Große Eltern

Kehrseite I Ich weiß nicht, ob ich eine Großmutter hatte. Natürlich gab es eine - oder zwei - aber diese eine, von der ich hier schreibe, hat sie wirklich ...

Ich weiß nicht, ob ich eine Großmutter hatte. Natürlich gab es eine - oder zwei - aber diese eine, von der ich hier schreibe, hat sie wirklich gelebt, war sie wirklich unter uns? Sie war ein kleines, zierliches Geschöpf mit ebenso kleinen, zierlichen Falten im kleinen, zierlichen Gesicht. Sie lebte lautlos, lichtlos, als eine Vorstufe klassischer Musik, als Feder, als Schatten, als Staub, der als Flocke unter dem Schrank hervorrollt. Sie war nicht vom Alter verhutzelt, musste schon immer so klein gewesen sein, ein kurzer Schatten meines elchenen Großvaters.

Nach dem Mittag - wenn sie und ich und mein Bruder gegessen hatten, mein Großvater aß erst abends nach der Arbeit warm - goss sie sich ein halbes Glas Bier ein. Ein halbes Glas, die Flasche hatte 0,33 Liter, also 0,165 Liter, trank es langsam, Schluck für Schluck, und legte sich dann schlafen. Die andere Hälfte des Biers am Abend, vielleicht sogar in einem Zug.

Meine Mutter daheim trank nach dem Mittag Schnaps. Sie goss sich Limonade oder Cola in ein Glas und, von der offen stehenden Speisekammertür verdeckt, mit dem Rücken zu den Kindern, mischte sie den Alkohol hinein für ihren traumlosen, stechenden Schlaf.

Meine Großmutter häkelte. Der einzelne, metallene Haken, der den Faden packt, macht kein Geräusch. Sie häkelte Deckchen und bunte Ränder an Taschentücher, die sie allesamt verkaufte. Meine Mutter strickte für uns Kinder Pullover, im verrückten Klappern ihrer Nadeln verhedderte sich die Zeit. In den Ferien aber, bei meiner Oma, wurde die Zeit wieder gebändigt durch das geflüsterte Ticken einer einzelnen Uhr in ihrem Wohnzimmer - es war ein abwägendes Schreiten: Tak-Tak-Tak.

Die Wände standen still, hohe, verborgene Schatten umhüllten uns, meine Großmutter arbeitete, verarbeitete uns und unser Leben lautlos, sie war eins mit dem Takken, die Pausen zwischendurch hielten sie, hielten uns an, immer starben wir zu zweit ein bisschen zwischen Tak und Tak, sie starb, ich starb, wir wurden rosa Gekräusel am Rande eines Taschentuchs, und es tat gut.

Sie sagte nie etwas, fragte nie etwas. Ich war ihr Apfelmann, denn ich aß am liebsten Äpfel, sie war meine Apfelfrau, und ihren kleinen, faltigen, roten Apfelbäckchen mochte ich nie widersprechen. An ihrer Seite war ich gewaltlos, ein Schatten, ein Gutmütiger, den die Zeit nicht übersah, und der deshalb für immer fortleben mochte. Ich war nicht ihr Enkel, ich war niemand, der Platz, auf dem ich saß, hätte ebenso leer sein können, und das Lieben wäre trotzdem in diesem Zimmer gewesen.

Eine Vorstufe klassischer Musik, das Licht einer Kerze, die gerade verlöscht, die Bewegung einer Gardine, eine hauchdünne Erinnerung, die der Wind verwirbelt hat, war meine Oma.

Nachts sprang in der Wohnung der Apfelbäckigen der Kühlschrank an, er begann den immergleichen fremden, fantasielosen Ton zu summen. Und plötzlich, mittendrin, brach er zweifelnd ab, verschluckte sich, gluckerte, als nähme er alles Gesagte zurück. Dann rief er mich wispernd zu sich. Wenn ich ihn öffnete, um in der heißen Nacht einen Schluck Limonade zu trinken, übergoss mich sein Leuchten weiß und nüchtern. Seine Fächer waren gut gefüllt, und die Ordnung und Sauberkeit schmerzten mich. Daheim lag die düstere Speisekammer unter der Dachschräge. Es gab kein Licht darin, manches verdarb im Sommer schnell, wir Kinder verdarben, und die Kammer war groß genug, dass mein Bruder mich hineinschubsen und einsperren konnte.

Der Kühlschrank war streng und ordentlich. Es waren auch keine Scherben darin. Er arbeitete nachts, begann zu roboten, brach ab, begann aufs Neue, das weiße Licht schnitt meinen Traum in kleine Eiswürfel, ich wollte nie mehr hier fort, für immer bleiben, mit keinem Bus mehr heim. Dafür wollte ich mich allem fügen. Ich wollte für immer bleiben, wollte nur das Ticken der Uhr hören, das strenge Sägen des weißen Schranks, tagsüber das Grau der Wände ansehen, die nachts schwarz waren, die kleinen faltigen Hände zwischen den rosa Rändern, und Nacht sollte werden, so eine strenge, fürsorgliche Nacht wie diese gerade vergangene.

Mein Großvater war der Herrscher über das Westfernsehen. Es wurde nie eingeschaltet, ehe er gegen halb sechs von der Arbeit kam, spät genug, wenn man bedenkt, dass sie jeden Morgen um vier aufstanden und er bald darauf fortging. Ich hatte heimlich das Gefühl, dass er manchen dort im Fernsehen persönlich kannte, mit dem oder dem fremden Politiker gar vertraut war, ohne dass wir erfuhren, wie er zu ihnen stand. Beifällig aß er das Mittagessen, dass ihm die Lautlose zum Abendbrot aufwärmte, beifällig zog er an der Zigarette und beifällig trank er vom perlenden Bier. Er lag dann längelang auf dem Sofa, das mit der einen Seitenlehne unter dem Fernseher endete. Bei nur etwas größerer Beweglichkeit hätten seine Füße sofort das andere Programm einstellen, das Gerät ausschalten können; ein fetter Krawattenmensch hätte ja auch aus dem Bildschirm heraus meinen Opa packen und ihn zu sich hereinziehen können - was mir möglich schien bei der unzweifelhaften Vertrautheit zwischen ihnen.

Mein Bruder und ich schauten, und zum Bild des Fernsehers gehört das Bild des ausgestreckten, sich räuspernden Großvaters auf dem Sofa. Lag es an den öligen, pomadisierten, geschwind lächelnden Bildern? Mein Opa und Hans Rosenthal schienen einander zu kennen, die jahrhundertealte Zwietracht zwischen meinem Bruder und mir war kaum spürbar, nur der Sommerabend war vielleicht eine Spur zu kühl. Oder lag es an meiner Oma, die vor die schnappenden Bilder ein rosa Netz häkelte, all die bunten Sprüche zu einem Deckchen verwob? Am Opa, am Westfernsehen, an Oma? Woran lag es, dass wir nicht mehr Brüder waren, verbunden in biblischer Gewalt, dass wir nur noch Kinder waren, grauweiß angestrahlte Kinder, offenmündig?

Ich hätte es nicht zu denken gewagt, so sicher ich es heute weiß. Nicht der schweigende Patriarch war es, Herrscher über das ZDF-Marionettentheater, nicht die Schweigen schenkende Großmutter. Die hatten auch ihren Anteil. Aber dass meine Mutter nicht dabei war, war die Hauptursache unserer Eintracht.

Für das Westfernsehen hätte ich sie ohne Zögern hergeschenkt.

Dirk Werner, 1961 in Gera geboren, lebt als Filmvorführer und Autor in Esslingen/Neckar. Zuletzt erschien im Freitag 14/2007 sein Text Ganz altes Testament.


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00:00 04.05.2007

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