Haifischbecken großer Egos

Klassiker Pieke Biermann konterkarierte die so oft beklagte Konformität des Krimis. Ihr „Berlin-Quartett“ ist noch immer aktuell
Haifischbecken großer Egos
Die Schriftstellerin Pieke Biermann

Foto: Klaus Morgenstern/picture alliance/ZB

Es mehren sich derzeit die Neuausgaben von Krimiklassikern. Der Kampa Verlag bringt – neben den Maigrets von George Simenon – unter anderem Dashiell Hammett in neuer Übersetzung heraus, Rowohlt gönnt den Lord-Peter-Wimsey-Romanen von Dorothy L. Sayers eine Neuausgabe; und der kleine Hamburger Verlag Argument mit der Krimilinie Ariadne legt das schon länger vergriffene Berlin-Quartett von Pieke Biermann neu auf: Potsdamer Ableben (1987), Violetta (1990), Herzrasen (1993) und Vier, fünf, sechs (1997; der Titel ist ein Anspielung auf Billy Wilders Film Eins, zwei, drei).

Die vier Romane spielen im Jahrzehnt rund um den Fall der Berliner Mauer und nehmen die damit verbundenen Umbrüche auf. Im Mittelpunkt steht anfangs Kommissarin Karin Lietze mit ihrem sehr bunten Team. Doch das eigentliche Zentrum der Romane ist die Stadt: Biermann fängt Sound und Rhythmus jener Jahre in immer abgründiger werdenden Plots sowie in quietschlebendigen Dialogen ein. Es lohnt sich, manche Passagen laut zu lesen: Die Autorin lässt ihre Figuren Dialekt sprechen. Auf diese Weise krachen die unterschiedlichsten Sozialmilieus aufeinander, Biografien, Berufsbilder und Ideologien werden greifbar, ohne dass sie groß erklärt, geschildert oder auserzählt werden müssen. Überhaupt ist Biermann eine große Künstlerin der Auslassung – was hochangenehm ist angesichts des gegenwärtigen Hangs zum Ausbuchstabieren. Ihr genügen wenige Striche, um aus einer Figur einen komplexen Charakter zu machen.

Pieke Biermann war in den 1970er und 1980er Jahren in der Frauenbewegung in Berlin aktiv und galt über Jahre als „Frontfrau“ der deutschen Hurenbewegung. Dieses Engagement schlägt sich auch im Berlin-Quartett nieder: Das Selbstverständnis von Prostituierten und der sich wandelnde Umgang der Gesellschaft mit ihnen sind ein Nebenstrang, der alle Bände durchzieht. Dadurch werden – unaufdringlich – unterschiedliche feministische Positionen, die Probleme der Wiedervereinigung, Gewalt gegen Frauen, Gewalt von Frauen, hartnäckige faschistische Tendenzen der Gesellschaft im Westen wie im Osten und weitere Fragen angeschnitten. Sie bilden den Grundton, den die Handlung aufnimmt, variiert und zurückspielt.

Obwohl die Romane inzwischen zum Teil mehr als dreißig Jahre alt sind, sind sie immer noch aktuell – das liegt einerseits an den Inhalten, denn in mancher Hinsicht war die Gesellschaft in den achtziger und neunziger Jahren wirklich weiter als heute (man vergisst es so schnell, hm?), während andere Probleme seitdem schlicht ungelöst blieben (wie etwa die beliebte Verneinung von rechtsextremen und antisemitischen Positionen in der Mitte der Gesellschaft). Andererseits macht der Wagemut, mit dem die Romane geschrieben wurden, sie so überaus heutig.

Denn Pieke Biermann spielt von Buch zu Buch intensiver mit dem Genre, unterläuft Konventionen und erweitert die Grenzen: Rollenklischees werden umformuliert, Figuren gegen den Strich besetzt; Träume und Visionen mischen sich mit der Realität, lassen die Ränder unscharf und durchlässig werden; statt umständlich zu erzählen, setzt die Autorin auf bildstarke Montagetechniken. Der Krimiplot bleibt zwar zunächst die treibende Kraft, doch rückt er von Roman zu Roman mehr in den Hintergrund, um Milieuminiaturen und großen gesellschaftlichen Zusammenhängen Platz zu machen.

Dieser Mut ist schon beim ersten Erscheinen des Berlin-Quartetts belohnt worden: Drei der vier Romane wurden mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet: Violetta 1991 mit dem ersten Platz in der Kategorie National, 1994 Herzrasen ebenfalls mit dem ersten Platz; und Vier, fünf, sechs 1998 mit dem zweiten Platz in der Kategorie National.

Das waren nicht die einzigen Preise, die Pieke Biermann erhalten hat. 1990 bekam sie im Rahmen der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises den 3sat-Preis für ihren Text Das Gesetz des Auges. Außerdem ist die Autorin unter anderem als Übersetzerin aus dem Englischen und Italienischen tätig. So hat sie zum Beispiel Bücher von Dorothy Parker, Carlo Fruttero und Franco Lucentini oder Liza Cody ins Deutsche übertragen. 2020 erhielt sie den Preis der Leipziger Buchmesse für die Übersetzung des Romans Oreo von Fran Ross.

Die Fähigkeit Biermanns, souverän mit Sprache umzugehen, prägt auch das Berlin-Quartett. Schon in Potsdamer Ableben werden die Figuren über ihre je unterschiedlichen Sprechweisen charakterisiert. Der Krimiplot ist noch recht präsent: Eine polarisierende Radiomoderatorin kippt bei der Promotion-Veranstaltung für eine neue Band vor dem Buffet tot um.

Krankenhausreif geschlagen

Mord oder nicht? Lietze und ihr Team ermitteln im berlinerischen Musikbusiness, einem wahren – und sehr amüsanten – Haifischbecken übergroßer Egos. Violetta spielt in brütender Sommerhitze: Morde an Frauen mit Migrationshintergrund, krankenhausreif geschlagene Machos und Familienmänner, die nach sexuellen Eskapaden tot im Bett aufgefunden werden. Lietze und ihre Kollegen haben auch hier tragende Rollen, doch werden Seitenstränge, die die sozialen Milieus Berlins gekonnt aufs Korn nehmen, bereits mehr. Dies führt Biermann in Herzrasen fort: Immer stärker wird die Stadt – in der unruhigen Zeit kurz nach der Wiedervereinigung – in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit und Vielfalt das eigentliche Zentrum. Vier, fünf, sechs verzichtet schließlich ganz auf das Konzept von Haupt- und Nebenfiguren: ein Attentat auf den Berliner Flughafen Tempelhof ist der Aufhänger für ein hochkomplexes Sittenbild der Stadt, das auch neue (historische) Perspektiven aufwirft.

Pieke Biermanns Berlin-Quartett sticht ins Herz von Fragen- und Themenkomplexen, die mit der Wiedervereinigung 1989 aufgeworfen, jedoch nie wirklich be-, geschweige denn aufgearbeitet wurden. Die Folgen sind bis heute an allen Ecken und Enden der Berliner Republik zu spüren (und durch Corona wie unter einem Brennglas sichtbarer geworden). So kommt die Neuauflage der Romane zur rechten Zeit als denkbar passender Anstoß. Zudem zeigt sie, dass es schon in den neunziger Jahren Romane gab, die die oft so bitter beklagte Mutlosigkeit und Konformität des deutschen Krimis konterkarierten.

Das Berlin-Quartett Pieke Biermann Argument Verlag mit Ariadne 2021, 1.000 S., 50 €

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06:00 15.11.2021

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