Gut oder böse

Parabel In seinem Roman "Gottes kleiner Krieger" deutet der indische Schriftsteller Kiran Nagarkar Religion als Schäumen der bedrängten Kreatur

Zia, ein kleiner Junge, der in einer begüterten, liberalen muslimischen Familie in Bombay aufwächst, will es gut machen. Seine fromme Tante hat großen Einfluss auf ihn, und so fastet er heimlich während des Ramadan. In seinem nicht einmal von der Tante verlangten Übereifer sticht er den Hund eines befreundeten Händlers ab, denn dieser Händler ist Hindu. Die Eltern und eine katholische Freundin schicken den Jungen in ein gehobenes, christlich geführtes Internat, wo Zia sich als Mathematik-Genie erweist. Seine Rationalität hindert ihn nicht daran, an einem der höchsten muslimischen Feiertage aus dem Internat zu entwischen und an einem Umzug teilzunehmen, um den Märtyrertod des Enkels von Mohammed zu beweinen; dabei geißelt er sich in Ekstase und beinahe in den Tod. Als Student der Universität Cambridge verfolgt der Hochbegabte vor allem das Ziel, Salman Rushdie umzubringen, aber sein Bruder Amanat verhindert das im letzten Moment.

Ein Roman, der mit "dem" Islam abrechnet? Nein. Der in Bombay lebende Kiran Nagarkar, Jahrgang 42, hat mit seinem neuen Buch eben nicht den geraden Lebensweg eines irregeleiteten muslimischen Fanatikers beschrieben, um damit Wasser auf die Mühlen westlicher Kulturkampf-Propagandisten zu gießen. Er selbst nennt sein Buch eine Parabel ohne Botschaft, eine Imagination. Es geht in diesem Roman teilweise tatsächlich ziemlich phantastisch zu; die Ab- und Aufstiege diverser Figuren sind geradezu märchenhaft, und war man eben noch in einer kontemplativen Abhandlung über den Sinn menschlichen Daseins - hat Gott den Menschen vielleicht zweibeinig erschaffen, damit irgendwelche Asketen ihm zum Lobe jahrelang auf einem Bein stehen? -, so findet sich der Leser kurz darauf in einem Thriller wieder.

Die Konstruktion des Lebensweges von Zia ist ziemlich schematisch beziehungsweise inhaltlich reichlich gewagt. Aber gut, Imagination. Bei allen Ausschweifungen, die sich dieser Roman leistet - der Text ist keine Parabel ohne Botschaft. Hier wird exemplarisch vorgeführt, dass Religion in jeder Form nicht nur das Seufzen der bedrängten Kreatur, sondern auch ihr hasserfülltes Schäumen sein kann. Religion als das Selbstbewusstsein und Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat, so heißt es bei Marx. Nagarkar hat kein Psychogramm seiner Hauptfigur geschrieben, und so kann man nur rätseln, wie der Selbsthass und die Selbstgerechtigkeit Zias zustande kommen. Zia bleibt nicht Moslem. Nach einer Phase als Terrorist in Kaschmir und Afghanistan wird er Christ in einem amerikanischen Trappistenkloster, er wird zu Bruder Lucens. Auch jetzt ist er ein Hundertprozentiger, obwohl in seinem Leben, vom Bruder Amanat angefangen, immer wieder menschenfreundliche Leute auftauchen, die mit ihm debattieren, ob aus buddhistischer, hinduistischer, christlicher oder muslimischer Perspektive.

Der von Zia zu Lucens Gewandelte geht energisch daran, die offenbar sexbesessenen, zügellosen USA in den Zustand der Unschuld und Gottesnähe zurückzuführen. Um das zu erreichen, braucht er vor allem Geld. So spekuliert er äußerst erfolgreich an der Börse und zieht einen gigantischen Apparat auf, dem sich die Neokonservativen selbstverständlich anschließen. Man bekämpft Schwule und Lesben, überfällt eine Abtreibungsklinik und will deren Arzt ermorden, man erklärt die Pille und Kondome für Teufelswerk. Lucens und die Seinen infiltrieren Schulen und Firmen, organisieren Reinheitsgelöbnis-Kampagnen, sie betreiben erfolgreich eigene Fernseh- und Radiosender - und auch in dieser Phase fällt Zia- Lucens weiterhin ständig vom Manischen ins Depressive und zurück. Denn jetzt ist es nicht mehr Allah, sondern Jesus, der nicht genug kriegen kann, vor dem er sich fortgesetzt schuldig macht, denn er traut sich selbst alles "Satanische" zu, warum nicht auch eine mögliche Beteiligung an den Angriffen des 11.9..

Um Gott zu dienen, muss Lucens immer mehr Macht gewinnen; so kommt es zu einer neuerlichen Verwandlung durch hinduistische und tantristische Exerzitien, bei denen er seine Wiedergeburt als Tejas erlebt. Der verteidigt seinen Einstieg ins Waffenexportgeschäft mit dem göttlichen Auftrag, die Welt und insbesondere die USA zu retten. Es kommt zum Showdown, als ein afghanischer Warlord, inspiriert von den einpeitschenden Reden des jungen Zia, von Tejas Massenvernichtungswaffen kaufen möchte. Der sagt zwar zu, versucht aber, den Warlord für eine andere Vision zu gewinnen, für die eines friedlich geeinten Afghanistan; und Zia - Lucens - Tejas findet als Verräter offenbar den Tod.

Ja: Dieses Buch ist auch eine Räuberpistole; aber eben nicht nur. Nagarkar pointiert die Verquickung von globaler Finanzwelt, Rüstungsindustrie, religiösen Fanatikern und Politik auf beklemmende Weise. Es geht ihm dabei weniger um eine politische Analyse, als um die Auseinandersetzung mit psychologischen, religionsphilosophischen, metaphysischen und moralischen Fragestellungen. Die Botschaft dieser Parabel wendet sich klar gegen jede Form des Logozentrismus. Sämtliche Gegenspieler Zias, ob Amanat oder alte Freunde, beschwören ihn, man solle nur einer einzigen Gottheit trauen, dem Leben selbst, daher dürfe man nicht trennen zwischen "uns" und "den anderen", zwischen Gott hier und dem Satan da, dem Guten hier und dem Bösen da. Diese These durchzieht das Buch in immer neuen, manchmal ermüdenden, meist aber sehr anregenden Geschichten, Briefen und Berichten.

Nagarkar zeigt, dass Fanatiker jeder Couleur im Kampf um Reinheit natürlich auch "die eigenen Leute" niedermachen; eine Tatsache, die von zahlreichen Kulturkampf-Propagandisten schlicht ignoriert wird. Es sind seinem Buch zufolge auch nicht lediglich minderbemittelte perspektivlose Arme, die anfällig für Extremismus sind - ein weiterer Angriff auf simple Denkmuster, die für sämtliche Mittel- und Oberschichten, wo auch immer, so entlastend sind. Auch hierzulande übersehen die Rufer nach einer Leitkultur und die Warner vor Parallelgesellschaften gern, dass Naturen wie Zia ihre Jugend eben nicht unbedingt auf einer finsteren Koranschule, sondern durchaus auf Upperclass-Internaten verbracht haben können. Bildung und Säkularisierung schützen nicht davor, zu einem mörderischen Menschenfreund zu werden, ob muslimisch oder christlich; ganz zu schweigen von den gut erzogenen Machtmenschen, die den Gott Geld anbeten und in ihrem Profitinteresse jedes Geschäft rechtfertigen.

Gottes kleiner Krieger ist ein spannendes, kluges, witziges und unorthodoxes Buch, bei dem man allenfalls die Konsequenz bedauern kann, mit der hier die Hauptfigur auf ihre rettungslose Tour de force geschickt wird. Zia bleibt, wie es heißt, seiner "Religion des Extremismus" treu; deshalb ist es letztlich gleichgültig, welche Terminologie aus welchem kulturellen Kontext auch immer er verwendet. Einer autoritär gestrickten Struktur wie seiner ist durch Argumentation, ist durch Worte nicht beizukommen. Wäre Zia zu retten gewesen durchs Fleisch, durch die Liebe nicht gerade zu einem Gott, sondern durch die zu einem konkreten, fehlerbehafteten, leibhaftigen Menschen?

In dem Roman über einen anderen fanatisierten Gottsucher, in Halldor Laxness´ unvergesslichem "großen Weber von Kaschmir" wurde so sensibel wie spöttisch angedeutet, dass Liebe einen Menschen "erden" könnte. Auch dort leider vergeblich. Gottes auserwählte Krieger wenden sich mit Grausen. Sie dürsten nach dem Abstrakten, und in ihrem strengen Universum gibt es keinen Platz für Zweifel oder Schwäche, für immerwährende Halbheiten und unendliche Hinzufügungen, es gibt nur Gott oder Satan. Nagarkar hat, das ist das Bedrückende, kein archaisches oder mittelalterliches, sondern ein sehr aktuelles und vermutlich in die Zukunft weisendes Buch geschrieben: Denn genau in der modernen, technifizierten, globalisierten Welt wirkt das so archaisch anmutende Denken in Eins-Null-Oppositionen weiter. Dieses Denken ist kein Privileg der sogenannten "zurückgebliebenen" "anderen" Kulturen, sondern gehört genuin zur Moderne. So gesehen, ist "Gottes kleiner Krieger" ein pessimistischer Roman. "Und wo bleibt das Positive?" Es steckt im Gelächter von Zias Bruder, es steckt in Amanats Warmherzigkeit, auch mit einem durchgeknallten Bruder weiterzureden, es steckt selbst noch in seiner Wut.

Kiran Nagarkar: Gottes kleiner Krieger. Roman. aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. A1-Verlag, München 2006, 696 S., 28,80 EUR


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00:00 06.10.2006

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