Julian Röder
19.11.2010 | 09:30 1

Gipfelbilder

Fotoreportage Südkoreas Regierung ließ für das G20-Treffen in Seoul 50.000 Polizisten aufmarschieren. Dabei ging es bei den Protesten ganz gesittet zu

Ich arbeite an einer Langzeitdokumentation, für die ich die Proteste bei Staatsgipfeln beobachte. Mit der Kamera halte ich fest, was sich am Rande der Sicherheitszonen abspielt. Begonnen habe ich diese Beobachtungen beim G8-Gipfel in Genua 2001. Vergangene Woche fotografierte ich beim G20-Gipfel in Südkorea.

Die Proteste in Seoul wurden von dem Gewerkschaftsverband, der Korean Confederation of Trade Unions (KCTU), organisiert. Auf der ersten Demo fiel mir auf, dass die jungen Männer der Riot Police trotz ihrer martialischen Ausrüstung mit Helm, Schild und Schlagstock eher intellektuell und studentisch wirkten. Von der Art der Erscheinung kaum zu vergleichen mit einigen deutschen Beamten, die so wirken, als ob sie sich privat eher bei der dritten Halbzeit nach einem Fußballspiel vergnügten.

Und mein erster Eindruck täuschte nicht. Ein koreanischer Bekannter erzählte mir, dass man in Südkorea seinen knapp zweijährigen Militärdienst auch bei jener Polizeieinheit absolvieren kann, die Demos überwacht. Da es einen Zivildienst nicht gibt, ist die Entscheidung für den Polizeidienst vielleicht am ehesten vergleichbar mit der Entscheidung, in der DDR zu den Bausoldaten zu gehen.

Auch wegen dieser studentischen Hilfskräfte war es der Regierung in Seoul möglich, den Einsatz von 50.000 Polizisten zu stemmen. Es wirkte, als hätte jemand diese Massen von Uniformierten einfach über der Stadt ausgekippt, und nun versuchten sie, sich in den Straßen nicht gegenseitig auf die Füße zu treten.

In den koreanischen Medien wurde als Grund für die gigantische Mobilisierung angegeben, dass ehemalige Kampftaucher der südkoreanischen Armee damit gedroht hätten, Tanklastwagen bei Protesten anzuzünden, falls man ihnen nicht ihre Pensionen erhöhe. Außerdem wurde immer wieder spekuliert, dass auch die Proteste der Gewerkschaft gewalttätig sein könnten.

An dem Sonntag vor dem Gipfel gab es auf dem Platz vor dem Seouler Rathaus eine Kundgebung der KCTU. Das Rathaus konnte man nicht sehen, es war unter einer gigantischen Werbewand für den Gipfel verborgen. Auf der Wand stand: Shared Growth Beyond Crisis – Gemeinsames Wachstum nach der Krise. Haushoch auf die Wand gedruckt war außerdem eine koreanische Eiskunstlauf-Prinzessin, die lächelnd ein Herz mit ihren Händen formte. Eine perfekte Vorlage für die Propagandashow, die auf der Bühne von der Gewerkschaft präsentiert wurde. Die Bühne war rechts und links von gemalten Arbeiterfiguren eingerahmt. Vor diesen Figuren stand jeweils ein Chor, und auf der Bühne wurde eine Art Musical aufgeführt, in dem viele rote Fahnen vorkamen und am Schluss eine Frau von einem Mann ein Stück Brot geschenkt bekam.

Auch bei den weiteren Demonstrationen war von Gewalt nichts zu sehen: Zur Eröffnung des Gipfels war eine Demonstration angekündigt, die zum koreanischen Nationalmuseum ziehen sollte, um den dort stattfindenden Abendempfang der Staatschefs zu stören. Am Startpunkt der Demo – dem Hauptbahnhof von Seoul – wurde zunächst wieder eine Kundgebung abgehalten. Laute Reden von Gewerkschaftsfunktionäre, Trommelshows, koreanische Protestsongs. Nach einigen Stunden setzte sich die Demonstration dann in Bewegung. Kurz nach dem Start begann es aber zu regnen, es donnerte und hagelte. Alle G8-Gipfel, bei denen es gelang, etwas zu blockieren, fanden bisher im Sommer statt, dachte ich. Ein Gruppe buddhistischer Mönche zündete als Begräbnisritual einen Sarg an, auf dem G20 stand. Dann löste die Polizei die Demo auf – durchnässt gingen die Menschen nach Hause.

Fotos und Text Julian Röder

Julian Röder ist Mitglied der Fotoagentur Ostkreuz. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet. Seit 2001 arbeitet er an dem Langzeitprojekt The Summits

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