopflosen Reiters löst nebenbei auch das mehrmals angedeutete Rätsel um einen weiteren, Jahrzehnte vorher im Tunnel zur Ruhe betonierten Toten. Gotthard funktioniert ähnlich wie die Verfilmung von Raymond Carvers Kurzgeschichten. Der Regisseur Robert Altman verband Carvers einzelne Geschichten in seinem Film Short Cuts durch den Kunstgriff eines Erdbebens, ein neues Beziehungsgeflecht und geschickte Montage. In Gotthard sind die Erschütterungen rein menschlichen Ursprungs. Sie berühren nicht primär einen Einzelnen, sondern ein Ensemble von „Menschenleben durch die unendliche sinnliche Kraft einer Schicksalsstunde“. Was es etwa mit der brasilianischen Hure Monicá und der heiligen Barbara auf sich hat, ließe sich auch in einer Erzählung fassen. Durch die Spiegelung in der Perspektive des Freiers und anderer gewinnt die Geschichte an Widerhall. Ob sie das nun als „Novelle“ oder „vielstimmigen Mini-Roman“ auszeichnet, ist letzten Endes egal. Was zählt, ist, dass gute Geschichten in uns vibrieren, wie der Zug auf den Gleisen im Gotthard.

Info

Gotthard Zora del Buono C. H. Beck 2015, 144 S., 16,95 €

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