Gestrandet in Rheinsberg

Corona Nach einem Vierteljahr Quarantäne in Brandenburg kann ein Orchester aus La Paz die Heimreise antreten
Gestrandet in Rheinsberg
„Al fin en tierra paceña“, endlich daheim

Foto: Marlena Waldthausen

Wir waren in Rheinsberg verabredet, vergangenen Donnerstag, am Tag 100 ihrer Quarantäne. Das Orchester hätte im großen Saal geprobt, wie immer, den Raum erfüllt mit improvisierten Rhythmen und Melodien, mit Trommeln, Schellen und Flötenfetzen. Wahrscheinlich hätte Tati viel gelacht, wie immer, und Carlos hätte erzählt, dass es schlecht aussieht mit Flügen nach Bolivien. Wie immer. So hatten wir es uns vorgestellt, das stand zu befürchten, als wir einander zum ersten Mal begegneten. Die Quarantäne der bolivianischen Musiker ging gerade in die achte Woche, um uns herum Anmut und Licht des Brandenburger Frühlings. Sie wollten zurück nach Hause, nach Lateinamerika, wo die Infektionskurven gerade dabei waren, fast senkrecht nach oben zu weisen.

50 Tage zuvor, Anfang März, war das bolivianische „Orchesta Experimental de Instrumentos Nativos“ (OEIN) in Deutschland gelandet, 25 Musikerinnen und Musiker im Alter zwischen 16 und 37 Jahren. Ein Bus hatte sie am Flughafen Frankfurt abgeholt und zur Musikakademie nach Rheinsberg gebracht, die in einem Schloss residiert. Zusammen mit dem deutschen Ensemble „Phoenix16“ wollten sie hier für ihren gemeinsamen Auftritt proben, der in Berlin das März-Musik-Festival eröffnen sollte. Doch die Veranstaltung wurde zwei Tage nach ihrer Ankunft abgesagt. Wenig später machte Bolivien die Grenzen dicht. Ihr Rückflug wurde gestrichen. Sie saßen fest in einem Idyll, umgeben von Wäldern, Seen und Schwänen in der Mark Brandenburg. Für die Betroffenen begann es sich anzufühlen wie eine Haftstrafe. Sie waren in Sorge um ihre Angehörigen.

Daheim bezeichneten Journalisten sie als „Prinzen“, obwohl sie nicht im Schloss, sondern in einem schmucklosen Neubau wohnten, der an der Rückseite der Residenz klebt. In Bolivien herrschte seinerzeit längst eine landesweite Ausgangssperre. Der Bevölkerung wurde ein wöchentlicher Ausgang von vier Stunden pro Woche gewährt, in einem Land, in dem rund 70 Prozent der Menschen als Tagelöhner leben.

Spaziergang im Park

Das OEIN, das in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen feiert, ist nicht nur ein Orchester, es ist auch ein sozialpolitisches Projekt. Die Musiker, selbst indigener Herkunft, beschäftigen sich mit der Geschichte nativer Instrumente und binden sie ein in moderne Kompositionen. Sie halten Traditionen am Leben, die von den weißen Eliten Boliviens jahrhundertelang überhört wurden, bis an den Rand des Vergessens. Kinder aus den unterprivilegierten Quartieren ihrer Heimatstadt La Paz bekommen beim OEIN kostenlosen Musikunterricht. Staatstragend ist das nicht, jedenfalls nicht mehr.

Nach einer Wahl, die bis heute umstritten ist, wurde im November Evo Morales, der erste indigene Staatschef des Landes, vom Militär zum Rücktritt gezwungen und ins Exil gedrängt. Ob man diesen Vorgang als Putsch bezeichnet oder gerade nicht, ist mittlerweile ein politisches Statement. Regiert wird Bolivien seitdem von der rechtskonservativen Politikerin Jeanine Áñez, die sich selbst zur Interimspräsidentin ernannt hat. Der Bevölkerung versprach sie Neuwahlen innerhalb von 90 Tagen. Mehr als ein halbes Jahr ist das jetzt her.

Tatiana war unschlüssig in ihrem Urteil, als wir durch den Schlosspark in Rheinsberg spazierten, wir sprachen über die drei Amtszeiten von Morales und sein Vermächtnis. „Jedenfalls wissen die Weißen in La Paz jetzt, was ein ‚aguayo‘ ist, das Tuch, mit dem Indigene Kinder und Lasten auf dem Rücken tragen. Vorher war das nicht so.“ Die 28 Jahre alte Kunststudentin Tatiana López hat mehr als die Hälfte ihres Lebens mit dem OEIN verbracht. Sie kannte Deutschland von früheren Besuchen, vielleicht wirkte sie deshalb gelöster. Die meisten anderen Mitglieder des Orchesters hatten Bolivien 50 Tage zuvor zum ersten Mal verlassen.

Alles auf Pause

Foto: Marlena Waldthausen

Für Carlos Gutiérrez, 37, war es die erste große Reise des Orchesters unter seiner künstlerischen Leitung. Er trug die Verantwortung für die Gruppe und ihm war anzumerken, wie schwer sie durch Corona geworden war. Mitglieder des deutschen Ensembles „Phoenix16“ waren mit ihnen im Schloss geblieben, um sie zu unterstützen. Der künstlerische Leiter Timo Kreuser organisierte, telefonierte und schrieb Anträge. Für die meisten Kosten musste seine Gruppe in Vorleistung treten, sporadisch unterstützt von staatlichen Stellen. Kreuser sitzt bis heute auf Rechnungen in fünfstelliger Höhe, die nicht erstattet wurden.

Trommeln, tanzen

Wochenlang haben sie in Rheinsberg gemeinsam improvisiert und aufgenommen – um etwas zu tun zu haben, um auf andere Gedanken zu kommen, aber auch, weil einige Partner ihre Fördergelder künstlerisch vergolten sehen wollten, Virus hin oder her. Aber die Sikureadas am Nachmittag, bei denen sie mit Wankaras und Sikus im Kreis tanzten, sich die Anspannung aus dem Leib trommelten und mit geschlossenen Augen zum Klang ihrer Musik wippten, die Sikureadas gehörten ihnen.

Rund 240.000 Deutsche hat das Auswärtige Amt während der ersten Corona-Wochen mit Sonderflügen aus dem Ausland nach Hause gebracht, die Rechnungen für die Rückholaktion werden dieser Tage zugestellt. Die bolivianische Regierung hat nichts dergleichen unternommen, im Gegenteil: Bis heute müssen zahllose Bolivianer im Ausland ausharren. In Santiago de Chile campierten sie zu Hunderten vor der bolivianischen Botschaft. Tagelöhnern, die sich zu Fuß auf den Weg zur Grenze gemacht hatten, wurde die Einreise verweigert. Wohlhabende Landsleute, die mit privat gecharterten Flugzeugen zurückkehrten, wurden mit offenen Armen empfangen und durften die Quarantäne auch in den eigenen vier Wänden absolvieren – das sagt viel aus über die Prioritäten der Interimsregierung.

Per Whatsapp erklärte Carlos Gutiérrez Ende Mai, es bestehe nun doch die Möglichkeit, die Gruppe mit Unterstützung des Auswärtigen Amts von Berlin nach Frankfurt, von Frankfurt nach Madrid und von Madrid nach Santa Cruz zu bringen, knapp tausend Kilometer südöstlich von La Paz, aber immerhin. Vor Ort würden sie sich eine Woche in Quarantäne begeben müssen, in ein Fünf-Sterne-Hotel, so hätten es die Behörden vorgeschrieben. Statt in Rheinsberg würden wir uns auf Skype wiedersehen.

Santa Cruz de la Sierra zählt zu den Regionen Boliviens, in denen das Coronavirus mittlerweile am heftigsten wütet. Zehn Ärzte sind gestorben. In einem Krankenhaus versuchen Pflegekräfte, mit einem Hungerstreik auf prekäre Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Es fehlt an Masken, an Schutzkleidung. Landesweit stehen für eine Bevölkerung von elf Millionen Menschen nur rund 600 Intensivbetten zur Verfügung, mehr als die Hälfte davon in privaten Kliniken. Medien berichten von Kranken, die auf den Straßen sterben, weil sie in überfüllten Krankenhäusern keine Aufnahme finden.

Interimspräsidentin Áñez macht die Vorgängerregierung für die dramatische Lage im Gesundheitssystem verantwortlich. Es wäre freilich hilfreich gewesen, sie selbst hätte Ende 2019 nicht 700 kubanische Ärzte des Landes verwiesen, was eine ihrer ersten Amtshandlungen war, eine von etlichen Maßnahmen, um die Erinnerung an Evo Morales zu tilgen. Vieles von dem, was Áñez verfügt, überschreitet die Befugnisse einer Staatschefin ohne demokratisches Mandat deutlich. Vor wenigen Wochen musste ihr Gesundheitsminister zurücktreten. Er soll in Spanien 170 Beatmungsgeräte gekauft haben, die sich später als untauglich für den Einsatz auf Intensivstationen erwiesen, aber das Vierfache des marktüblichen Preises kosteten.

Carlos Gutiérrez zog sich auf den Balkon zurück, wenn wir sprachen, um seinen Mitbewohner nicht zu stören. Das Orchester hatte beschlossen, sich während der Quarantäne Zimmer zu teilen, um Kosten zu sparen. Er sprach viel mit Journalisten, um den Druck aufrechtzuerhalten. Einige Tage lang war nicht klar, ob es ein Flugzeug für sie geben würde oder ob sie versuchen müssten, sich im Bus zurück nach La Paz durchzuschlagen, 20 Stunden über Land. Carlos sagte, er habe von Straßensperren gehört, errichtet von wütenden Bewohnern, die sich durch die Corona-Maßnahmen der Regierung vor die Wahl zwischen Tod durch das Virus oder durch Hunger gestellt sehen. Er klang besorgt.

Die Wahlen, einst für Mai geplant, sind vom Parlament inzwischen auf September verschoben worden. Bisher verweigert Áñez ihre Zustimmung. Vergangene Woche plädierte sie dafür, den Termin erneut zu verschieben, um ein bis zwei Monate, des Virus wegen, vermutlich ist das nicht der einzige Grund. Ihre Umfragewerte sinken. Derzeit wird Ánez auf Platz drei einer Wahl erwartet, für die sie ursprünglich nicht kandidieren wollte, wie von ihr im November versprochen.

Das Foto, das Tatiana per Whatsapp schickte, zeigte eine Reihe brauner Häuser und dahinter den schneebedeckten Gipfel des Ilimani, des Hausbergs von La Paz. „Al fin en tierra paceña“, endlich daheim. Am Flughafen warteten Journalisten auf das Orchester, die Zeitung Pagina 7 berichtete am nächsten Tag auf ihrer Titelseite über die Rückkehr der Musiker. Ein paar Eltern waren gekommen, um ihre Kinder in Empfang zu nehmen. Für die anderen hatte Carlos Kleinbusse organisiert. Ihn selbst fuhr ein Nachbar nach Hause.

Die Wohnung, die er glaubte, am 9. März für nur zwei Wochen zu verlassen, wirkte verwaist, Staub lag auf den Möbeln. Der Raum war erfüllt von Sonnenlicht und sein Kühlschrank so leer wie die Straßen seiner Heimatstadt. Carlos stellte seinen Koffer ab und zog die Tür ins Schloss. Erleichterung, sagt er, habe er erst empfunden, als er erfuhr, dass auch das letzte Mitglied seines Orchesters sicher zu Hause angekommen war. Dann schaltete er sein Telefon aus.

Karin Ceballos Betancur arbeitet als Redakteurin und freie Autorin. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Lateinamerika

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06:00 01.07.2020

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