Hansel y Gretel

Massenauswanderung Wie Deutschland den Menschenhandel mit jungen Leuten aus südeuropäischen Krisenstaaten unterstützt
Hansel y Gretel
Häuslein aus Brot, mit Kuchen gedeckt und die Fenster von hellem Zucker

Foto: Westend61/Imago

„Bildungsoffensive Deutsch“ steht auf der Einladung des Goethe-Instituts Berlin. Ich denke an einen Luftabwurf von Buchpaketen, Kleist und Böll für Südeuropa. Doch es geht um etwas anderes: Das Institut lädt mich als begleitenden Journalisten zu einer Informationsreise der Initiative „Mit Deutsch in den Beruf“ ein. Das Programm soll junge Menschen aus Portugal, Spanien, Frankreich, Italien und Griechenland an das deutschsprachige Berufsleben heranführen.

Ich kenne das seit Beginn der Eurokrise: Der Süden gibt seine jungen Menschen her, entsorgt Arbeitslose und entlastet sich kurzfristig finanziell. Dafür erhalten Portugal, Spanien und Griechenland Renter aus dem Norden, vor allem aus Deutschland.

In solchen Zeiten, wenn die Arbeit knapp wird, kann es passieren, dass ein Journalist seine Ideale für ein paar Tage behutsam beiseitelegt und zum Chronisten des modernen, aseptischen Menschenhandels in Europa wird. Ich bin nicht stolz darauf, aber genau das ist mir 2013 passiert. Ich lebte noch in Lissabon und fing an, Texte für das Goethe-Institut zu schreiben. Fröhliche und optimistische Artikel sollten es sein, über Portugals Jugend, die Deutsch lernt, weil sie ihr Land verlassen muss.

Richtig erfolgreich war ich nicht, obwohl das Goethe-Institut mich für portugiesische Verhältnisse fürstlich bezahlte. Ich konnte keine echte Begeisterung für das menschliche Ausbluten des Landes vermitteln. Die Artikel über Filipa, André oder Joana wurden bisher nicht veröffentlicht.

Die neue Dualität

„Filipa Alves, André Santos, Ana Pinto, Sara Oliveira, Joana Alberto und Ruben de Sousa sind zwischen 22 und 27 Jahre alt. Alle sechs haben mehr gemeinsam als die Herausforderung, sich in vier Monaten Grundkenntnisse der deutschen Sprache anzueignen: Sie sind ausgebildete Krankenpfleger. Zwei Personaler und ein Geschäftsführer des Herzzentrums München sind vor Monaten nach Lissabon gekommen, haben die jungen Krankenpfleger nach Bewerbungsgesprächen im Goethe-Institut ausgesucht und unter Vertrag genommen. Bereits während der viermonatigen Lernphase im Goethe-Institut Lissabon bekommen die jungen Berufsanfänger den portugiesischen Mindestlohn (etwa 450 Euro) vom deutschen Arbeitgeber bezahlt. Der Weg ins Ausland ist für viele junge Menschen zur Zeit die einzige Möglichkeit, eine Arbeit zu finden.“

Von Lissabon aus reiste ich vergangenes Jahr mit einer Delegation portugiesischer Schulleiter nach Schwaben. Sie sollten lernen, wie gut das duale Ausbildungssystem für Deutschlands Jugend und Wirtschaft ist. Die duale Ausbildung – parallel in Betrieb und Berufsschule – gilt in Zeiten der Krise als Exportschlager. Um das Rezept hinter dem Erfolg des langjährigen Exportweltmeisters Deutschland herauszufinden, kommen Delegationen aus aller Welt und besuchen Azubis in mittelständischen Unternehmen. Dass hinter dem Exporterfolg nicht nur die Zutaten Praxis, Theorie und Lehrgeld, sondern eine jahrhundertealte Schulpflicht, strenge Arbeitsethik und andere sekundäre preußische Tugenden stehen (keine exportfähigen Modelle also), interessiert dabei wenig. Es geht um etwas anderes.

Die arbeitslose Jugend in den europäischen Krisenländern soll durch Ausbildungsmaßnahmen fit gemacht werden. Wo sie dann arbeiten soll, das sagt der Projekttitel „Mit Deutsch in den Beruf“. Duale Ausbildung steht jetzt für eine neue Art von Dualität: im Süden ausgebildet, in Deutschland produzierend.

Bestens qualifizierte Südeuropäer sind in den vergangenen fünf Jahren zu Hunderttausenden nach Deutschland ausgewandert. Auf kurze Sicht verspricht das eine allseits willkommene Lösung. Die Regierungen der Krisenländer fertigen ihre arbeitslosen jungen Menschen mit Exportziel Deutschland ab. Deutschland kann sich so für die Kosten eines Sprachkurses mit Krankenpflegern, Ärzten, Maschinenbauern und anderen Facharbeitern versorgen, die in ihren Ursprungsländern während der Ausbildung die Ersparnisse ihrer Eltern und die spärlichen Bildungsressourcen erschöpft haben. Frisches Blut fließt billig aus dem Süden nach Deutschland, während deutsche Anleger, allen voran Frührentner und Golfspieler, zunehmend in spanische, portugiesische und griechische Feriendomizile investieren.

Jetzt habe ich also eine neue Einladung, so eine Tour mitzumachen. An ihr nehmen keine Schleuser teil, dunkle Hintermänner und vorbestrafte Delinquenten mit Goldketten und Sonnenbrillen, die Menschen in Containern verstecken und von Baustelle zu Baustelle oder Bordell zu Bordell fahren. Es sind nette Menschen, die „nur ihren Job machen“. Die Deals laufen auf offizieller Ebene ab, zwischen Ministerien in den Krisenländern und deutschen Kulturinstituten, Landesregierungen, Industrieverbänden und Handwerkskammern. Sie tun nichts unmittelbar Verwerfliches. Sie ebnen nur den Weg für die ausweglose Verarmung Südeuropas. Dafür räumen sie Steine aus dem Weg, Sprachbarrieren zum Beispiel, und ermöglichen so den „freien Personenverkehr“, wie Berlin und Brüssel die Massenauswanderung verzweifelter junger Menschen aus Südeuropa nennen.

Ich las den Text der Einladung ein zweites Mal: „Im Rahmen des Projekts Mit Deutsch in den Beruf (Bildungsoffensive Deutsch) werden hochrangige Experten der Generaldirektion für Erziehung als Teil des portugiesischen Bildungsministeriums sowie Schuldirektoren ausgewählter Schulen der Pilotschulinitiative für Deutsch auf Einladung des Goethe-Instituts Lissabon nach Deutschland, Berlin und München, reisen.“ Heinrich von Kleist und Heinrich Böll hätten den Kopf geschüttelt, wie viele sperrige Worte notwendig sind, um Trümmerhaufen und Menschenhandel zu beschreiben.

Während meiner ersten Informationsreise 2013 hatte eine portugiesische Schulleiterin das Problem so auf den Punkt gebracht: „Wir haben doch keine Unternehmen, die das System finanzieren und Lehrgeld zahlen können, und der Staat ist pleite. Wir können uns unsere Kinder nicht leisten, Deutschland hat Geld und will sie.“ Es ist wie bei Hänsel und Gretel.

Wir saßen dann im Besprechungszimmer des Oberbürgermeisters der 38.000-Einwohnerstadt Schwäbisch Hall in Baden-Württemberg. Der OB sagte uns, seine Stadt suche qualifizierte Leute für die lokale Industrie, „wegen des Geburtenrückgangs in der Region“. Wenige Monate vorher hatte eine Gruppe südeuropäischer Journalisten dasselbe von ihm gehört. Darüber berichteten die Medien in Portugal: Schwäbisch Hall, das Eldorado Europas. „Lernen Sie die deutsche Stadt kennen, die Portugiesen einstellen will“, schrieb das Wirtschaftsblatt Económico. Schwäbisch Hall wurde wochenlang mit Bewerbungen überschütte, fast 15.000 aus Portugal, erzählte uns der Bürgermeister. Lächelnd fügte er hinzu: „Manche waren nicht einmal in Deutsch verfasst.“ Er machte eine Pause. „Also. Deutsch sollten sie schon können.“ Dabei blickt er vorwurfsvoll zu den anwesenden Leiterinnen des Goethe-Instituts, als hätten sie es persönlich zu verantworten, dass der eine oder andere Südländer die Sprache immer noch nicht könne.

Las Vegas in Madrid

Ohne ihre qualifizierten jungen Menschen und nach der Abwanderung einer ganzen Generation sind Länder wie Portugal, Spanien und Griechenland langfristig verurteilt. Wozu, kann man sich in der Nähe Madrids ansehen. Dort entsteht ein riesiges Las-Vegas-Imitat, die Investoren hinter den neuen Kasinos kommen aus China, Russland, Südamerika und den USA. Sie sind ebenso wie die gut betuchte Klientel aus Übersee, die später zum Zocken nach Madrid jetten wird, Zielgruppe des „Goldenen Visums“, das Spaniens Regierung in diesem Jahr aufgelegt hat: Wer eine der Hunderttausenden leerstehenden Wohnungen kauft, der erhält dafür ein Aufenthaltsrecht und Zugang zum Schengenraum. Bürgerinitiativen vor Ort wehren sich vergebens gegen die drohende Phalanx aus mafiösen Glücksspielbanden und der ihnen immer folgenden Prostitutionswelle. Internationale Mafiaorganisationen nehmen den Süden Europas in Beschlag, wo es alte Menschen, mutlose Erwachsene und Touristen gibt, aber kaum Widerstand. Wegen der Krise sei „Spanien zur Hure” geworden, sagte der ehemalige spanische Ministerpräsident Felipe González.

Wenn der Süden die Hure ist, dann sind die vergoldeten Spielhallenkapitalisten aus Übersee die Freier. Die Zuhälter muss man in Brüssel und Berlin suchen.

Miguel Szymanski, 48, ist Deutschportugiese und Autor des Buchs Ende der Fiesta. Südeuropas verlorene Jugend

06:00 10.12.2014

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