Golda Petzenbaum

Bestsellerautorin Wer dem deutsch-jüdischen Teil der Geschichte von Elena Ferrante alias Anita Raja nachforscht, bekämpft das Vergessen
Gundula Werger | Ausgabe 03/2017 1
Golda Petzenbaum
Die Spur zur Schriftstellerin führt auch an den Rhein
Foto [Montage]: Arkivi/Imago

Der zweite Band der neapolitanischen Saga Meine geniale Freundin, der jetzt auf Deutsch erscheint, trägt den Titel Die Geschichte eines neuen Namens. Das bezieht sich auf den neuen Familiennamen, den Lila, die „geniale Freundin“ der Ich-Erzählerin Elena Greco, durch ihre Heirat erwirbt. Die junge Frau fragt ihre Freundin Elena: Würde ihr alter Name langsam verschwinden? Würden ihre Kinder sich einmal anstrengen müssen, „um sich an den Mädchennamen ihrer Mutter zu erinnern, und ihre Enkel den Mädchennamen ihrer Großmutter überhaupt nicht mehr kennen“? Diese Frage, mit einem schlichten Ja von der Erzählerin beantwortet, verweist auch auf die Autorin der Saga selbst.

Denn Elena Ferrante ist bekanntlich ein Pseudonym, das die italienische Autorin und Übersetzerin Anita Raja für ihre Romane verwendet. Der italienische Journalist Claudio Gatti, dem wir diese Enthüllung „verdanken“, hat die italienischen Jahre der Mutter der Autorin und ihrer Eltern im faschistischen Italien nachgezeichnet: Von Frankfurt aus floh die Familie Petzenbaum – so lautet der Mädchenname von Anita Rajas Mutter – 1937 nach Italien. Während Golda Petzenbaum, die Mutter der Autorin, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in der Schweiz in Sicherheit gebracht wurde, wurden deren Eltern in Italien interniert, zuletzt im Lager Ferramonte, das 1944 von den Alliierten befreit wurde. Im Nachnamen Ferrante klingt der Name des Lagers Ferramonte an.

Der deutsche Teil dieser Familiengeschichte wurde bislang kaum beachtet. Um ihn zu erzählen, haben wir uns ins Stadtarchiv Worms begeben. In Worms wurde Golda Petzenbaum geboren. Im Geburtsregister findet sich dazu ein einziger Satz, ein langer und feierlicher: „Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute der Persönlichkeit nach bekannt der Kaufmann Abraham Hirsch Petzenbaum, wohnhaft in Frankfurt am Main, Große Rittergasse 10, und zeigte an, dass von der Sali Regina Petzenbaum, geborene Horowitz, seiner Ehefrau, wohnhaft bei ihm, zu Worms am dreiundzwanzigsten August des Jahres tausendneunhundertsiebenundzwanzig, nachmittags um elf Uhr ein Mädchen geboren worden sei und dass das Kind die Vornamen Frieda Golda erhalten habe.“ Für das Mädchen wurde eine Meldekarte, datiert auf den 6. September 1927, angelegt.

Gesellschaftliche Ankunft

Über 20 Jahre lang bildete die Wohnung in der Friesenstraße Nummer drei den Lebensmittelpunkt der Familie Horowitz. Damit verbindet sich eine Geschichte von gesellschaftlicher Ankunft und beruflichem Aufstieg. Geboren wurde Pinkus Horowitz, der Großvater Golda Petzenbaums, 1874 im galizischen Oswicin (dieser Ort ist nicht mit dem Ort des Vernichtungslagers Auschwitz identisch). Im Jahr 1899 war Pinkus Horowitz über Hanau nach Worms übergesiedelt. Die Meldekartei für den „Handelsmann“ verzeichnet häufig wechselnde Adressen, bis im Jahr 1911 der Umzug in die Friesenstraße erfolgte. Unterdessen waren sechs Kinder auf die Welt gekommen, zwei starben im Kindesalter. Während des Ersten Weltkrieges war Pinkus bei der österreichischen Armee als Soldat eingezogen. Erst am Ende des Krieges, am 7. November 1918, kehrte der Vater von fünf Kindern zur Familie zurück.

Am nördlichen Rand des alten Stadtkerns liegt die Friesenstraße, wenige Minuten Fußweg sind es bis zur Synagoge, am Ende der kurzen Straße liegt ein historischer Weingarten rund um die gotische Liebfrauenkirche. Der Blick öffnet sich Richtung Hafen. Blau getüncht ist das Haus Nummer drei. Im Dachgeschoss Gauben, eine ländliche Anmutung mag aufkommen. Eine Toreinfahrt mit einer Laibung aus Sandstein, ein Tor neueren Datums, die Briefkästen tragen heute die Namen von Migranten. Dem Gewerbetagebuch entnehmen wir, dass Pinkus Horowitz hier einen „Handel mit Häuten, Fellen im Kleinen“ sowie mit „Kurz-, Weiß- und Wollwaren im Kleinen und Großen“ unterhielt. Weitere Hausbewohner waren ein Polizeioberwachtmeister, ein Elektro-Installationsmeister und der Hausbesitzer, ebenfalls ein Kaufmann – eine bürgerliche Hausgemeinschaft.

Die Nachricht über die Eheschließung von Goldas Eltern, drei Jahre vor der Geburt der Tochter, entnehmen wir dem „Heiratsbuch“: Am 18. Januar des Jahres 1924 erschienen vor dem Standesbeamten der Kaufmann Abraham Hirsch Petzenbaum, am 26. Feburar 1899 in Wadowice geboren, wohnhaft in Frankfurt am Main, Moselstraße 45, und Sali Regina Horowitz, geboren am 5. Dezember 1902 in Worms, wohnhaft Friesenstraße 3.

Nach der Hochzeit wohnten Sali Regina und Abraham Hirsch Petzenbaum erst in Frankfurt, die Abmeldung wird auf der Meldekartei festgehalten. Während Sali Regina schon in Worms geboren wurde, war der Bräutigam erst ein Jahr vor der Hochzeit zum ersten Mal nach Deutschland gekommen: Vermutlich war Abraham Petzenbaum schon mit der Absicht nach Worms gereist, um Sali Regina Horowitz als Ehefrau zu gewinnen – die Wurzeln der Petzenbaums liegen wie die der Horowitz’ in dem bereits erwähnten Ort Oswicin in Galizien, und trotz der räumlichen Distanz bestand ein Geflecht tragfähiger familiärer Beziehungen, das über Weltkrieg und Revolution hinaus Bestand hatte. Davon erzählt die Geschichte der Eltern von Golda Petzenbaum.

Als die älteste Tochter Sali heiratete, war Pinkus Horowitz zumindest wirtschaftlich im Herzen der Stadt Worms angekommen. Im Jahr 1925 eröffnete er ein eigenes Ladengeschäft in der Speyerer Straße (heute: Valckenbergstraße) in guter Innenstadtlage, unweit des Domes. In der Nachbarschaft befand sich auch ein Konfektionsgeschäft, das dem Trauzeugen Leon Glückstein gehörte. Im Adressbuch aus dem Jahr 1927 findet sich folgender Eintrag: „Horowitz, Pinkus, Wäsche, Ausstattungen, Manufakturwaren“. Es gab einen eigenen Fernmeldeanschluss. Ende der 20er Jahre gab Pinkus Horowitz den Laden in der Speyerer Straße wieder auf, dies mag eine Folge der wirtschaftlichen Rezession gewesen sein.

Dann nimmt die Geschichte der Großeltern Horowitz eine nur zu bekannte Wendung. Wenige Monate nach Beginn der nationalsozialistischen Diktatur, im Juli 1933, musste das Ehepaar Horowitz die Wohnung in der Friesenstraße räumen und in ein städtisches Wohnhaus für Geringverdiener umziehen, das in der Lützowstraße (heute Bensheimer Straße) lag und annähernd 50 Mietparteien beherbergte: Witwen, Näherinnen, Kesselschmiede, Fabrikarbeiter, Tagelöhner sind im Adressbuch von 1933 aufgeführt.

Drei Jahre später stand ein weiterer Umzug an, diesmal in eine Siedlung mit einfachen Behausungen, die ebenfalls der Stadt gehörten. Die Adresse: An der Kiesgrube 67. Im Januar 1938 wurde Paula Horowitz in das „Landesalters- und Pflegeheim“ in Heidesheim bei Mainz eingewiesen. Ihr Mann Pinkus folgte ihr dorthin. Im Rahmen der „Euthanasieaktion“ wurden 73 Patienten dieser Pflegeanstalt in andere Anstalten verlegt und ermordet. Paula Horowitz verstarb vor diesen Morden am 4. September 1938 im Pflegeheim.

Ein letzter, abfälliger Satz

Pinkus Horowitz ging nach dem Tod seiner Frau nach Worms zurück. Die letzte Wormser Spur findet sich auf der Meldekartei unter dem 2. Juni 1939: „Nach Feststellung des zweiten Reviers soll Horowitz vor etwa drei Wochen sich entfernt haben mit dem Bemerken, er gehe nach Polen.“ Ein abfällig formulierter Satz steht am Ende einer Existenz in Deutschland, die voller Hoffnung begonnen hatte. Unter nicht näher bekannten Umständen fielen Pinkus Horowitz und dessen Sohn Max Menasse, der am 15. Dezember 1903 in Worms geboren wurde, der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Polen zum Opfer. Auf der Gedenktafel in der Wormser Synagoge sind ihre Namen verzeichnet.

Eine Frankfurter Spur aus dem Leben von Abraham Petzenbaum entnehmen wir dem Adressbuch, das ein überzeugter Nationalsozialist und glühender Antisemit im Jahr 1935 für die rund 11.000 jüdischen Einwohner von Frankfurt erstellte. Das Pamphlet ist, bereinigt von antisemitischer Hetzrede, online zugänglich: „Petzenbaum, Abraham, Vertreter, Sandweg 86“, lautet der Eintrag. Wer versucht, die Geschichte des Familiennamens Petzenbaum zu erzählen, tut dies, damit dieser Name nicht verschwindet. Nur eine Andeutung in der neapolitanischen Saga spielt auf diese Geschichte an.

Gundula Werger, Jahrgang 1960, ist Historikerin, Theologin, Journalistin und Gymnasiallehrerin

06:00 01.02.2017

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