Grassierende Verschwindsucht

Vor den Präsidentschaftswahlen in Tschetschenien Ein Kandidat nach dem anderen geht verloren

Wohin das Auge blickt, überall sieht man den Kreml-Chef, vor einem grünen Militärhubschrauber mit rotem Stern, auf einem Gruppenfoto mit Soldaten in Kampfanzügen und beim Gespräch im Kreml. In dem holzgetäfelten Konferenzraum des Unternehmens Russkoje Lotto am Lenininskij Prospekt unweit des Moskauer Stadtzentrums demonstriert der tschetschenische Unternehmer Malik Saidullajew, wem er Respekt zollt. Unter den Bildern gibt es mehrere, die Treffen zwischen Putin und Saidullajew dokumentieren. In einem braunen Holzrahmen hängt eine Danksagung für "unternehmerische Leistungen", unterschrieben: "Putin, W. W."

Auf einen ersten Blick scheint alles zu stimmen zwischen dem russischen Staatsoberhaupt und dem tschetschenischen Businessman, der in der Kaukasusrepublik wegen zahlreicher humanitärer Projekte beliebt ist. Doch in der vergangenen Woche entschied ein Gericht in Grosny, Saidullajew sei von der Kandidatenliste für die Wahlen am 5. Oktober zu streichen. Ein Gefolgsmann des von Moskau eingesetzten Tschetschenien-Verwalters und Präsidentschaftskandidaten Ahmed Kadyrow hatte das Verfahren angestrengt. Angeblich seien mehrere Unterschriften für die Wahlbewerbung gefälscht worden. Für Saidullajew, der die Entscheidung beim Obersten Gericht Russlands anfechten will, kommt das Urteil nicht unerwartet. Ihm sei schon zuvor bei einem Treffen von einem "hohen Beamten" erklärt worden, man werde ihn "per Gericht" von der Liste nehmen, wenn er seine Kandidatur nicht von selbst zurückziehe.

Anfang September hatten schon zwei andere einflussreiche Bewerber den Rückzug antreten müssen - der Moskauer Hotelier Husejn Dschabrailow erklärte unumwunden, die Sicherheitslage in Tschetschenien sei eben doch "sehr schwierig", der Polizeioberst Aslambek Aslachanow bekam von Putin einen Beraterposten angeboten und war daraufhin zum Verzicht auf seine Kandidatur bereit. In der Konsequenz wird sich der Kreml-Protegé Kadyrow Anfang Oktober nun nur noch gegen politische Leichtgewichte durchsetzen müssen. Die aussichtsreiche Konkurrenz hat das Feld geräumt.

Unternehmer Saidullajew sieht niedergeschlagen aus. Putin habe ihm versichert, die Wahlen würden "ehrlich" laufen. Der kleine, stämmige Tschetschene im blauen Anzug mit gelber Krawatte erinnert sich genau. "Das war am 21. März gegen 16 Uhr im Kreml." Er habe mit Putin ein vertrauensvolles Gespräch geführt, auch mit dem Tschetschenien-Sprecher des Kremls, Sergej Jastrschembskij. Die Namen der Beamten aus der Präsidialverwaltung und aus "anderen Strukturen", die danach in stundenlangen Debatten versucht hätten, ihn von seiner Bewerbung abzubringen, will Saidullajew nicht nennen. Man habe ihm "vorteilhafte Angebote" gemacht, "im Business und im finanziellen Bereich". Man sei sehr höflich gewesen, habe aber auch mit "Maßnahmen" gedroht.

Sicher fühlt Saidullajew sich schon lange nicht mehr. Während der vergangenen Monate habe es in Tschetschenien mehrere Anschläge auf ihn gegeben. Vielleicht werde er demnächst Opfer eines "unglücklichen Zufalls", wie man in Russland einen Mord nennt, der von unbekannter Hand verübt wird. Es gäbe nun einmal Personen, die an der Weiterführung des Krieges im Kaukasus interessiert seien. Wie zur Bestätigung schaltet Saidullajew den Videorecorder ein. Auf dem Bildschirm erscheint ein bärtiger Mann mit einem nackten, von Blutergüssen übersäten Oberkörper. Das sei sein Leibwächter, Ibragim Gasijew, erklärt der Unternehmer. Der Bärtige erzählt vor der Kamera, Ramsan Kadyrow, der Sohn des Präsidentschaftskandidaten Ahmed Kadyrow, habe ihn vier Tage lang gefangen gehalten, gefoltert und ihm mehrere Finger gebrochen. Man wollte ihn zwingen, im Auto seines Chefs eine Bombe zu deponieren, doch er habe sich geweigert.

Saidullajew schaltet den Recorder aus, unter diesen Umständen könne doch von einem normalen Wahlkampf keine Rede sein. Er habe bei der Wahlkommission und der Staatsanwalt wegen zahlreicher Behinderungen Beschwerde eingelegt. Viel Hoffnung mache er sich nicht. Selbst gegen viel Geld sei es ihm nicht möglich, im tschetschenischen Fernsehen aufzutreten. Alles sei in Kadyrows Hand.

Bei der Frage, was er als Präsident Tschetscheniens getan hätte, muss der einflussreiche Kandidat nicht lange überlegen. Das Wichtigste sei "der Dialog mit der kämpfenden Seite". Die "Bojewiki" hätten zuletzt Kontakt zu ihm gesucht. "Sie wollten wissen, was ich vorhabe." Auch der Kreml habe Kontakte zu den Rebellen, allerdings inoffiziell. Zur Zeit befände sich beispielsweise Loma Schachmursajew, der Vertreter von Feldkommandeur Ruslan Gelajew, zu Gesprächen mit Putin-Vertrauten in Moskau, auch wenn ansonsten weiter die Devise gelte, alle Kämpfer "zu vernichten". Doch die Rebellen würden "ewig weiterkämpfen", wenn man ihnen keine vernünftigen Angebote unterbreite. Die bisherige Praxis, Gefangene in neue Uniformen zu stecken und sie mit einer neuen Waffe gegen die ehemaligen Mitkämpfer in den Kampf zu schicken, sei irreal und für einen tschetschenischen Mann unwürdig. Wichtig sei auch, endlich mit dem Wiederaufbau von Grosny zu beginnen. Bisher habe man nur drei Häuser für Flüchtlinge wiederhergestellt. Wiederaufbaugelder versickerten in privaten Taschen. Baukräne seien nirgends zu sehen.

"Wenn Kadyrow gewählt wird, stärkt das die Position von Ex-Präsident Maschadow und Rebellenführer Basajew", prophezeit Saidullajew noch. Nur ein Kandidat, "der vom Volk" unterstützt werde, könne den bewaffneten Widerstand beenden. Warum er sich wegen der Gerichtsentscheidung von Grosny nicht direkt an Putin wende? Saidullajew drückt seine Zigarette aus und sagt nur einen Satz: "Der Präsident ist unterwegs."

00:00 26.09.2003

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