Hades II

Nicht erschrecken, Sie haben soeben aus Versehen meine letzte Ruhestätte angeklickt. Naja, ich entschied mich kürzlich - und zwar anlässlich meines ...

Nicht erschrecken, Sie haben soeben aus Versehen meine letzte Ruhestätte angeklickt. Naja, ich entschied mich kürzlich - und zwar anlässlich meines Ablebens - für die digitale Bestattung. Bei den Preisen heutzutage und nach dem Wegfall des Sterbegeldes ist das wirklich eine sehr vernünftige Alternative. Viele Hinterbliebene fangen in diesen lausigen Zeiten schon an, die Trauerfeier einzusparen, die Zeitungsanzeige, die Blumen und sogar das letzte Hemd. Wo bleibt denn da die Menschenwürde?

Das Programm für die digitale Bestattung nennt sich Hades II, Hades I ist, glaube ich, ein Hundefriedhof. Die CD gibt es für knapp 30 Euro überall im Handel. Meine trauernden Angehörigen gaben allerdings der Raubkopie für einen Euro den Vorzug.

Warum wollen Sie mich denn wegklicken? Bleiben Sie doch ruhig noch ein bisschen. Ihnen braucht das alles nicht peinlich zu sein. Wissen Sie, dem Tod wird allgemein ein größerer Stellenwert beigemessen, als ihm zukommt. Bei mir war es ungefähr so, als ob eine alte Tasse herunterfällt, die sowieso schon einen Sprung hatte. Und ehrlich gesagt, zu meinen literarischen Abenden kam zuletzt ohnehin kein Mensch mehr.

Nur für den Fall, dass jetzt Ihr Interesse für Hades II wach geworden sein sollte, technisch gibt es keinerlei Probleme: Körper und Geist werden irgendwie ganz einfach in Daten zerlegt. Die meiste Speicherkapazität benötigen in meinem Fall die elf Ordner mit den guten Charaktereigenschaften. Von da aus führt ein Link direkt zu Gott, der andere zu einer nullhundertneunziger Nummer. Der dritte Link endet bei der Frage nach einem Passwort, hinter dem irgendwelche Grabbeigaben deponiert sein können. Bevor Sie sich jetzt sinnlos den Kopf zerbrechen - hier ist nichts zu holen. Ein paar alte Demos, die absolut keiner mehr gebrauchen konnte, haben sie mir mitgegeben und zwei CDs mit Weihnachtsliedern.

Der EDV-mäßig aufbereitete teure Verstorbene kann übrigens bequem im "Archiv" oder unter "Gelöschte Objekte" abgelegt werden. Oder, so wie ich, in einem Massengrab im Internet. Ein Terminplaner erinnert die Hinterbliebenen an den Totensonntag, den Geburts- und Sterbetag und daran, wer das gleich noch mal war, dem sie stets ein ehrendes Andenken bewahren wollten.

Einschlägige Unternehmen sind mit einer einstweiligen Verfügung gegen diese Bestattungsart übrigens gescheitert. Denn was heißt bei der Sachlage schon einstweilig?

Niemand kann den technischen Fortschritt aufhalten, zu überzeugend sind die Vorteile von Hades II. Gesamtkosten von höchstens 30 Euro machen das Sterben wieder für jeden erschwinglich. Mit einem Werbe-Trailer auf dem Grabstein kommt es noch billiger. Da sieht man seiner sicheren Zukunft doch gleich viel optimistischer entgegen. Die Verfechter der aktiven Sterbehilfe können durchatmen. Niemand darf sie noch länger kriminalisieren. Denn welchem Gericht sollte der Nachweis gelingen, dass die Betätigung der Löschtaste nicht lediglich ein Versehen war?

Und noch was: Bei militärischen Auslandseinsätzen entfällt schon bald der ganze Stress mit den Zinksärgen und Militärparaden. Der Chef der Friedenstruppe kann die gefallenen Helden ganz bequem mit kurzem Hinweis auf den Betreff sehr kostengünstig in die Heimat zurückmailen. Bei Sammel-Mails ist mit den einzelnen Anbietern bestimmt über Sonderrabatte zu reden.

Wissen Sie was, schauen Sie doch gelegentlich ruhig mal wieder bei mir "rein". Sie stören mich überhaupt nicht. Das ist ja das Schöne an Hades II, die "Wiederauferstehung" bleibt nicht länger nur Auserwählten vorbehalten.


00:00 23.01.2004
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