Michael André
26.02.2009 | 04:00

Hanna, mon Amour

Frauengeschichte "Der Vorleser“ zeigt exemplarisch, wie sich der Blick auf die Geschichte verändert, seit Hollywood die deutsche Historie entdeckt hat

In den deutschen Medien haben die Nazis ewig Konjunktur. Wenn demnächst Florian Gallenbergers John Rabe in die Kinos kommt, dann fügt sich dieser Film nahtlos in die aktuelle Mode von Retter-Geschichten: Dramen von aufrechten Deutschen, die in dunkler NS-Nacht unerschrocken ihrem Gewissen gefolgt sind. Und sei es im fernen Nanjing, wie der Siemens-Vertreter Rabe.


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Neu ist, mit welcher Wucht sich der Nazis angenommen wird. Die deutsche Zeitgeschichte ist globalisiert, auch wenn die NS-Zeit – der Kurzfilm-Oscar für Spielzeugland von Jochen Alexander Freydank ist nur der jüngste Beweis – Hollywood seit je fasziniert hat. Schindlers Liste markiert 1993 einen Paradigmenwechsel: Zu den stereotypen, nicht selten banalen Vorstellungen von den bösen Nazis gesellt sich zum ersten Mal die Geschichte eines „guten Deutschen“. Zwei aktuelle Filme können nun, betrachtet man ihre Story, für sich in Anspruch nehmen, mit einer ebensolchen, ungewohnten Perspektive auf das Dritte Reich zu blicken. In Bryan Singers Film Operation Walküre über das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 ist Deutschland nicht mehr nur das Land der Täter. Und in Der Vorleser nach dem umstrittenen Bestseller von Bernhard Schlink wagt sich Stephen Daldry auf das verminte Terrain der „schuldlosen Schuldigkeit“ der Nazi-Täter und einer verspäteten deutschen Vergangenheitsbewältigung vor.

Verschachtelte Erzählstruktur

Daldrys Film heißt wie der Roman von Schlink Der Vorleser. Und doch drängt sich sehr bald der Eindruck auf, der Regisseur sei mehr an der schillernden Antagonisten-Rolle der früheren KZ-Wärterin Hanna Schmitz interessiert gewesen denn an der Figur ihres Liebhabers Michael Berg. Wie kann es sein, dass die so deutlich mit Schlink’scher Biografie unterfütterte Männerfigur um vieles blasser wirkt als die Frauengestalt der Hanna Schmitz? Die Verschiebung hat mit dramaturgischen wie personellen Entscheidungen zu tun. Drehbuchautor David Hare hat sich gegen eine chronologische Erzählweise entschieden. Der Film springt zwischen den Jahren und Jahrzehnten, die Darstellung des Titelhelden wird auf zwei Darsteller aufgeteilt: Ein überforderter David Kross (Knallhart) gibt den Oberschüler und angehenden Jurastudenten; Ralph Fiennes, der erst im Finale seine Fähigkeiten zeigt, spielt den ehrgeizigen Berliner Anwalt und renommierten Juristen.

Bei Daldry verschränkt sich Zeit in Rückblenden und Ausblicke. Das durchaus verständliche Dilemma, einen Schauspieler in einer Rolle nicht vom „Jungchen“ bis zum gesetzten Mann besetzen zu können, wird durch die verschachtelte Erzählstruktur eher verstärkt denn gelöst: Ein Melancholiker blickt auf sein Leben zurück, zieht Bilanz, und im nächsten Moment ist dieser mit allen Anzeichen von beruflichem Erfolg ausgestattete Mann ein vom Regen durchweichter Schulbub, der sich in den Hauseingang einer deutschen Altstadt übergibt und dort von einer fremden Frau aufgelesen wird. So zerfällt die Figur des Vorlesers in viele Splitter, durch die der Blick des Zuschauers immer nur auf die Gestalt der Hanna fällt. Sie wird zum Zentrum der Erzählung, die von einem männlichen, „gebrochenen“ Helden umkreist wird, der schweigsam bis zum Schluss an seiner zerstörten Gefühlswelt leidet. So versickert das Leben dieser aufrechten und uneinsichtigen deutschen Frau bis zum stillen Freitod. Ihr bescheidener Triumph: endlich lesen und schreiben können.

Vor diesem Hintergrund der Personenzeichnung und der Erzählstruktur erscheint der Titel Der Vorleser deplatziert, denn die un-heimliche Heldin ist Hanna Schmitz. Dieser Dreh hat Konsequenzen. War im internationalen Zusammenhang das Terrorregime Sache der Männer, ist es hier nun weiblich besetzt. Zugleich wird durch die Liebesgeschichte die Nähe von Verführung und Terror zumindest angedeutet. Im Vorleser wird die Frau, die der Film als naiv behauptet, zur Metapher für die barbarische deutsche Geschichte. Der Mann dagegen erscheint an ihrer Seite als ein zeit seines Lebens Getriebener, dem sich diese Geschichte über die Erotik des weiblichen Körpers erschließt. Hanna, mon Amour – mit diesem Komplex geht der Vorleser Michael Berg durch sein Leben, von dieser übermächtigen Figur der Frau beziehungsweise der Geschichte gibt es keine Ablösung.

Schaut man derart auf den vor Monatsfrist gestarteten Widerstandsfilm Opera-tion Walküre, bleibt festzustellen, dass ­Frauen hier über die Rolle der konspirativ eingeweihten Sekretärin nicht hinaus ­kommen. Männer, Uniform tragende Männer bestimmten das Bild in Singers Film – auf der Seite der Macht wie auf der des Widerstands. Und im Mittelpunkt Tom Cruise als, natürlich, Uniform tragender „guter Deutscher“, der – wie sich das für die auf Heldenlegenden eingeschworene Filmkunst gehört – sich auf Leben oder Tod mit dem Diktator anlegt. Mit Hitler verbindet Cruisens Stauffenberg die Liebe zu Wagner und dessen todessehnsüchtiger Musik. Der Hinweis auf die musische Verwandtschaft zwischen dem Diktator und seinem Attentäter bleibt in diesem Film der einzige, der über das Erzählen von bloßen Äußerlichkeiten hinausgeht.

Literatur als Fetisch

Nach dem Ausflug auf den Berghof, auf dem Stauffenberg den Notfallplan „Operation Walküre“ vorträgt und wo die Führungselite des Dritten Reichs hofschranzenmäßig versammelt ist, eine Art Who-is-Who der größten Verbrecher, folgt Bryan Singer nur mehr einer routinierten Thriller- und Spannungsdramaturgie. Das ist nicht sonderlich aufregend, aber auch als als heroischer Geschichtskrimi ist der 20. Juli weltmarktkompatibel.

Der Vorleser wagt sich weiter vor. Seine ambivalente Verstörungskraft reicht tiefer. Wo die Figur Stauffenbergs, mit Cruise besetzt, an Komplexität verliert, da fügt Daldry Schlinks Vorlage neue Beunruhigungen hinzu. Der Film berührt nicht nur die Politik, sondern auch Genderfragen. Hier kommen weitgehend unbekannte Trieb-Territorien wie weiblicher Ordnungsfanatismus, verbohrter Stolz und masochistischer Trotz ins Blickfeld. Allerdings werden die Themen überlagert durch eine verharmlosende Lovestory.

Hanna Schmitz haftet in Schlinks Roman etwas Altmodisches an. Sie kommt aus Siebenbürgen, hat derb-handfeste Züge. Als Schönheit existiert sie mehr oder weniger nur in den Augen des Betrachters, des Ich-Erzählers Michael Berg. Die Entscheidung für Kate Winslet in der Rolle der Hanna war vorderhand eine gute Wahl: Ein Golden Globe – unverständlicherweise für die Beste Nebenrolle – und der Oscar – passenderweise für die Beste Hauptrolle – sind der gerechte Lohn für eine Darstellerin, die schauspielerisch keine Wünsche offen lässt. Doch in ihrer Körperlichkeit bleibt Kate Winslet der typische Star, der allgemeines Begehren wecken soll. Hinter der Hülle der schäbigen Uniform einer Straßenbahnschaffnerin verbirgt sich ein aufregend erotischer Körper. Daldry inszeniert die Verführung und die ersten sexuellen Begegnungen zwischen dem Jugendlichen und der doppelt so alten Frau mit viel sinnlichem Flair. Die primitive Altbauwohnung erscheint als rotbraunes Boudoir – mit einer Bewohnerin, die sich mit sinnlicher Geste die Strümpfe über die Haut streift. Hanna posiert und erscheint in diesem Moment nicht nur für Michael, sondern auch für den Zuschauer unwiderstehlich begehrenswert. Dass es sich hier um eine „skandalöse“ Liebe zwischen einer erwachsenen Frau und einem Minderjährigen handelt, wird in keinem Moment klar.

Der Film suggeriert zudem, dass das KZ zwar über die Zerstörung von Leben hinaus auch die Seelen und den Geist der überlebenden Opfer beschädigt hat, dass die Arbeit im Lager an der Aufseherin selbst offenbar folgenlos vorüber gegangen ist. Die Jahre als Wärterin haben Kate Winslets Hanna nicht nachhaltig traumatisiert. Kaum ein Affekt bricht aus ihr hervor; sie scheint galvanisiert von protestantischem Arbeitsethos und stoischer Pflichterfüllung. Ihr Panzer springt nur auf, wenn ihr Literatur – am besten Weltliteratur – vorgelesen wird. Neben Tschechows Kurzgeschichte Die Frau mit dem Hündchen wird ausgerechnet Homers Odyssee zum literarischen Leitmotiv des Films. Die Frau wird darüber zu einem schwärmerischen Kind, ihr junger Liebhaber zum unschuldig Umherirrenden, als der Odysseus in der abendländischen Geistesgeschichte gilt, und der Zivilisationsbruch, den die Shoah markiert, derart ein Teil eben dieses kulturellen Zusammenhangs.

So gerät Der Vorleser trotz aller moralphilosophischen Seminardiskussionen an der Universität auf einen abgründigen Weg. Nicht die Opfer, nicht die Nachgeborenen, sondern eine Täterin steht im Mittelpunkt – und hat die Sympathien immer auf ihrer Seite. In der geschickten Emotionalisierung des Zuschauers wird Hanna in dem Augenblick zur Heldin, als sie die Verantwortung, die ihr von den Mitangeklagten untergeschoben wird, auf sich nimmt. Die schöne, schüchterne, freundliche Hanna wird im Zeugenstand zum Opfer, das auf das Konto der grimmigen, verhärmten, alten Aufseherinnen auf der Anklagebank geht.

Gegen solchen Glanz verblassen alle anderen Frauen in Daldrys Film. Michaels leibliche Mutter ist kummerzerfressen und randständig. Die Ehefrau kommt nur vor, solange sie eine an Michael interessierte Kommilitonin ist. Der Tochter bleibt der Zutritt zum geheimen Universum des Vaters lange Zeit verschlossen. Hanna Schmitz ist die deutsche Geschichte als Über-Mutter. Erst entzieht sie sich Michael, später wagt er sich nur noch in Halbdistanz an diese Frau; Zuneigung und Widerwillen zerreißen ihn beinahe, Hanna aber bleibt seine Obsession. Erst der Selbstmord und der Besuch am Grab, zusammen mit der Tochter, öffnen eine kleines Hoffnung auf einen Neubeginn.

Traditionslinie

Und das ist paradox genug: Der Weltmarktfilm Der Vorleser ist in diesem Moment ein deutscher Film, trotz aller internationalen Beteiligungen, trotz aller Gender-Verkehrungen. Wie ein typischer, tragisch-romantischer Fernsehfilm aus Deutschland endet er auf dem Friedhof. Die Frau ist tot, für den Mann beginnt ein neues Leben.

Die Antwort auf die Frage, wie sich über die rastlose Jagd Hollywoods nach dramatischen Geschichten der Blick auf prekäre deutsche Geschichte verändert, fällt mau aus. Bei Operation Walküre bleibt handwerkliche Perfektion, durch die der deutsche Widerstand geglättet und entsorgt wird. Der Vorleser bestärkt seinerseits das Gefühl, dass die filmische Adaption die vorhandenen Skandale eines Buchs bis zur Kenntlichkeit verdeutlicht. In der Figur der Analphabetin werden die Nazi-Gräuel mit mangelnder Bildung kurzgeschlossen. Dabei war es, Heiner Müller erinnernd, „Bildung, die nach Auschwitz führte“. Bildung, die das Streben nach Totalität und Selektion beinhaltete. Leben in letzter Konsequenz eingeschlossen.

Auf freitag.de findet sich eine Liste mit aktuellen Filmen, die sich mit der NS-Geschichte beschäftigen, ein erster Teaser zu Inglorious Basterds sowie weitere Links