Glückliche Odyssee nach Obiré

Burkina Faso Auf Königssuche im Land der aufrechten Männer, der halben Menschenfresser und komischen Gewohnheiten, der unbeirrbaren Geister- und Teufelsbeschwörer

Die Reise nach Obiré war eine Schnapsidee unter Weißen. Geboren im nächtlichen Licht der Veranda eines Hotels in Ouagadougou, wo die größte Gefahr Wanzen in den Matratzen und Kakerlaken im Duschbecken sind. Leise rauschte der Mango-Baum, und die Nacht wurde schon alt. Schal und sandig schmeckte der Tonic ohne Gin – Youki genannt. Da fiel der Name Obiré. Jemand erzählte von einem lebendigen und vielen toten Königen. Als der Morgen graute, waren wir schon unterwegs.

Burkina Faso bedeutet – Land der aufrechten Männer – und ist einer der ärmsten Staaten Afrikas. Der Norden liegt im Sahel, den Süden bedeckt Dornbusch-Savanne. Nüchterne Fakten, die wahr sind, aber was ist schon Wahrheit? Wahr ist, dass die Männer dort soviel vom Dodo-Hirsebier trinken, dass sie ab mittags alles andere als aufrecht stehen. Wahr ist, dass die Baobabs ihre Äste in den Himmel recken, als flehten sie höhere Mächte an.

Obiré ist eines der südlichsten Dörfer von Burkina Faso. Ein paar Kilometer weiter verläuft die Grenze zu Ghana. Um Obiré von der Hauptstadt Ouagadougou aus zu erreichen, müsste man den Kilometerangaben zufolge zwei Tage unterwegs sein. Doch in der Geographie des Busches mit den vielen Kreuzungen kleiner Sandpisten, an denen die Hinweisschilder fehlen, ist jedes Zeitmaß Schall und Rauch. Tatsächlich kommt der Weg nach Obiré einer Irrfahrt durch struppiges Land und endlose Staubwolken gleich, vorbei an bettelnden Kindern, hochmütigen Eseln, mageren Ochsen, fliegenden Händlern, selbsternannten Fremdenführern.

Merkwürdig scheint den Menschen entlang der Piste, dass Weiße ohne zwingenden Grund von Dorf zu Dorf fahren und bei Nacht im Busch schlafen. Als ob sie nicht genügend Geld hätten, ein Zimmer in einer Herberge zu nehmen. Als ob sie wie die schwarzen Frauen im Busch kampieren müssten, um Feld und Tiere vor Feuer zu schützen.

„Mon ami“, fragen sie Abou, unseren Dolmetscher und Fahrer vom Stamm der Mossi. „Mon ami, sind alle Weißen so seltsam?“ Wird Abou nach dem Ziel der Reise befragt und sagt, man wolle nach Süden, wünscht man ihm unter Gelächter noch schöne Tage, bevor sein Leben zu Ende gehe. Da seien die Leute wild. Halbe Menschenfresser mit komischen Gewohnheiten, fanatische Animisten, Geister und Teufel beschwörend. „Aber nein“, sagt Abou, „wir wollen doch zum König von Obiré.“ – „Bitteschön, welchem König?“, krümmen sich die Leute vor Lachen.

Woher? Wohin? Bis für das europäische Auge das chaotisch anmutende Umherziehen bunt gewandeter Frauen eine Ordnung annimmt, vergehen Tage. Sie tragen Kinder in Tüchern auf dem Rücken, Schüsseln und Körbe auf dem Kopf. Sie sind unterwegs zum Markt, zur Hochzeit, zur Beerdigung – zur Schwester ins Nachbardorf, die ein Kind bekommt. Sorghum und Hirse, im ausgehöhlten Baumstamm unter dem Mondlicht des frühen Morgens gestampft, werden zu Markte getragen. Mit einem Wort, die Piste nach Süden wird zum Schaufenster afrikanischer Wirtschaft. Transportiert werden Yams so dick wie ein Arm, Bündel mit Feuerholz, in Tüten gepackte Nüsse, Säcke mit Reis, Schuhe, Töpfe, Kalebassen, Plastikschüsseln. Dazwischen Männer auf Mopeds, gackernde Hühner kopfüber an den Lenker gebunden, Ziegen auf dem Gepäckträger, ein totes Schwein über den Schoß gelegt.

Jedes Dorf empfiehlt sich als Enzyklopädie der Ethnien: Die Mossi mit ihren tiefen Tätowierungsnarben im Gesicht, die Lobi, die als Krieger bezeichnet werden und ihre Gehöfte vor Feinden und Nachbarn befestigen. Die animistischen Dagara mit ihren Fetischen aus Knochen und Kaurimuscheln, die hellhäutigen Peulh, denen die Kuhherde der größte Schatz ist. Selbst Tuareg hat wirtschaftliche Not inzwischen auf diese südlichen Märkte getrieben.

Wohnst du hier?

Schon am zweiten Tag verlieren wir Richtung und Weg. Was als Straße beginnt, endet in von Menschenfüßen und Rinderhufen ausgetretenen Pfaden. Fünfmal fahren wir im Kreis, immer wieder an dem selben Mango-Baum vorbei, dessen Schönheit wir jedes Mal enthusiastisch preisen, bis uns sein Geäst endlich bekannt vorkommt. Nach dem Weg fragt man nicht, sagt Abou. Jedenfalls nicht in einem Land, in dem die Zugehörigkeit eines Menschen definiert wird durch Kontakte zu den Ahnen, den Kindern, den Geistern und zu seinem persönlichen Sheabaum, dessen rote Früchte er ernten, dessen Stamm er aber nicht fällen darf.

Wir versuchen es trotzdem. Zunächst bei Radlern, die auf stabilen Phönix 2000 – Made in China – unterwegs sind. Die kennen kein anderes Wohin als das eigene, diskutieren jedoch in brennender Mittagshitze, bis unser Kreislauf zusammenbricht. Immerhin schöpfen sie uns verlorenen Reisenden mitleidig Wasser aus den riesigen Kalebassen, die sie mit Sisalstricken auf den Gepäckträger gebunden haben.

Wenig später kommt ein Mann gewandert, der nur ein Tuch um die Hüften, keine Schuhe, keinen Stock, kein Wasser hat. „Wohnst du hier?“, fragt Abou. – „Nein, ich wohne in einem Dorf dort drüben.“ – „Wir suchen das Dorf Tangazogo. Kannst du uns helfen?“ – „Nein, denn ich wohne nicht in Tangazogo. Ich bin ein Ausländer. Fragt einen, der aus Tangazogo kommt.“

Künftig verkneifen wir uns europäische Fragen, beschränken uns auf einheimische Dialoge: Ca va, wie geht es? Ja, es geht. Und die Reise? Ist die Reise gut verlaufen? Ja, gut verlaufen. Und die Gesundheit? Sind Sie gesund? Ja, wir sind gesund. Ah, das ist gut. Ja, das ist gut. Und es geht wirklich gut?

Am dritten Tag, noch immer richtungsverloren, landen wir in einem Dorfgemeinschaftshaus. Eine Lehmhütte mit zwei Eingängen und zwei Bänken im Inneren. Die eine besetzen wir, die andere sämtliche Männer des Dorfes, die weniger als vier Zähne im Mund und mehr als 50 Jahre auf dem Buckel haben. Gesprächsversuche sind anstrengend, denn die Französischkenntnisse der Männer beschränken sich auf Ça va in allen Tonlagen. Auch die vom anschließenden Hirsebier-Umtrunk ausgeschlossenen Kinder und Frauen erfinden immer neue Ça va’s, mit denen sie an der einen Seite der Hütte auftauchen und von den Männern schimpfend zur anderen hinausgeworfen werden. Nach Stunden lässt der Dorfbürgermeister Zepter und Flinte holen. Er will ein Foto mit uns. Dabei soll das Zepter über die Schulter, die Flinte angelegt und das rechte Bein nach vorn gestellt werden. Doch das Dolo-Hirsebier ist stärker, hilflos schwankt er, und um unser selbst willen hoffen wir, die Flinte ist nicht geladen.. „Ça va ?“ ­– fragen die Kinder wieder freundlich. „Oui, ça va bien“, antworten wir im Chor.

Am vierten Tag unserer Reise nach Süden haben wir genug vom Dolo. „Rafraîchez vous maintenant“, preist ein Werbeschild für Coca-Cola. Aber mehr als die Werbung gibt es nicht. Auch das auf der Speisekarte dieser Herberge gepriesene Huhn mit Erdnüssen läuft noch zwischen unseren Füßen herum, also bestellen wir wie in den vergangenen Tagen Reis mit Soße. Sieben magere Kinder verfolgen jeden unserer Bissen mit hungrigen Augen. Schnell schieben wir die Teller beiseite und schämen uns unserer Sattheit, als die Kinder die Reste mit beiden Händen in den Mund stopfen und auch die letzten Reiskörner noch vom Tisch lecken.

Im Dorf Kwekwala treffen wir Dale Perlé mit dem traurigen Gesicht. Gerade ist sein Vater – der überall in Burkina Faso gepriesene Wahrsager Numfe Balankité – gestorben. Auf dem Hof haben sie ihn beerdigt, neben einem riesigen Steinhaufen, der bei näherem Hinsehen als eine Ansammlung von Phallus-Symbolen und Scherben zu deuten ist. Nun muss Dale das Amt ausüben, muss weissagen und Unglück abwenden, wie er es von seinem Vater gelernt hat. Nein, keine leichte Mission für einen, der wie er zehn Kinder durchzubringen hat und nur wenige Felder besitzt. Mager und hohläugig sind seine Kinder, der älteste Sohn hinkt, die jüngste Tochter ist taub.

Umgerechnet sechs Euro muss man ihm für die Anrufung der Ahnen zahlen, drei Euro kostet ein Opferhuhn. Schlecht ist, dass Dale gerade kein Huhn hat, aber schon flitzt einer seiner Söhne zum Nachbarn und kommt mit einem mickrigen Gockel zurück, dem Dale am Opferstein den Kopf zurückbiegt, dann mit einem schnellen Schnitt die Kehle aufschlitzt, ein paar Federn ausreißt und diese in das frische Blut klebt. Manchmal lassen seine Kunden das Huhn dort liegen, wo Dale es dem Ritus nach hinschleudert. Dann gibt es für die Kinder Fleisch zu den Yams, der Kost der Armen.

Mit uns hat Dale Glück, denn wir müssen zwei Hühner opfern, bis wir die Ahnen gnädig gestimmt haben, und Dale uns baldigen Kindersegen und eine glückliche Ankunft in Obiré voraussagen kann. Das erste Huhn habe eine unglückliche Position gehabt, erklärt Dale, sei zu langsam gestorben, habe noch zu lange geflattert. Ein böses Omen. Also läuft der Sohn ein zweites mal los. „Man muss daran glauben“, sagt Dale vorsichtshalber. „Sonst hat alles keinen Sinn“.

Dermaßen eingestimmt stolpern wir hinter Dale ins Innere seiner dunklen Hütte. Halbblind schwanken wir in den engen Gängen von Wand zu Wand, bald sind Hände, Kleidung und auch Gesichter schwarz vom Ruß der vielen Kochfeuer, die hier in der Regenzeit angezündet wurden. Hölzerne Figuren mit spitzen Brüsten und seelenlosen Gesichtern stehen uns im Wege, Äste stecken hindernisartig im Boden, Fetische aus Riesenkäfern, Hirse-Stengeln und Hühnerflügeln hängen daran und bald auch in unseren Haaren. Fledermäuse flattern herum. Der Raum für Prophezeiungen wird vom Licht einer Kerze erhellt. Während Dale in einer Ecke kauert und der Stimme der Ahnen lauscht, hocken wir auf den Fersen und versuchen, die Balance zu halten. Noch Tage später werden Teile des Bodenbelags an unseren Füßen kleben. Viele Kinder sagt Dale uns voraus, viel Geld und viel Segen, und sollte das nicht eintreffen, werde es daran liegen, dass wir vergaßen, am Abend die Schale einer Kokosnuss in einen Fluss zu werfen.

Am fünften Tag kommen wir nach Obiré. Hinter dem Ort Loropeni unbedingt rechts halten, hatte uns in Ouagadougou jemand gesagt. Was ist im Busch schon „rechts“ und was „hinter“. Längst sind wir zu geschwächt vom geschluckten Staub, dem eigenen Körpergeruch und vom röhrenden Magen, den das lauwarme Wasser mit Chlortabletten stört, als dass wir Wegbeschreibungen noch wichtig finden.

Die Stille gestört

Dann treffen wir ihn, den König von Obiré, der keinen Namen mehr hat. Jedenfalls keinen, der seit seiner Inthronisation zum 28. Herrscher der Ghan noch gerufen werden darf. Um Unglück abzuwenden, wird er nur Majestät genannt. Im Schatten des Strohdachs seiner Hütte, die ihm zugleich Palast ist, sitzt er auf einer kleinen Bank und krümmt die Schultern nach vorn. Im Kreis stehen die andern Hütten des Dorfes, die sich in nichts von der Behausung des Königs unterscheiden. Unter einem zerrissenen weißen Umhang – der einst mit goldenen, silbernen und roten Fäden durchwoben war, aber jetzt nur noch hier und dort mit seinen funkelnden Fadenresten leuchtet – trägt er T-Shirt und lange Unterhose.

„Majestät, wir kommen hoffentlich nicht zu ungünstiger Zeit?“ Nein, nein, sagt der König, er habe nur ein wenig gelesen, und zeigt auf ein zerfleddertes Buch am Boden. Donald Duck? Nun ja. Er ist ein wenig verlegen. Ein Kinderbuch zwar, doch höchst amüsant. Er freue sich über jede Abwechslung, sagt der König. In der Regenzeit sei das anders, dann habe er Felder zu bestellen, und könne arbeiten, wie jeder andere im Dorf auch. Aber in den trockenen Monaten, da schlichte er morgens Streit, spreche Recht, sage den Männern, sie sollten nicht trinken, sich waschen und ihren Frauen treu bleiben. Am Nachmittag aber, da langweile er sich.

Wir sagen, wir seien gekommen, um etwas über die Ghan zu erfahren. Also nimmt er uns mit zu seinen 27 Vorgängern. Die liegen in ihren Gräbern einen Kilometer von der Königshütte entfernt. Er sagt, leider hatten die Ghan die Namen ihrer Könige vergessen, doch dann sei ein Historiker aus Ouagadougou gekommen und habe sie ihnen aufgeschrieben. Auch seien die Gräber der Könige verfallen, doch kamen die Weißen und hätten alles restauriert. Danach seien Historiker aus aller Welt angereist und hätten die Stille des Dorfes gestört. Und nun wir, murmeln wir scherzhaft, und er nickt ganz traurig. Da schütteln wir ihm einfach die Hand und verschwinden wieder. Zurück nach Ouagadougou, zurück zu Youki ohne Gin und zu fließendem Wasser.

Andrea Jeska ist auf der Suche nach Stoffen für Reportagen in Westafrika unterwegs

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12:00 07.05.2011

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