Gute Pflanzen, böse Pflanzen

Flora Seit 1995 ist die Gartenbranche in einer Beschleunigungsspirale. Den Gewächsen tut das nicht gut, die Natur leidet darunter
Gute Pflanzen, böse Pflanzen
In einem ökologisch geläuterten Gartencenter kann nicht mehr das ganze Jahr Weihnachten sein

Foto: Jeff J. Mitchell/Getty Images

Meine Branche steht unter Verdacht. Auf der Suche nach Schuldigen für das Insektensterben, die Verfälschung der heimischen Flora und eingeschleppten Schädlingen ist man auf den Gartenhandel aufmerksam geworden. Was ist bloß in die Gärtnerinnen und Gärtner gefahren, dass sie es so weit haben kommen lassen?

Ich beginne meine Spurensuche in den 1990er Jahren. Als Gärtnerlehrling fühlte ich mich ein bisschen wie Goethes Zauberlehrling. Man beschied meinem Handwerk „goldenen Boden“ und zeigte respektvoll auf die beginnende Disruption der Modebranche. Modehändler hatten ihre Sommer- und ihre Wintersaison mit Modeschauen vorneweg und Schlussverkäufen hinterher. Ähnlich hatten Gärtnereien und Gartencenter ihre Frühlingssaison, und auf eine gemütliche Sommerpause folgte die beschauliche Herbstpflanzzeit.

Diese Lethargie wurde plötzlich von einer neuen Dynamik erfasst. Es war die Zeit, als Tchibo zum Gemischtwarenhändler wurde und seiner Kundschaft „jede Woche eine neue Welt“ versprach. Aus den traditionellen Jahreszeiten in der Modeindustrie wurden zwölf und mehr neue Kollektionen im Jahr, welche aufwendig inszeniert die Kundschaft immer häufiger in die Läden lockten. Die Umsätze explodierten – die Geburtsstunde von „fast fashion“.

Die Gärtnerschaft fasste Mut: Was die Mode kann, können wir schon lange! Als Erstes nahm man sich des beschaulichen Herbstes an. 1995 wurde von einem findigen Pflanzenzüchter ein neues Sortiment mit dem poetischen Namen „Herbstzauber“ entwickelt. Erstmalig wurde um eine Pflanzengruppe eine Marke kreiert und an die Endkonsumentinnen und -konsumenten herangetragen. Man könnte es die Geburtsstunde einer „fast horticulture“ nennen.

Im Bann des Herbstzaubers

Das „Herbstzauber“-Sortiment wurde ein Erfolg. Sobald der Sommerflor langsam müde wurde, konnten Balkon- und Gartenbesitzerinnen nochmals für eine zusätzliche Bepflanzung motiviert werden. 2003 folgte das Sortiment „Frühlingsflirt“ und später die „Sommerlust“. Plötzlich war auch in der Gärtnerei immer Saison.

Diese gärtnerische Inflation der Jahreszeiten blieb auch anderen Händlern nicht verborgen. Baumärkte, Lebensmittelhändler und Discounter übernahmen die Trends. Sie nutzten die mit großem Marketingaufwand ins beste Licht gerückten Pflanzensortimente geschickt für Zusatzverkäufe und als wertvolle Frequenzbringer. Dank Technisierung und Globalisierung konnte die gärtnerische Produktion mit dem explodierenden Pflanzenabsatz Schritt halten. Die effekthascherischen Sortimente wurden so gezüchtet, dass sie für die Massenproduktion funktionierten. Das hat zu einem System geführt, das auf dem Nimbus der Wegwerfpflanze beruht; der Handel lebt von der Frequenz, und die Frequenz fordert kurzlebige Billigpflanzen.

Opfer waren die mehrjährige Staudenpflanzen. Da sie sich im Winter zurückziehen, gedeihen sie mit jedem Altersjahr umso prächtiger. Nach der Winterruhe stellen diese Pflanzen jedoch noch gar nichts dar! Man kauft im Frühjahr quasi Hoffnung – einen Topf mit Erde und ein Etikett als Versprechen, dass sich in einigen Monaten etwas entwickeln möge, was man über mehrere Jahre hegt und pflegt. Diese mehrjährigen Pflanzen, die in der Kultur langsamer und dadurch aufwendiger sind, stehen im schroffen Kontrast zum Hamsterrad der „fast horticulture“. Handel und gärtnerische Produktion sind vom Wachstum eines aufgeblähten Systems abhängig geworden; Neuheiten, Geschwindigkeit und Preisdruck daher bestimmend.

In der Modewelt wurden die falschen Anreize des „fast fashion“-Systems der Öffentlichkeit schlagartig bewusst, als 2013 in Bangladesch ein neunstöckiges Gebäude zusammenbrach, das fünf Textilfabriken beherbergte. Die Katastrophe richtete den Blick jäh auf das fragwürdige System eines dominierenden Teils der Modebranche.

Etwas Ähnliches passiert nun auch in der Gartenwelt. Es scheint, dass das steigende Bewusstsein für das Artensterben das Potenzial hat, falsche Anreize des „fast horticulture“-Systems aufzudecken und die Branche als (Mit-)Täterin zu entlarven. Derweil schlüpft die Gärtnerschaft geschickt in die Rolle der Retterin. „Greenwashing“ scheint auch hier zu funktionieren. Denn die Zusammenhänge sind komplex und die Strategien kontrovers.

Foodmeilen gehen immer

Während in den Massenmärkten die Türen zur Gentechnik in der Zierpflanzenzucht immer weiter aufgestoßen werden, fordern andere die radikale Rückbesinnung auf die einheimische Flora. In der Schweiz wurde ein Konzept lanciert, in dem ausschließlich Pflanzen und Saatgut, die von Schweizer Standorten stammen, das entsprechende Floretia-Logo tragen dürfen. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Auf der einen Seite wirkt die innovative Zucht von Pflanzen, die resistent gegen Hitze, Krankheiten und Schädlinge sein sollten, als großes Heilsversprechen. Auf der anderen Seite wird unter breiter medialer Begleitung die Rückbesinnung auf ausschließlich einheimische, möglichst unveränderte Arten proklamiert.

Dieses Spannungsfeld stellt die Branche vor eine Zerreißprobe: Plötzlich gibt es „gute“ und „böse“ Pflanzen. Unverhofft finde ich mich in der Rolle von Richter und Angeklagtem. Wieder wie im Zauberlehrling: Wie werden wir die Geister, die wir riefen, wieder los? Wird im Pflanzenhandel bald ein Ampelsystem, ähnlich wie bei den Lebensmitteln, für Orientierung sorgen müssen? Braucht es grün-orange-rote Ampeln, um die Konsumentinnen und Konsumenten zur biodiversitätsfördernden Pflanzenwahl zu motivieren? Sollen Anbieter erziehen oder Bedürfnisse befriedigen?

Es ist nicht leicht, aus der „fast horticulture“ zu finden. Die größte Herausforderung bleibt, dass das Geschäft mit Pflanzen, trotz ergänzender Sortimente, an eine natürliche Saisonalität gebunden ist – vergleichbar mit einem Skigebiet; von Mai bis September sind die Pisten ausgestorben. Ohne ergänzende Sortimente wären Gärtnereien und Gartencenter zwischen Juli und Februar ähnlich ausgestorben.

Die Waffen im Kampf gegen diese unrentable Nebensaison sind: Hunger und Durst. Die Investitionen in gastronomische Angebote muten in Gartencentern zuweilen astronomisch an. „Food“ geht immer und die Restaurants sind strategisch geschickt platziert. „Straße der Verführung“ nennen britische Gartencenter-Planer diese mit Geschenk- und Dekorationsartikeln gesäumte Strecke vom Center-Eingang zum Restaurant. Sie ist die Überlebensader der Gartencenter.

Nach der winterlichen Durststrecke sind die Gartengeschäfte bis im März dann finanziell dermaßen ausgehungert, dass sie den Gartenhunger und Blütendurst der Konsumentinnen und Konsumenten ohne Rücksicht auf gute oder böse Pflanzen stillen wollen. Beratung ist hier eh schwer. Jedoch ist es ein Gebot der Stunde, dass Gärtnerinnen und Gärtner ihre Beratungskompetenz um die natürlichen Zusammenhänge intensivieren. Bis jetzt wird die Beratung durch den Verkauf von „Gift“ (Pflanzenschutz & Dünger) mit großer Gewinnspanne und „fast horticulture“-Pflanzen bezahlt.

Wie kann man rentabel bleiben, wenn man diesen Weg nicht weitergehen will? David Bosshart vom renommierten Gottlieb Duttweiler Institut fasst den zukünftigen Erfolg im Handel in folgender Formel zusammen: zwei Teile Dienstleistung plus ein Teil Produkt. Diese 2:1-Formel bedingt neue Wertschöpfungsmodelle. In diesem Zusammenhang setzen andere Branchen auf Abo-Modelle. Kann das auch eine Lösung für gärtnerische Beratungsdienstleistungen sein? Eine Abonnementgebühr als „Paywall“ oder „Bezahlschranke“ für „Naturberatung“ im stationären (Pflanzen-) Handel? Klar ist: Um der „Greenwashing“-Falle zu entkommen, muss sich die grüne Branche gründlich reformieren.

Erwin Meier-Honegger ist Geschäftsführer eines Gartencenters im Kanton Zürich und Chefredakteur der Zeitschrift Der Pflanzenfreund

06:00 10.06.2019
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