Hemmungen: null

DVD Rolf Olsens Kriminalfilm „Blutiger Freitag“ von 1972 liegt restauriert vor

Am 4. August 1971 schreiben Hans Georg Rammelmayr und Komplizen in der Münchner Prinzregentenstraße Kriminalgeschichte: Sie begehen den ersten deutschen Bankraub mit Geiselnahme. Hunderte Schaulustige finden sich ein, eine Frau stirbt nach dem zu früh erteilten Schießbefehl im Kugelhagel. Noch als die Zeitungen voll von der öffentlich geführten Kontroverse sind – über den misslichen Polizeieinsatz, das adäquate Strafmaß für die Täter und ihre Nachahmer –, setzt sich Rolf Olsen ans Drehbuch zu Blutiger Freitag und erschafft die Figur des Heinz Klett. Der bullige Mann im Rollkragenpullover könnte ohne Weiteres zu Rammelmayrs Imitatoren gehören.

In Italien heißt der vom Genre des Poliziottesco inspirierte Kriminalfilm Violenza contro la violenza, also: Gewalt gegen Gewalt. Olsen – umtriebiger Darsteller, Autor und Regisseur von Komödien mit Heinz Erhardt, von Tolle-Tanten- und St.-Pauli-Filmen – entwirft in Blutiger Freitag eine Version eines Deutschlands, in dem man unmöglich leben wollen kann, weil das Leben einer dauerhaften Selbsterniedrigung gleichzukommen scheint. Das so mondäne und sonnenverwöhnte München versinkt bei ihm in grauem Oktobermatsch. Die Leute geben sich entweder mit dem kleinen Glück zufrieden oder tun unentwegt ihren Frust kund – beklagen sich über niedrige Gehälter, über Gastarbeiter, die Provinzialität ihres Wohnortes. Selbst eine der Geiseln wird später aus Mangel an Perspektiven mit dem Verbrechen liebäugeln und überlegt, sich spontan auf Seiten der Täter zu schlagen. Angesichts dieser Tristesse beginnt man zu verstehen, wieso manchem die wahnwitzige Idee verlockend erscheinen muss, zwei Wochen nach einem perfekt vorbereiteten Banküberfall schon am Indischen Ozean zu sitzen.

Genau das ist der Plan in Blutiger Freitag. Ein Deserteur (Amadeus August), der nichts mehr zu verlieren hat. Ein italienischer Gastarbeiter (Gianni Macchia) und seine Freundin (Christine Böhm), die gemeinsam vom Leben jenseits des Angestelltentrotts träumen. Und eben Heinz Klett – von Raimund Harmstorf, der damals gerade durch Wolfgang Staudtes TV-Mehrteiler Der Seewolf bekannt geworden war, gespielt als viehisches, hyperpotentes Arschloch. Sein Motto: „Hemmungen: null. Rücksicht: null!“

Olsen scheint noch hinzuzufügen: Romantik: null! Sein Figurenquartett setzt sich nicht aus Antihelden mit alternativem Gerechtigkeitssinn zusammen. Es sind Verlierertypen, letztlich nicht weniger egoistisch als die Reichen, die sie in ihren pseudomarxistischen Sprüchen anprangern.

Blutiger Freitag erinnert immer wieder an die Frühphase der RAF, schon wenn gleich zu Beginn Klett von seinen Komplizen um den Preis einiger blutiger Polizistennasen aus dem Münchner Justizpalast befreit wird. Eine Brutalität von ungeahnter Wucht entwickelt sich vor allem in der Langfassung. Das Label Subkultur Entertainment hat den Film dank Crowdfundingaktion so rekonstruiert und restauriert, wie er ursprünglich im Kino laufen sollte. „Rettet Heinz Klett“, war das Motto.

Blutiger Freitag gehört zu den großen Filmen des marginalisierten deutschen Genrekinos, aber er sticht aus dieser Menge auch heraus, weil er den Blick auf die Realität richtet: Die Figuren nehmen Bezug auf den tatsächlichen Bankraub in der Prinzregentenstraße. Die Kamera von Franz Xaver Lederle (er drehte 16 Filme mit Olsen) folgt einem Reporter, der auf der Straße vor der besetzten Deutschen Finanzbank die Schaulustigen befragt. Das erinnert nicht nur an die semidokumentarische Machart der Schulmädchen-Reporte, es zeichnet auch ein Gesellschaftsporträt der miefigen Bundesrepublik in den frühen 1970er Jahren: Zwischen latent gereizten Altnazis, die umgehend die Todesstrafe fordern, und einer Handvoll Langhaariger mit auswendig gelernten Thesen zum Verhältnis von Arm und Reich gibt es nicht viel.

Info

Blutiger Freitag Rolf Olsen D 1972, auf Blu-Ray & DVD bei edition-deutsche-vita.de

06:00 24.09.2017

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