Grindels Gegenteil

Porträt Ute Groth will Präsidentin des Deutschen Fußball-Bundes werden und dessen Business-Charakter in Frage stellen

Für Ute Groth muss es sich ein wenig anfühlen, als absolviere sie aktuell die Probezeit in dem Job, für den sie sich beworben hat: Die 60-Jährige hat ihren Hut für die Präsidentschaft des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in den Ring geworfen. Die mediale Aufmerksamkeit seitdem ist enorm, was daran liegen dürfte, dass Groth nichts mit dem Typus gemein zu haben scheint, der bisherige DFB-Bosse kennzeichnete; zuletzt war der CDU-Politiker Reinhard Grindel als Präsident zurückgetreten, weil er sich von einem ukrainischen Oligarchen eine teure Uhr hatte schenken lassen.

Auf die Frage, ob sie sich schon Gedanken darüber mache, wie dieser Job ihr Leben verändern würde, antwortet Groth pragmatisch: „Jeder Schritt in eine neue Richtung bringt Veränderungen. So weit gehen meine Überlegungen bisher noch nicht. Aber ich habe schon festgestellt, dass es eine gute Bahnverbindung von Düsseldorf nach Frankfurt gibt.“

In Frankfurt am Main steht die Zentrale des DFB. Düsseldorf, das ist Groths Heimat, ihre Wurzeln aber liegen in Schleswig-Holstein, im bäuerlichen Dithmarschen. „Zupackend, ruhig, erdverbunden, wortkarg“, so beschreibt sie die Menschen dort, deren Charakter „im krassen Gegensatz zu den Rheinländern“ stehe. Dieser Hintergrund hat Groth geprägt – und es ist genau dieses so selbstverständliche Zupacken, welches nun hinter ihrer Bewerbung zur ersten Präsidentin des DFB steckt.

Auf ihr Geschlecht möchte Groth diese Ambitionen nicht reduziert wissen. Vielmehr geht es ihr darum, den Bewerberkreis über „die üblichen Verdächtigen“ hinaus zu denken. Bisher gelten Ex-Profis und Funktionäre aus der zweiten Reihe als Kandidaten für den Job. Das Präsidentenamt sieht sie als Vorbild für die 25.000 Mitgliedsvereine mit mehr als sieben Millionen Mitgliedern und kritisiert: „Das öffentliche Bild des DFB ist schlecht, die gute Arbeit der Regional- und Landesverbände verschwindet dahinter.“ Dagegen vorzugehen, das wäre ihr Anliegen, würde sie die Wahl im September gewinnen. „Mit einer Aufklärung über die Strukturen, Entscheidungswege und den Geldfluss muss transparent und nachvollziehbar werden, was im DFB passiert.“

Zum Fußball ist die zweifache Mutter über ihren Sohn gekommen. Als Jugendliche noch konnte sie dem Sport nichts abgewinnen: „Die interessanten Jungs haben lieber Fußball gespielt, als sich mit den Mädchen zu verabreden.“ Ihr Mann arbeitet als Trainer bei Groths heutigem Verein, dem DJK TuSA 06 Düsseldorf, der Sohn kickte ab dem Bambini-Alter dort. Ende der Neunziger begleiten Groth und ihre Tochter ihren Mann und Sohn zum Jugendaustausch des Vereins mit „Four Oaks“ in Sutton Coldfield bei Birmingham in England.

Ihr erster Eindruck? „Lauter lärmende jugendliche Fußballspieler.“ Doch während der Reise wird ihr klar, „dass Fußball auch Sozialarbeit ist“. In der Folgezeit organisiert sie den jährlichen Austausch mit, absolviert die Ausbildung zur Kinder- und Jugendtrainerin Fußball und arbeitet bei der Vereinszeitung. Als der Vorsitzende 2007 seinen Rückzug ankündigt, kandidiert sie bei der Jahreshauptversammlung für das Amt – und wird gewählt.

„Das war für alle ein bisschen überraschend“, sagt Groth heute. Denn ein Wechsel in der Vereinsführung war zuvor bereits einmal gescheitert, der damals gerade noch ehemalige Vorsitzende wieder eingesprungen. Der habe nun aber schnell gemerkt, „dass ich unaufgeregt, ruhig und zupackend die richtigen Kontakte und Netzwerke knüpfe und den Verein weiter auf einem guten Weg halte“.

Sport spielte immer eine Rolle im Leben von Ute Groth, obschon ihr Weg in den Fußball nicht absehbar war. Als Schülern war sie aktive Ruderin, als Erwachsene kam die Leidenschaft fürs Radfahren hinzu. Die längste Tour führte sie von Düsseldorf mit Rad und Campingausrüstung bis nach Bozen. Als Aktive betreibt sie Gymnastik und hält sich mittlerweile im Fitnessstudio mit Kraft- und Ausdauertraining fit.

Dieser Tage muss sie immer wieder die Frage beantworten, ob es ihr auch ernst sei mit der Bewerbung – als ob sie sich der Folgen ihres Handelns nicht bewusst wäre. Doch wer so denkt, unterschätzt die Frau, die privat Fan der Düsseldorfer Fortuna ist, gewaltig. Groths Sehnsucht nach einem Wandel im Business Profifußball ist echt – und sie ist überzeugt: „Wenn sich genügend Menschen von der Basis äußern, gibt es eine reelle Chance für einen Wechsel an der Spitze des Verbandes.“ Von der Spitze könnte der Verband dann endlich auch den inneren Wandel vorantreiben, zu dem für die Bauzeichnerin eine Stärkung des Amateursports als der Basis des Fußballs ebenso gehört wie „deutliche, unmissverständliche Zeichen gegen Rassismus und für Gleichberechtigung“, wobei zu Letzterem auch die Rolle des Frauenfußballs zählt. „Fußball ist politisch“, daran lässt sie, die aktuell als Vereinsvorsitzende Verantwortung für rund 1.300 Mitglieder trägt, keinen Zweifel aufkommen.

Der TuSA 06, dem Groth vorsteht, gehört zum katholischen Sportverband in Deutschland, unter dessen Dach rund 500.000 Mitglieder in 1.100 Vereinen zusammenkommen. Die Spitze des Verbandes unterstützt ihre Bewerbung nachdrücklich; Groth selbst erklärt, Werte wie Gemeinnützigkeit, die zu jedem Verein gehörten, würden beim DJK noch besonders herausgearbeitet. Es sind eben diese Werte, die sie in eine mögliche Verantwortung beim DFB tragen möchte, denn: „Wichtig ist, dass wir alle, die wir miteinander zu tun haben, ehrlich, fair und respektvoll miteinander umgehen und unsere gemeinsame Idee voranbringen.“

Mara Pfeiffer arbeitet als freie Journalistin, bloggt und tritt als Expertin in TV und Podcasts auf. Sie hat vier Bücher veröffentlicht, zuletzt den Mainz-05-Krimi Im Schatten der Arena

06:00 25.05.2019
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