Herman Van Who?

EU-Prälat Wer den künftigen EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy als personifizierte Büroklammer beschreibt, unterschätzt seine Arbeit als Regierungschef Belgiens

Wenn es in der EU um die Wahl des Spitzenpersonals geht, gleicht die Suche nach dem „Richtigen“ dem Austüfteln einer Lösung für die Quadratur der Kreises. Für nur zwei Jobs, den des künftigen EU-Ratspräsidenten wie des EU-Außenministers, sollten 27 Regierungschefs den Ansprüchen von Ost und West, Nord und Süd sowie links und rechts gleichzeitig gerecht werden. Hinzu kam, dass die regierenden Granden von Gordon Brown über Nicolas Sarkozy bis zu Angela Merkel überhaupt kein Interesse hatten an einem starken und profilierten EU-Prälaten in Brüssel. Die Wiederwahl von Manuel Barroso als Kommissionspräsident bestätigte diese Regel jüngst. Vor der Wahl des EU-Ratspräsidenten auf dem Sondergipfel in Brüssel galten Tony Blair, Jean-Claude Juncker, Jan Peter Balkenende, Wolfgang Schüssel, Vaira Vike-Freiberga und Herman Van Rompuy als Kandidaten. Den neoliberalen, kriegswilligen Bush-Mann Blair jedoch wollte die Mehrheit der Sozialdemokraten in Europa nicht. Luxemburgs Premier Juncker schoss sich mit seiner Kritik an der Nominierung Günther Oettingers als Wirtschaftskommissar – er meinte für die Ressort-Zuteilung sei nicht Berlin, sondern der Kommissionspräsident zuständig – gleich selbst aus der Kandidatenliste. Die Kritik missfiel Angela Merkel. Zu einem Signal an die neuen EU-Mitgliedstaaten im Osten mochten sich westlichen Regierungschefs nicht durchringen und haben so die Befürchtungen des EU-Kritikers Vaclav Klaus aus Tschechien bestätigt.

Ins Amt getragen

Blieb also der Belgier Herman Van Rompuy. „Herman Van who“, fragten außerhalb Belgiens die meisten Zeitungsleser? Die größte Überraschung ist nicht die Wahl Von Rompuys, sondern die Geschwindigkeit, mit der sie zustande kam. Nach gut zwei Stunden war man sich in Brüssel einig.

Bekannt wurde Van Rompuy erstmals vor zehn Monaten. Er musste zwar förmlich ins Amt getragen werden. Er ließ sich – auf Intervention des Königs – zum belgischen Ministerpräsidenten wählen von einer Koalition aus fünf Parteien, die unter sich heillos zerstritten waren: flämische Christdemokraten, flämische Liberale, wallonische Christdemokraten, wallonische Sozialdemokraten und wallonische Liberale. Oberflächlicher Anlass für den Streit war der notorische Sprachenstreit, wichtig aber ist das wachsende wirtschaftliche und soziale Gefälle zwischen dem reichen Flandern und dem Armenhaus Wallonien. Der Hartnäckigkeit und der Verhandlungskunst Van Rompuys ist es zu verdanken, dass in Belgien seit zehn Monaten eine stabile Regierung existiert. Einzig zu einer Vereinbarung mit den Französischsprachigen in 35 flämischen Gemeinden rund um Brüssel hat die Zeit nicht mehr gereicht. Rompuy spricht beide Sprachen und verfügt als ehemaliger Jesuiten-Schüler nicht nur über einen scharfen Verstand, sondern auch beträchtliche kommunikative und rhetorische Fähigkeiten. Als gläubiger Katholik ist er freilich gegen den EU-Beitritt der Türkei. Ankara dürfte es als Brüskierung empfinden, dass ein solcher Politiker an die EU-Spitze tritt – mittlerweile sind es 20 Jahre, die man vor der EU-Tür verbringt.

Trotzkistische Schwester

Der 1947 geborene Herman Van Rompuy schloss 1968 an der katholischen Universität Löwen ein Studium der Philosophie ab und drei Jahre später eines in Betriebswirtschaftslehre. In den siebziger Jahren wurde er Mitarbeiter des damaligen belgischen Premier Leo Tindemans, danach Vorsitzender der flämischen Christdemokraten, dann Haushaltsminister, schließlich Parlamentspräsident (2007). Seine Schwester Tine sitzt als Trotzkistin im Parlament – sein Bruder Eric als christdemokratischer Abgeordneter.

Mit seinem Verhandlungsgeschick könnte der Konservative Rompuy die EU-Regierungen überraschen trotz seines betont zurückhaltenden Auftretens. Unterschätzen man ihn gewiss nicht und als personifizierte Büroklammer hinstellen. Der Ruf nach einem „Obama für Europa“ kommt von Leuten, die mediales Selbstdarstellungstheater mit Politik verwechseln. Was hat Joschka Fischer seinerzeit mit seinem pompösen Europa-Auftritt am 12. Mai 2000 an der Berliner Humboldt-Universität auf die Beine gebracht?

Rompuy ist für Überraschungen gut. Das belegt sein ausgefallenes intellektuelles Hobby. Er veröffentlicht regelmäßig Haikus – komplexe lyrische Kurzstrophen, die aus 17 Silben und drei Teilen im Verhältnis von 5:7:5 bestehen. Damit glossiert er das politische Tagesgeschehen ebenso wie sich selbst. Auf einer Pressekonferenz begrüßte er die nächsten drei rotierenden EU-Ratspräsidentschaften Spaniens, Ungarns und Belgiens mit dem Haiku: „Drei Wellen rollen gemeinsam/in den Hafen, das Trio ist/ zuhause angekommen.“ Seinem Konkurrenten Tony Blair schrieb er schon vor zwei Wochen ins Poesiealbum: „Züge fahren ab,/ Tony raucht auf dem Bahnsteig./ Ich bin an Bord, ha, ha.“

Einem wie Rompuy nimmt man auch sein Lebensmotto ab. „Wir sind nicht ewig, und wir sind nicht unersetzlich. Für manche ist das ein großes Problem. Nicht für mich.“ Der Mann verfügt über Humor und Selbstironie, was auf Dauer für den politischen Alltag interessanter sein kann als die öden theatralischen Selbstinszenierungen, wie sie Sarkozy bevorzugt.

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13:45 22.11.2009

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