Gesellschaftsspiele

Licht aus, Spot an Das Deutsche Theater in Berlin zeigt Gerhart Hauptmanns "Einsame Menschen" als Würfelspiel mit unbekanntem Ausgang

Es begab sich aber zu der Zeit, als Friedrichshagen noch "bei" Berlin lag und einem aufstrebenden Naturforscher die Möglichkeit bot, sich fernab der Weltstadt und doch nur wenige Stunden von ihr entfernt in ein Landhaus zurückzuziehen, dessen Garten direkt an den Müggelsee grenzte. Das Idyll dieses Settings war jedoch schon vor gut 100 Jahren trügerisch.

Wie 1891 kurz nach der Uraufführung durch die "Freie Bühne" steht nun wieder Gerhart Hauptmanns Drama Einsame Menschen auf dem Spielplan des Deutschen Theaters in Berlin. Vor gut 100 Jahren bezweckte das Theater mit der Aufführung dieses Stücks, sich selbst in die radikal veränderte Gegenwart und darüber hinaus zeitgenössische Dramen in die "Legalität" zu überführen, die bis dahin nur in geschlossenen Veranstaltungen gezeigt werden konnten, wie sie die "Freie Bühne" unter der Leitung von Otto Brahm in verschiedenen Häusern organisierte. Mit der Uraufführung von Hauptmanns Vor Sonnenaufgang zwei Jahre zuvor hatte der Theaterverein, dessen Gründung sich maßgeblich Mitgliedern des "Friedrichshagener Dichterkreises" verdankte, nicht nur einen veritablen Skandal provoziert, sondern einer Kunstform zum Durchbruch verholfen, die unter der Bezeichnung Naturalismus in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Im Anfang war das grelle Licht, das den Bühnenboden für einen Moment förmlich leuchten und an den See denken lässt, der irgendwo hinter dem rückwärtigen schwarzen Tüll verdächtig still und starr ruht. Denn die Musik (Bert Wrede) wird kaum leiser, wenn Käthe Vockerat (Nina Hoss) die Bühne durch eine der Gassen betritt, die zwischen sieben in der Tiefe gestaffelten Portalen entstehen (Bühne Henrik Ahr).

Der Spiel-Würfel, in dem sich Hauptmanns einsame Menschen im 21. Jahrhundert begegnen, ist ein geometrisch wie optisch eigentümliches Gebilde: Als dreidimensionaler Raum ist sein Inhalt durch die zweidimensionalen Flächen definiert, die ihn begrenzen. Sobald aber die "vierte Wand" des Naturalismus fällt, geraten statt des Inhalts die "Werte" jener Seiten in den Blick, die normalerweise unsichtbar bleiben.

Käthe Vockerat betritt die Bühne durch die vordere linke Gasse und bleibt nach wenigen Schritten stehen. Sie trägt einen braunen Anzug mit messerscharfen Bügelfalten (Kostüme Michaela Barth) und ein Lächeln aus dem Model(l)baukasten. "Käthchen" ruft Herr Braun (Ingo Hülsmann) in Pfeffer und Salz-Anzug vorn rechts, ehe er zur Frau seines Freundes Johannes Vockerath (Robert Gallinowski) geht, der die Bühne diagonal queren muss, um die Dreiergruppe zu vervollständigen.

Hannes´ Kleidung ist ein Sammelsurium aus Pyjama, Jackett und achtlos gebundener Krawatte, und da sein Bewegungsdrang ähnlich extravagant geraten ist, erinnert er in nichts an den Naturforscher, der sich für vier Jahre mit Frau und Kind in dem Landhaus am Müggelsee eingemietet hat, um in Ruhe zu arbeiten. Das heftige "Stechen in der Brust", das ihn unvermittelt befällt, bleibt ebenso unbestimmt wie das Manuskript, an dem er zu schreiben vorgibt.

Mit der Handschrift des Regisseurs Michael Thalheimer ist der Berliner Theatergänger insofern vertraut, als dass mit Lessings Emilia Galotti und Tschechows Drei Schwestern derzeit zwei weitere Inszenierungen im Repertoire des Deutschen Theaters sind, die weniger an Anfang und Ende einer dramatischen Vorlage als gewissermaßen an deren Mitte interessiert sind, jenen Passagen, in denen ein Konflikt zwar beschrieben, aber, weil ohne Ort und Zeit, Ursache und Folge, nicht benannt wird. Doch wenn das Verfahren, mit dem Konflikt auch die Figuren aus sämtlichen Bindungen herauszulösen und zu isolieren, in anderen Fällen imstande war, spät-bürgerliche Dramatik mit frappierender Klarheit ins Heute zu überführen, droht es an Hauptmanns ohnehin schon Einsamen Menschen zum "weißen Schimmel" zu werden, der die Isolierung der Figuren als Ausdruck für deren Einsamkeit erklärt.

Frau Lehmann, die in eine dicke Strickweste gehüllte "gute Seele" des Hauses (Gabriele Heinz), muss ihren Dialog mit Frau Vockerat (Barbara Schnitzler) jedenfalls allein führen, damit die und ihr Cordanzug tragender Mann (Jörg Gudzuhn) gleichzeitig monologisieren können. Als schließlich das Fräulein Anna Mahr (Katharina Schmalenberg) im sommerlichen blauen Kleid die Bühne betritt, sind sämtliche am Konflikt beteiligte Personen versammelt - der sich jedoch zugleich verschoben, weil nach vorne links verlagert hat, wo Käthe sich vergeblich um Anschluss an die Gruppe bemüht, die im Hintergrund ausgelassen scherzt. Den ersten Versuch, sich zu nähern, bricht sie ab. Wenn sie sich schließlich überwindet, hat sich die Gruppe längst zerstreut, und ihr Mann ist mit Anna an den Müggelsee gegangen.

Mit diesen ersten Bildern wird die dramatische Konstellation zwischen einsamen Menschen beschrieben, die bei Hauptmann außer familialen Strukturen auch Leben zerstören wird. Auf einer Bühne jedoch, auf der sich die Wege der Figuren so selten kreuzen wie ihre Überzeugungen, kann auch ein Hannes Vockerat nicht an den überkommenen Anschauungen seiner Eltern und Ehefrau zugrunde gehen. Die sind ohnehin zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um den untätigen Verfasser eines nicht näher bezeichneten Manuskripts daran zu hindern, sich selbst zu verwirklichen, indem er seine Familie im Stich lässt und mit Anna in die Schweiz reist.

Dass wir mit dem 19. Jahrhundert auch deren Konfliktlage hinter uns gelassen haben, verkündet die Musik, die Harfe und Geige durch eine akustische Gitarre ersetzt hat. Wenn deren Klänge schließlich von elektronisch erzeugten, instrumentenlosen Tönen abgelöst werden, dann ist zumindest auf der Tonspur die Gegenwart angebrochen.

So nimmt es nicht Wunder, wenn "Papachen" Vockerats Moralpredigt, zu der er nach langer Abwesenheit die Bühne betritt, von jenem unvermittelten "Stechen in der Brust" erstickt wird, an dem sein Sohn schon vor einer guten Stunde litt. Doch nicht Käthe, sondern Anna kommt daraufhin durch die vordere linke Gasse, um zu verkünden, dass sie zur Abreise entschlossen sei. Und nicht Hannes, sondern Braun sträubt sich plötzlich mit Händen und Füßen gegen den Gedanken, sie gehen zu lassen. "Legen Sie doch ab", nennt er mehrfach die Mittel, mit denen er den Weggang der jungen Frau im sommerlichen blauen Kleid zu unterbinden gedenkt.

Dass er über sie herfällt und zu Boden zerrt, verschafft Käthe kurz darauf die Gelegenheit, zum ersten Mal mit ihrer Widersacherin allein auf der Bühne zu stehen. Unvermittelt beginnt sich der Würfel zu drehen. Wenn er wieder zur Ruhe kommt und die beiden Frauen sich Aug in Aug diagonal gegenüberstehen, ist plötzlich Hannes schemenhaft zu erkennen. Laut Hauptmann sollte er sich gerade im Müggelsee ertränken. Doch nun nähert er sich entschlossenen Schrittes der Bühnenmitte. Welchen Wert das haben und wohin es führen wird, bleibt im Dunkeln, weil mitten in der Bewegung das Licht ausgeht.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 09.01.2004

Ausgabe 24/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare