Hanebüchen

Im Kino "The Majestic" von Frank Darabont - ein Märchen der alten Schule

Wer Auseinandersetzungen über Unterhaltungskunstwerke vermeiden will, greift oft zur Formulierung "Man muss es mögen". Entgegen seinem äußerlich strengen Befehlsklang will dieser Satz keinesfalls einen Zwang, sondern die größtmögliche Freiwilligkeit zum Ausdruck bringen: Das "Mögen", also die Folgewirkung eines ästhetischen Produkts, wird zur Voraussetzung erklärt, um das Buch, den Film, die Musik im Zustand der Unschuld zu halten.
Ich zum Beispiel mag Filme mit unwahrscheinlichen Wendungen. Wenn dem Selbstmörder auf der Brücke in letzter Sekunde ein Engel erscheint, der ihm zeigt, dass sich sein Leben doch gelohnt hat. Oder ein Football-Spieler aus Versehen zu früh in den Himmel geholt wird und dann noch mal eine Chance auf Erden bekommt, allerdings in einem anderen Körper, weil sein eigener bereits eingeäschert wurde. Oder ein Mann eines schönen Morgens aufwacht und auf einmal hört, was Frauen denken. Oder wenn ein hypochondrischer Versager durch einen dummen Zufall einen auf Molekül-Größe geschrumpften Superagenten in die Blutbahn gespritzt bekommt und dann anfängt, nach dessen Anweisungen zu handeln. All diese hanebüchenen Geschichten, die sich so skurril wie lebensfern anhören, können auf der Leinwand manchmal ein "wunderbares Leben" entfalten und für reines Kinoglück sorgen: Hinaus aus der der Beschränkung, den Fesseln des Alltagstrotts. Die unwahrscheinlichen Wendungen befriedigen das menschliche Bedürfnis nach Verwandlung, nach dem Zauberstreich, der in unser Leben eingreifen möge und anstatt langer, mühsamer Lernprozesse ganz plötzlich für neue Perspektiven sorgt.
Genau das wünscht sich die Figur des Peter Appleton (Jim Carrey) in The Majestic. Wir sehen ihn in einer Bar vor Selbstmitleid zerfließen - gerade noch begann für den Drehbuchautor die große Karriere, da bereitete die Einberufung zur Anhörung vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe erst mal all den goldenen Aussichten ein Ende. Einem grinsenden Stofftieraffen an der Bar hält er seine betrunkene Rede, von wegen weit weg fahren und aufwachen in einem ganz anderen Leben. Dann steigt er in sein flottes Auto; die Kamera lenkt unseren Blick auf seinen Mantel, den er in die Wagentür einklemmt und wir ahnen Unheil. Das lässt nicht lange auf sich warten: Es ist finstere Nacht und regnet in Strömen; eine Brücke - plötzliches Abbremsen - hilflose Manöver, dem Absturz zu entkommen, aber nein, der Mantel ... Kurzum: Peter Appleton treibt bewusstlos im Wasser, davon in ein anderes Leben.
Als Mann ohne Gedächtnis wacht er am Strand einer kleinen Stadt auf, die zauberhafterweise in ihm einen verlorenen Sohn wiedererkennt. Aus dem windigen, feigen Drehbuchautor wird nun der mit Tapferkeitsmedaille ausgezeichnete Soldat Luke Trimble, dessen Rückkehr, neun Jahre nachdem er im Krieg vermisst gemeldet wurde, für die schwer traumatisierte Kleinstadt ein fast schmerzlich willkommenes Zeichen ist, nun endlich wieder Mut zu fassen. Natürlich währt diese wunderbare gegenseitige Täuschung nicht ewig. Appleton erlangt sein Gedächtnis zurück und kurz darauf treiben ihn die Kommunistenjäger des Komitees auf. Wie immer in solchen Filmen kommt es dann darauf an, wie Appleton seine zwei Identitäten, die alte und die "unwahrscheinliche", zu einer neuen zusammenfügt.
Die frühen fünfziger Jahre, die Kleinstadt mit ihren anständigen Bürgern, die die amerikanischen Grundrechte in aller Bescheidenheit verteidigen und verwirklichen, ein staunender Tor inmitten des Geschehens, der doch überraschende Fähigkeiten zum unkonventionellen Handeln entwickelt: The Majestic ist ein absichtsvoll altmodischer Film, der in Figuren und Szenen vielerlei Bezug nimmt auf Vorbilder wie Frank Capra und William Wyler. Deren romantisch-patriotische Grundstimmung überbietet er fast noch, indem er den Sieg der Tapferkeit, der Verfassung und überhaupt der "amerikanischen Tugenden" in einer Schlusssequenz feiert, die so lange dauert und so explizit alle Handlungsstränge an ein gutes Ende bringt, dass beinahe der Verdacht der Parodie aufkommt.
Das muss man mögen. Wer es nicht tut, hat es leicht, den Film als süßlich-illusionistisches Machwerk zu kritisieren, das Geschichtsklitterung betreibt (den tapferen Widerstand gegen das Komitee gab es kaum). Wer aber zu genießen weiß, wie sich der Blödsinn der Unwahrscheinlichkeit in eine gar nicht so dumme Erzählung über Persönlichkeitsentwicklung verwandelt und darüberhinaus alle Zuschauerwünsche nach dem Sieg des Guten, der Demütigung des Bösen und der glücklichen Zusammenkunft der Liebenden befriedigt werden, hält diesen Film gern für unschuldig.

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00:00 07.06.2002

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