Greif zur Flasche, Frau

Dogma Eine gute Mutter stillt? Bei dieser Frage geht es nicht um Kindeswohl, sondern um die Norm

Die nicht stillende „Rabenmutter“ ist aus der öffentlichen Kommunikation zwar weitestgehend verschwunden – ein Bild, das zu Zeiten der (fortschrittlichen!) Aufklärung zur Brandmarkung nicht stillender Mütter werbewirksam und flächendenkend aufkam. Doch ein moralisierender Unterton bei der Frage rund um frühestkindliche Ernährungsformen hält sich bis in unsere heutigen Tage hartnäckig. Warum ist das so? Obwohl es quasi schon immer alternative Ernährungsformen zur Muttermilch gab, ist diese in der öffentlichen Wahrnehmung über die Jahrhunderte hinweg quasi zur alternativlosen Ernährungsweise avanciert.

Eine gute Mutter stillt – so lautet bis heute die kaum hinterfragte Parole. Mit diesem – von Politik, Medizin, Theologie und meist selbst ernannten Moralaposteln – emsig vertretenen Postulat zum Stillen wird jedoch nicht nur die Muttermilch als solche reklamiert und angepriesen (in industrialisierten Ländern gibt es längst gleichwertige „Ersatzprodukte“), sondern mithilfe eines Ernährungsmediums wird das Bild einer „guten“, das heißt liebenden und fürsorgenden Mutter inszeniert. Mutterliebe – folgt man dem aktuellen Revival einer stark einseitigen Naturalisierung der Mutter qua ihrer biologischen Eigenschaften – scheint durch die Milchdrüsen und damit durch ihre Brüste zu fließen. Im Umkehrschluss bedeutet dies nichts anderes, als dass eine nicht stillende Mutter ihr Kind per se nicht lieben kann; „Flaschenkinder“ scheinen nicht nur medial, sondern auch emotional das Nachsehen zu haben. Mit einem enormen politischen Aufwand wird diese naturalistische Sichtweise gefördert und damit die Stigmatisierung von Brust oder Flasche weiter vertieft. Eine Flut von Initiativen lässt das Stillen als unantastbares Heiligtum erscheinen, dessen Hinterfragung beinahe als frevelhaft zu gelten scheint.

Dass das Stillen unmittelbar mit der (deutschen) Mutterrolle in Verbindung steht, daran hat die „Nationale Stillkommission“, die im Jahr 1994 durch das Bundesministerium für Gesundheit ins Leben gerufen wurde, einen wesentlichen Anteil. Dort wird der gesellschaftspolitische Auftrag verfolgt, den Müttern das Stillen „einzupflanzen“, eine neue Stillkultur in der BRD aufzubauen und die von der WHO empfohlene Stilldauer von vier bis sechs Monaten nachhaltig durchzusetzen. Das Ziel: eine stillfreundliche Gesellschaft.

Die Brust, Ort der Liebe?

Das Projekt lautet: Stillen muss die „normale“, weil „natürliche“ Ernährungsweise des Säuglings sein. Damit möglichst viele (meint: Mütter; Väter spielen bis heute im Kontext der frühestkindlichen Ernährungsweise nur eine marginale Rolle, die man ihnen quasi durch ihr Nichtstillenkönnen regelrecht „aufzwingt“) von der „richtigen“ Ernährungsweise und damit vom „richtigen“ Muttersein überzeugt werden, trifft die Stillkommission eine Reihe (kostspieliger) Vorkehrungen zur Förderung des Stillens.

So bemüht sich die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und UNICEF im Jahr 1991 gestartete „Babyfriendly Hospital Initiative“ darum, Stillklima und Stillwillen (!) der Mütter kontinuierlich zu verbessern. Diese stillfreundlichen (und damit fläschchenfeindlichen) Einrichtungen sind mit dem Zertifikat „Babyfreundliche Einrichtung“ beschmückt und tragen das Gütesiegel mit den sogenannten B.E.St.-Kriterien (Bindung, Entwicklung und Stillen). Die Message ist unmissverständlich: Das allgemeine Kriterium der „Babyfreundlichkeit“ wird in einem Atemzug mit einer stillenden Mutter genannt und beides damit in Analogie zueinander gesetzt.

Man kann dazu stehen, wie man möchte. Doch dass im 21. Jahrhundert hartnäckig an der Gleichung von Stillen und Bindung festgehalten wird, dass das Stillen als wichtigster emotionaler Akt zwischen Mutter und Kind betrachtet und die mütterliche Brust als primärer Ort von Liebe und Bindung stilisiert wird, ist bindungs- und emotionstheoretisch schlicht nicht mehr haltbar. Bereits in den 1950er Jahren konnte der Verhaltensforscher Harry Harlow an der Universität von Wisconsin an Tierversuchen mit kleinen Rhesusaffenbabys eindrücklich belegen, dass man das Bedürfnis des „Säuglings“ nach Kontakt zu einer ihm vertrauten Person von seinem Bedürfnis nach Nahrung deutlich unterscheiden muss. Indem Harlow den Babys die Wahl zwischen einer mit Fell und Stoff überzogenen weichen und kuscheligen „Ersatzmutter“ ohne Zitzen und einer „Ersatzmutter“ aus blankem Drahtgestell, aber mit Saugvorrichtung anbot, wurde auf überraschende Weise ersichtlich, zu welcher „Mutter“ die Babys freiwillig gingen. Der Vorzug galt eindeutig der weichen und warmen Mutter; lediglich zum schnellen Trinken lief ein Affenbaby rasch zum Drahtgestell, um dann aber sofort wieder Kontakt zur Fellmutter aufzunehmen.

Aus diesen Untersuchungen schloss Harlow, dass für die affektive und emotionale Entwicklung des Babys das Saugen an der Mutterbrust nebensächlich ist. Sicherheit, Nähe und Geborgenheit sind für das kleine Kind die Hauptsache. Das Medium der Ernährung ist dabei nachrangig.

Dieser und ähnlicher Erkenntnisse ungeachtet, wird stattdessen weiter heftig die Werbetrommel fürs Stillen gekurbelt. Zu diesen Werbemaßnahmen zählen die alljährlich stattfindenden Weltstillwochen. Von der „Weltallianz für das Stillen“ initiiert und organisiert, findet seit 1991 einmal im Jahr eine groß angelegte Stillförderung statt. Angelehnt an die Stillstandards von UNICEF, WHO und der international tätigen Milchallianz „La Leche Liga“, wird das Stillen öffentlich, meist mit prominenter Unterstützung von erfolgreichen „Supermamas“, beworben. Mit der scheinbar unverbindlichen Aufforderung zum mütterlichen Stillen wird eine eindeutige gesellschaftliche Norm kommuniziert: Eine gute Mutter stillt.

Blickt man in die (deutsche) Geschichte des Stillens zurück, wird schnell klar: Die weibliche Brust ist ein hart umkämpftes Feld unterschiedlichster (Macht)Interessen. Es wäre naiv anzunehmen, dass es beim Stillen nur um den weißen Saft ginge. Im Gegenteil: In den Diskussionen rund ums Stillen respektive ums Nichtstillen geht es stets auch um die Aushandlung der Rolle der Frau.

Pflicht für (Nazi-)Mütter

Das religiös konnotierte Ideal der „Maria lactans“, also der stillenden Gottesmutter Maria, die in der selbstlosen Darreichung ihrer Brust die mütterliche Liebe symbolisiert, gilt bis heute – wenn auch in einer säkularisierten Form – als Inbegriff weiblicher Fürsorge. Von diesem urreligiösen Ursprung her wurde und wird das Stillen für viele Zwecke „benutzt“, und nicht selten wird das Stillen dabei politisiert. Vor allem im Kontext von rückgängigen Geburtenraten wird das Stillen auch bevölkerungspolitisch vereinnahmt.

Das dunkelste Kapitel einer ideologischen Politisierung der weiblichen Brust dürfte wohl im Nationalsozialismus zu finden sein, wo die höchste Pflichterfüllung einer deutschen Mutter darin bestand, möglichst viele Nachkommen zu gebären und diese an ihrem mütterlichen Busen zu sättigen, um sie für zukünftige Volksdienste stark zu machen. Es mag erschreckend sein, dass der damalige propagandistische Erziehungsratgeber Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind der Ärztin Johanna Haarer bis in die 1980er Jahre mit 1,2 Mio. verkauften Exemplaren der Erziehungsratgeber (mit einigen wenigen Streichungen versehen) westdeutscher junger Mütter war. Die deutsche gute Mutter stillt – nicht nur ein Best-, sondern ein Longseller! Während in Westdeutschland die naturalistische Sichtweise auch in liberal-emanzipatorischen Milieus nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich weiter zementiert wurde, fiel die politische Parole in der DDR völlig anders aus.

In einem System, in dem man es sich schlicht nicht leisten konnte, auf die Arbeitskraft der Frau zu verzichten, und folglich die Frau nicht auf ihre Aufgaben als Hausfrau und Mutter reduziert werden durfte, waren „alternative“ Ernährungsweisen von Beginn an an der Tagesordnung. Die sozialistische Erziehung brachte viele Unterschiede – auf die an dieser Stelle leider nicht en détail eingegangen werden kann – mit sich. Während Erziehungsratgeber und Broschüren rund um die kindliche Pflege und Erziehung bis heute voller Empfehlungen und Anweisungen für das mütterliche Stillen und Infos zu alternativen Ernährungsmöglichkeiten äußerst rar sind, war der Diskurs in Ostdeutschland dagegen nüchtern. Dass der Grund für einen „gleichberechtigten“ Umgang mit dem Fläschchen aber auch hier im Politischen beziehungsweise Ökonomischen zu suchen ist, scheint ein wichtiger Aspekt in der Debatte rund um das Stillen zu sein.

Eine gute Mutter stillt – kann das auch 2021 gelten? Das Stillen als unhinterfragte Norm weiter aufrechtzuhalten und Mutterliebe über den Akt des Stillens normativ aufzuladen, verschließt sich einer heteronormativitätskritischen Sichtweise von Mutter- bzw. Elternschaft. Die Gründe für das Nichtstillen können heute vielfältig sein; meistens sind es medizinische und berufliche.

Eine wichtige Thematik wird dagegen kaum thematisiert: Sorge- bzw. Elternpraktiken jenseits traditioneller Vorstellungen von Mutter- und Elternschaft. Adoptierte Kinder, Pflegekinder, in-vitro-gezeugte Kinder, Kinder von homosexuellen Elternpaaren, Kinder, die von einer Leihmutter ausgetragen wurden, kurzum: Kinder, die nicht nach der traditionellen heteronormativen Vorstellung von „Familie“ geboren werden und aufwachsen. Allein schon aus biologischen Gründen können viele von ihnen nicht gestillt werden. Deren Eltern dürften Parolen wie „Stillen: Basis für das Leben“ (Weltstillwoche 2018) als blanken Hohn empfinden.

Sabine Seichter ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Salzburg. 2020 erschien ihr Buch Erziehung an der Mutterbrust. Eine kritische Kulturgeschichte des Stillens (Beltz)

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06:00 08.04.2021

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