Gespensterleben

Kino Entschuldigung, was ist hier noch echt? „Donbass“ erzählt, wie im Krieg die Realität verloren geht

„Erstes Opfer im Krieg ist immer die Wahrheit“, lautet ein Zitat strittigen Ursprungs, das in Zeiten von Fake-News-Flutwellen und „hybrider Kriegsführung“ gerne bemüht wird. Dabei ist die völlige Absenz von Wahrheit kein leicht fassbares Konzept. Wie würde eine Welt aussehen, der jegliche Anmutung einer geteilten Wirklichkeit ausgetrieben wurde, bis auf den allerletzten Rest? In seinem jüngsten Spielfilm Donbass findet Sergei Loznitsa eine mögliche Antwort: wie ein groteskes Theater der Grausamkeit.

Schauplatz des Films ist der Osten der Ukraine, genauer gesagt die Grauzone im Bermudadreieck zwischen Donezk, Luhansk und Kramatorsk. Von Anfang an hat man das Gefühl, einer tragikomischen Inszenierung beizuwohnen – nur ist nicht ganz klar, wer Regie führt. In einem improvisierten Schminkzimmer werden Komparsen auf „einfache Leute“ getrimmt. Eine strenge Produktionsassistentin scheucht sie hakenschlagend zum Drehort, man hört den Donner entfernter Explosionen. Schon sprechen die Präparierten ihren Text in die Fernsehkameras: „Ich arbeite in einem Geschäft nebenan. Als ich den Knall hörte, bin ich gleich hergeeilt …“ Schwenk zu einem ausgebombten Buswrack.

Die zugespitzte Grundverunsicherung kann als Leitmotiv verstanden werden: Was folgt, handelt auf die eine oder andere Art immer von Darstellern und Zuschauern, von freiwilligen und unfreiwilligen Akteuren eines außer Kontrolle geratenen Kriegskarnevals. Wirklich „echt“, so scheint es, sind in diesem Verblendungsreigen nur die Toten. Hauptfiguren sucht man vergeblich – von Helden ganz zu schweigen. Scheinbar zufällig hangelt sich die Handlung von einer absurden Szene zur nächsten, als Bindeglied dient jedes Mal eine andere Figur. Loznitsa nennt Luis Buñuels Das Gespenst der Freiheit, einen Klassiker des filmischen Surrealismus, als Vorbild für diese Erzähltechnik.

Der Wahnwitz wächst dabei minütlich. Er keimt in einem potemkinschen Abstellraum, wo ein zynischer Bauernfänger sprachlosen Krankenschwestern vorgaukelt, ihr Chefarzt sei korrupt – und gipfelt in einer hysterischen Hochzeit unter dem Banner „Neurusslands“.

Bizarr in die Barbarei

Oft sind Kameras anwesend, das Bild nimmt immer wieder ihre Perspektive ein. Unter der Linse entwickelt jedes Geschehen den Charakter eines Spektakels. Dessen Ablauf hängt vom Publikum ab, das die Mitwirkenden im Kopf haben. Wobei die Rollenfächer zum Teil älter sind als der Ukrainekonflikt selbst, wie sich in einer Sequenz zeigt, in der ein deutscher Journalist von Separatisten sekkiert wird: „Du bist vielleicht kein Faschist, aber dein Opa war ganz bestimmt einer!“ Kurz darauf trifft der Reporter auf einen Soldatentrupp, will wissen, wer der Anführer ist. Lachend weichen die Kämpfer aus. Fotos werden geknipst, drei grüne Männchen „aus der Gegend“ – russische Streitkräfte, die keine sein wollen – halten sich diskret im Off. Dann findet sich doch ein „Oberhaupt“: ein bärtiger Irrer mit XXL-Pelzmütze, in dessen überspannter Suada Opfermentalität und Allmachtsfantasie zusammenfallen.

Die kontinuierliche Anhäufung solcher bizarren Miniaturen erweckt den Eindruck eines sukzessiven Rückfalls in die Barbarei. Einiges davon ist ziemlich komisch, doch der Schrecken schwingt immer mit.

Vieles fußt in Donbass auf vorgefundenem Material. Das Drehbuch des Films orientiert sich an Youtube-Clips und Erfahrungsberichten, er ist dystopisch und dokumentarisch zugleich. Und bezieht politisch klar Stellung, was westliche Zuschauer, die nicht mit den Feinheiten des Ukrainekriegs vertraut sind, möglicherweise übersehen könnten. 2014 setzte Loznitsa, der in Kiew aufwuchs und heute in Deutschland lebt, Euromaidan mit seiner eindrucksvollen Doku Maidan ein Denkmal. Immer wieder tritt er öffentlich und künstlerisch als scharfer Kritiker des neuen Russland in Erscheinung. Sein Donbass ist ein filmischer Zerrspiegel, der vor allem die windschiefen Weltbilder, dubiosen Motivationen und gefinkelten Propaganda-Apparate der Separatisten und ihrer Förderer an den Pranger stellt. Ein regulärer Kinostart in Moskau blieb ihm bislang verwehrt.

Nach der Cannes-Premiere des Films waren auch vereinzelte Gegenstimmen von proeuropäischer Seite vernehmbar: Viel zu einseitig sei Loznitsas Darstellung des Konflikts, viel zu fratzenhaft das karikatureske Unsittenbild. Tatsächlich lässt die bis ins kleinste Ton-Bild-Detail durchdachte, mit teilweise kryptischen Anspielungen gespickte Inszenierung wenig Spielraum für Schlussfolgerungen, die nicht den Absichten des Regisseurs entsprechen. Von einer eindeutigen „Botschaft“ zu reden, wäre trotzdem verfehlt: Dafür sind die satirisch-analytischen Volten, die Donbass schlägt, viel zu verschlungen. Nur eine Kernaussage drängt sich in den Vordergrund: Wenn die Welt zur bloßen Bühne verkommt, werden wir alle zu austauschbaren Statisten.

Info

Donbass Sergei Loznitsa Deutschland / Ukraine u. a. 2018, 110 Min.

06:00 08.09.2018

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