Grizzly Mama mit Lippenstift

Sarah Palin Die Demokraten finden einfach kein Mittel gegen sie. Nie hatte der konservative Feminismus eine bessere Repräsentantin

Wohl noch nie hatte eine Frau so viel Einfluss auf den politischen Diskurs in den USA wie Sarah Palin, Nordamerikas Version von Evita Peron (1919 - 1952), der ersten Frau der argentinischen Caudillo Juan Peron. Und schon in zwei Jahren ist wieder Präsidentenwahl.

Neulich hat Palin Nord-und Südkorea verwechselt. Doch schon seit einiger Zeit fallen die Witze darüber flach. Die konservative Frau aus Alaska, die auch im dortigen langen Winter magisch braungebrannte 46-Jährige mit den fünf Kindern Track, Trig, Bristol, Willow und Piper und dem feschen Ehemann namens Todd geht den Amerikanern unter die Haut. Ihre Gegner bringt sie zur Weißglut, spiele sie doch den Menschen nur ein Theater vor. Sie geißelt die „liberale Elite“, hüllt sich in die Nationalfahne, bemüht Gott, der Amerika ausersehen habe, und misstraut der Regierung Obama, obwohl ihre Heimat Alaska pro Kopf mehr Geld aus Washington bezieht als jeder andere Bundesstaate. Ihre Rhetorik füllt ein Vakuum: Die „kleinen Leute“ fühlen sich nicht sonderlich repräsentiert in Washington. Palin kommt aus eher einfachen Verhältnissen, war Dorfschönheitskönigin, brachte es dann zur Gouverneurin von Alaska und 2008 zur Kandidatin für die Vizepräsidentschaft.

Sarah Palin weigert sich seither, von der Bühne abzutreten, trotz der Warnungen der „Blaublüter“ der Republikanischen Partei, unter anderem in Gestalt von George W. Bushs „Gehirn“ Karl Rove, der meint, sie habe nicht die nötige Gravitas fürs Weiße Haus. Will heißen, obwohl Palin die rechte Basis so wirkungsvoll motiviert mit ihrem Populismus, tut man sich noch schwer in der Republikanischen Partei mit einer Frau an der Spitze. Hatte doch die konservative Urmutter Phyllis Schlafly noch vor ein paar Jahren betont, Frauen sollten nicht aus ihrer „natürlichen Rolle“ als Hausfrau und Mutter „fliehen“. Und bei manchen im rechtschristlichen Parteiflügel gilt, dass der Mann Familienoberhaupt gesetzt ist. Die Geschlechterrollen bleiben nach traditionellem Raster verteilt: Die Frau hilft – der Mann hat das Sagen. Als Analystin beim Fox-Fernsehen (der Sender hat ihr in Alaska ein Studio eingerichtet) verspottet Palin die Demokraten. Sie äußert sich in Facebook und Twitter, schreibt Bücher, tritt bei Veranstaltungen von Tea-Party-Gruppen auf und ist Star ihrer Fernseh-Reality-Show Sarah Palins Alaska.

Fünf Beutel Elch

In der jüngsten Episode ging die Protagonistin mit ihrem Vater auf die Jagd in der Tundra, einer Landschaft, die „einen jeden zum Mann macht“, wie es in Sarahs Facebook heißt. Gatte Todd, muss man annehmen, blieb zu Hause bei den Kindern. Gejagt werden musste, erklärt Palin im Film und zeigt vor: Im Gefrierfach nur noch „fünf Beutel Elch und drei Karibu“. Die Jägerin fliegt gen Norden. Ein Karibu erscheint am Horizont. Sarah schießt drei Mal, vier Mal, fünf Mal. Sie trifft nicht, aber das Karibu rennt nicht weg. Noch ein Schuss. Das Tier stürzt. Tot. Palin bedankt sich beim Karibu, „dass es mit seinem Tod ... eine nette Familie ernährt“. Girls and Guns ist eingenäht auf Palins Baseball-Mütze. Mit Rosa-Zwirn.

Blutsport gehört in den USA zum politischen Ritual und wirkt wie ein zum Kult verklärter männlicher Offenbarungseid. Barack Obama war die Ausnahme. Er hat nichts erschossen auf dem Weg ins Weiße Haus. Aber man erinnert sich an die Peinlichkeit 2004, als der gewehrfremde demokratische Präsidentschaftsanwärter John Kerry ein paar Tage vor den Wahlen Enten jagen ging. Hillary Clinton machte bei den Vorwahlen 2008 bekannt, sie habe von ihrem Vater Schießen gelernt. Jagen, für sich selber sorgen, das gehört zu den Grundmythen vom „wirklichen“ Amerika, das Sarah Palin angeblich am Herzen liegt. Auch wenn die Zahl der in den USA ausgestellten Jagdscheine nach Angaben der Behörde Fish and Wildlife Service von Jahr zu Jahr sinkt. Junge Leute schießen lieber beim Computerspiel, und die Suburbs drängen sich in die Wiesen und Wälder.

Sarah – ihre Anhänger und Anhängerinnen nennen sie nur Sarah – setzt dem Pionier-Mythos eins drauf: Hier ist es die Frau, die jagen geht. Mit Make up, modischen Fingernägeln, Sex-Appeal und auf Naturlook gestyltem Haar. Sarah lebt ihren Fans eine Reality-Show-Realität vor. Sarah erfüllt Sehnsüchte. In denen frau alles haben kann: Familie und Karriere.

Bristol Palin und Murphy Brown

Widrigkeiten, dass etwa die älteste Tochter unverheirateter Weise schwanger wird, und der Kindesvater aus Sicht der Eltern kein Wunschkandidat ist, verleihen Normalität. Selbst wenn der „Schwiegersohn“ in Medieninterviews petzt, dass es bei den Palins oft ziemlich stürmisch zugehe und seine „Schwiegermutter“ nicht wirklich mit Gewehren umgehen könne. Und wenn dessen Mutter wegen illegalen Drogenhandels im Knast landet.

Palin präsentiert ein alternatives Modell des Feminismus – es gehe, wie sie sagt, um eine „sich herausbildende konservative feministische Identität“. Ganz neu ist das freilich nicht, aber eine so gute Repräsentantin hatte dieses Denkmuster wohl noch nie. Sie lehne die „radikalen Mantras des frühen Feminismus“ ab, schrieb Palin in einem ihrer Bücher, aber „vernünftige Argumente für Chancengleichheit“ hätten ihr schon immer zugesagt. Jessica Valenti vom Blog feministing.com hat Palins Feminismus seziert und in Thesenform sortiert: Palin zufolge ist die Chancengleichheit im wesentlichen erreicht worden. Die heutige (liberale) Frauenbewegung schaue auf Frauen herunter und bevormunde Frauen. Zum Beispiel bei der Abtreibungsfrage. Hier betont Palin, junge Frauen seien „stark und intelligent genug“, um ein ungeplantes Baby zur Welt zu bringen.

Tochter Bristol soll wohl Vorbild sein, hat sie doch ihr Baby „behalten“. Und diese Erfahrung gleichzeitig genutzt, um jetzt auf junge Frauen einzuwirken, auf vorehelichen Sex zu verzichten. In ihrem jüngsten Buch America by Heart vergleicht Sarah Palin Bristols lobenswerte Haltung mit der angeblich familienfeindlichen von Murphy Brown in der gleichnamigen Fernsehserie aus dem Jahr 1992: Die geschiedene „Brown“ (gespielt von Candice Bergen) entschloss sich in der Sitcom zum Kind, das sie bewusst ohne Vater aufziehen wollte, denn den brauchte sie nicht. Tochter Bristol ist offenbar wenigstens nicht absichtlich schwanger geworden. Die Serie Murphy Brown wurde in den USA zu einem Monument des Kulturkrieges. Nicht zuletzt der republikanische Vizepräsident und Präsidentschaftskandidat Dan Quayle attackierte 1996 Murphy Brown im Wahlkampf als Beispiel einer Wertearmut, die 1992 zu den Rassenunruhen in Los Angeles und zum Familienzerfall geführt habe.

Heißer als Hillary

Männer, das heißt, weiße Männer, stellen die Mehrheit in Palins Fan-Club, das bestätigt Umfrage auf Umfrage. Etwa eine kürzliche Erhebung des Magazins National Journal: Danach haben 44 Prozent der Männer eine positive Ansicht (favorable view) von Palin, aber nur 35 Prozent der Frauen. Amerikanerinnen sind weniger konservativ und wählen eher demokratisch. Augenscheinlich durchschauen mehr Frauen die „Realität“ von Sarah Palins „Reality Show“. So mancher Mann sieht etwas anderes, tagträumt vielleicht, wenn ihm die Sarah vom Rednerpult zuzwinkert. Pat Buchanan, seit Jahrzehnten konservativer Wortführer, hat das so formuliert: Die Republikaner könnten doch mal „eine traditonelle Frau wählen, die auch eine – wissen Sie – Schönheitskönigin ist“. Der konservative Radio-Talkmeister Rush Limbaugh hat sich über Palin als das republikanische Babe gefreut. Sarah sei viel heißer als Hillary Clinton.

Und Besty Reed spekulierte im linksliberalen Wochenmagazin The Nation: Wenn es nach Männern ginge und erst recht nach weißen Männern, könnte Palin Präsidentin werden. Bei einer kürzlichen Umfrage wurde angenommen, Palin kandidiere 2012 gegen Barack Obama. Unter Männern hatte Palin mit zwei Prozent Vorsprung gewonnen. Bei Frauen lag Obama mit 13 Prozent ganz klar vorn. Aber ob Palin Präsidentin werden will? Gegen Obama würde sie gewinnen, sagte Palin Anfang Dezember im Fernsehsender ABC. Ihre Buchtour begann sie denn auch mit strategischem Blick in dien ersten republikanischen Vorwahlstaaten.

Gelegentlich hält sie Reden zu gewichtigen Wirtschaftsthemen. Angesagt sind auch Auslandsreisen, die sie demnächst vermutlich nach Israel und England führen. Mitte Dezember standen schon knapp zwei Tage Haiti auf dem Programm, zusammen mit Todd und Bristol und ein paar Fox-Leuten, als Gast des dort karitativ und missionarisch tätigen Baptistenpredigers Franklin Graham.

Wie hat man sich doch vor 30 Jahren über Ronald Reagan lustig gemacht, den unbedarften und uninformierten Ex-Schauspieler und Ex-Gouverneur, der Präsident werden wollte. Und dann wurde. Weil er es verstand, mit „seinen Leuten“ zu reden, und weil die politische und wirtschaftliche Elite mehrheitlich zu dem Schluss gekommen war, dass vier Jahre Jimmy Carter und Menschenrechte und Sinnsuche genug waren, und nun wieder konservative Saiten aufgezogen werden sollten. Und wie macht man sich nun doch lustig über die vermeintlich unbedarfte und uninformierte Ex-Gouverneurin, die vielleicht Präsidentin werden will – die Grizzly Mama und der Pit Bull mit Lippenstift.

Konrad Ege beobachtet Palin und die Tea Party, seit die gegen Obamas Präsidentschaft mobil machen

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09:00 26.12.2010

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