Grusel mit Regieanweisung

Medientagebuch Leinwand-Dämonen im Radio oder: "Hörspiele sind wie Stummfilme, nur umgekehrt" (Urs Widmer)

"Nosferatu, ... hüte dich es zu sagen, ... sonst verblassen die Bilder des Lebens zu Schatten, spukhafte Träume steigen aus dem Herzen und nähren sich von deinem Blut ...". Eine neue Hörspielreihe des Deutschlandfunk will die großen deutschen Stummfilme in eine Tonspur bringen. Der Titel der Reihe, Dämonen der Leinwand, geht zurück auf eine Pionierin der Filmkritik, Lotte Eisner. Sie empfand wie Siegfried Kracauer die expressionistischen Stummfilme als eine Vorahnung auf den deutschen Faschismus.

Hörspiele nach Stummfilmen? Das kommt einem wie ein gewagtes Experiment vor. Das frühe Radio übernahm seine Schnittechnik vom frühen Film. Ist die scheinbar unmögliche Umkehrung eine mögliche Form, den alten Stoff neu zu fassen? Der Rückgriff auf die hochdramatischen Handlungen dieser Filme ist wohl auch mit der Hoffnung verbunden, dass der Hörer sich nicht langweilt, dass es ihn angenehm gruselt und er voll Spannung auf der Frequenz bleibt.

Der Grusel, den Literatur und Film auslösen können, jener Schauer, der uns überläuft, ist dann ein Genuss, wenn die künstlerische Form der Dämonie, der nicht durchschaubaren Bedrohung, gewachsen ist. Stummfilm-Regisseure wie Murnau und Lang waren überzeugt davon, eine neue große Form gefunden zu haben, mit der sie die dunklen Gefahren ihrer Zeit auf die Leinwand bannen konnten. Bannen hieß da: durch Darstellung bezwingen. Eine neue Ästhetik des Umgangs mit der Angst entwuchs aus den Licht- und Schattenspielen.

Nosferatu - Der doppelte Vampir eröffnet die Rundfunk-Reihe. Das Hörspiel von Klaus Buhlert stützt sich auf das Drehbuch von F. W. Murnau zu seinem Nosferatu- Film (1922) und auf den Dracula-Roman von Bram Stoker (1897), der Quelle Murnaus war, ohne dass dieser die Rechte von der Erbin des Verfassers erhalten hätte. Man kann einer abwechslungsreichen, dramatischen Handlung aus wechselnden Erzähl-Perspektiven folgen. Der Anwalt Hutter fährt in die Karpaten, findet den Grafen, dem er ein Grundstück in England (bei Murnau: in Deutschland, dem Hause Hutters gegenüber) vermitteln soll, wird von Vampiren berückt, entdeckt das frische Blut in den Mundwinkeln des scheinbar Toten, sieht die Gier des Monsters nach dem schönen Hals seiner Frau. Der Graf verschifft schwarze Kisten, die Mannschaft des russischen Schoners wird Opfer der Pest, das Gespenst und seine Kisten aber kommen an Land. Hutter, Draculas Gefangener, flieht, stürzt, kommt nach Wochen im Spital nach Hause. Ellen Hutter wird von Dracula magisch angezogen. Sie opfert sich aus Liebe zu ihrem Mann und löscht damit das Böse aus.

Das ist alles sehr spannend mit Lust- und Schreckenslauten, leidenschaftlichen Dialogen in Geräusch und Ton gebracht. Es tauchen fast alle spätromantischen Motive auf: Aberglaube, ein geheimnisvoller Osten, Burggeister und Nachtvögel, Gespensterkutschen, verfallene Ruinen, Totenschiffe und Grabkapellen. Das Wesentliche aber ist die Perversion der Sexualität in eine todbringende Lust oder eine religiös zur Rettung vor der Dämonie sich opfernde Leidenschaft.

Das Hörspiel liefert also in erster Schicht den vertrauten Grusel-Genuss für den spontanen Zuhörer, der gefesselt wird von den Vorgängen eines typischen Schauermärchens. Aber die Form, das Lauschen auf die Textquellen, bannt jede Dämonie. Die Titel und Schriftzeilen des Drehbuches werden verlesen, sie geben jene knappe, wie geronnene Sprache wieder, die bei großen Stummfilmen sehr beeindruckend ist. Den bedächtig erzählenden Tagebucheintragungen und Briefen eines recht nüchtern beobachtenden Hutter aus dem Roman folgen Schnitte, die die beängstigende Stimmung der lauernden Gefahren aus dem Film suggestiv aufklingen lassen. Wiederholungen von Handlungsmomenten schaffen Spiegelungen, klären und ordnen komplizierte Vorgänge, das erzeugt Abstand. Neben der heftigen Leidenschaft und Gier, die das Vampirwesen ausdrückt, werden nüchtern die Regieanweisungen des Drehbuches verlesen: "Blende, Ende des ersten Aktes". Die Bilder des Stummfilms werden gespeist aus unseren eigenen Vorstellungen, sie werden dabei erstaunlich gut sichtbar. Es tauchen die Phantasie fütternde Grundelemente auf, die Rufe des Nachtvogels und das Rattern des alten Orient Express, das hauchende "Liebster" der Darstellerin der Ellen, der harte Akzent des Dracula. Das sind so überlieferte Mittel eines Schreckens-Stückes. Sie werden im Sinne der Tradition des Genres fast ohne Ironie zitiert.

Eine satirische Deutung des Schreckens, wie sie Polanski in dem Film Tanz der Vampire (1967) schuf, wird nicht angestrebt. Wir sollen durchaus noch den Schauer empfinden. Wir sollen nicht lachen, aber dem Grauen gewachsen sein, das durch die Ton-Montage gebrochen ist.

Das Hörspiel Nosferatu - Der doppelte Vampir wird im Deutschlandfunk am 15. 1. um 20 Uhr gesendet. Am gleichen Abend folgt das Feature Der lange Schatten des Vampirs, das eine an Details reiche Mediengeschichte des Stoffes liefert. Weitere Sendungen aus der Reihe Dämonen der Leinwand im DLF: 28.1. Dr. Mabuse, der Spieler; 22. 1. Metropolis, 25. 1. Der Golem, 8. 2. Das Testament des Dr. Mabuse, 12. 2. Die Spinnen, 15. 2. Boulevard der Dämmerung, 19. 2. Ruttmann und Konsorten


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00:00 14.01.2005

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