Herr May und sein Knecht Ndasenga

Tansania-Roman Schwülstig erzählt Hermann Schulz in der „Nacht von Dar es Salaam“ vom Leben seines Vaters und einer Männerfreundschaft
Marie Mohrmann | Ausgabe 45/2014

Dieser Roman verbreitet eine rustikale, rührselige Atmosphäre, und das ist fraglos nicht jedermanns Sache. Die Nacht von Dar es Salaam erzählt die letzte Nacht des vom Krebs gezeichneten deutschen Missionars Richard May, der zwölf Jahre lang im Hinterland Dar es Salaams (heute Tansania, Ostafrika, zur Zeit des Romans noch Tanganjika) tätig war. Richard May – die Anspielung des Namens auf Shakespeares Historiendramen Richard II. und Richard III. sowie auf Karl May sind vermutlich kein Zufall, eher Programm: Richard ist ein plauziger, patziger und jähzorniger Familienvater, der versucht, seiner Rolle als evangelischer Bote Christi im Tansania der 1920er und 30er Jahre gerecht zu werden. Kein leichtes Unterfangen, vor allem wenn man gern einen zu viel trinkt und von Zeit zu Zeit seine Kinder schlägt.

Der Roman wird als Rückblende aus der Perspektive seines schwarzen Dieners Ndasenga erzählt, der Richard treu und ergeben überallhin folgt, bis zu dem Moment, als Richard 1938 mit seiner Familie auf einem Schiff den afrikanischen Kontinent Richtung Deutschland verlässt. Ndasenga vergöttert seinen Herrn, obwohl er nie einen Cent Lohn erhalten hat. Dafür bekam der Diener etwas anderes, nämlich Bildung. Ndasenga wird später aufsteigen, er schafft es zum Leiter eines Gymnasiums.

Marie Mohrmann hat an der Humboldt-Universität Berlin Afrikanistik studiert

Es wird überdeutlich, dass Hermann Schulz, der 1938 als Sohn eines Missionars in Ostafrika geboren wurde, jedoch in Deutschland aufwuchs, bemüht ist, einen anderen Typus des Kolonialherren und westlichen Missionars zu zeigen. Richard May will zum Beispiel von seinem Diener nicht mit bwana („Herr“ in der Bantusprache Kiswahili) angesprochen werden, sondern bietet ihm das persönliche „Richard“ an. Der Missionar glaubt an die Potenziale der lokalen Bevölkerung und schöpft daraus die Kraft, sie zu Lehrern und Geistlichen auszubilden. Er baut Schulen und gleich reihenweise Straßen, und ganz Dar es Salaam scheint Fan von diesem Richard zu sein, der auch noch den Spitznamen „Löwenherz“ trägt, denn, ja, er ist natürlich auch ein erfolgreicher Jäger und hat die Gegend von zahlreichen gefährlichen Bestien befreit.

Hermann Schulz schreibt in seinem Nachwort, dass das Buch in weiten Teilen an das Leben seines Vaters angelehnt sei. Menschen, die ihren Vätern ein literarisches Werk widmen, werden diese nicht im schlechtesten Licht erscheinen lassen, das ist verständlich. Trotz allem kann den Lesenden die Verherrlichung der Hauptfigur, der westlich besserwisserische Aufklärungshabitus und die mangelnde kritische Perspektive auf die historische Rolle der britischen und deutschen Kulturträger im kolonialisierten Tansania mächtig nerven. (Wer ein historisch fundierteres Gegenstück lesen will, eines, das auf die alltägliche koloniale Gewalt in Tansania sowie auf die Hintergründe und Folgen der Erschaffung einer afrikanischen Verwaltungselite fokussiert, ist beispielsweise mit der 2003 erschienenen Studie Alles unter Kontrolle. Disziplinierungsprozesse im kolonialen Tansania (1850 – 1960) gut bedient.)

Auch die Perspektive auf die deutsche Geschichte hätte im Roman besser dargestellt werden können, immerhin spielt die Handlung kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, und Richard May kehrt genau zu diesem ungünstigen Zeitpunkt zurück nach Deutschland.

Als May auf seine Neffen angesprochen wird, die überlegen, in die SS einzutreten, liefert er folgende Erklärung: „Ich glaube, es sind unbedarfte Jungs, die nicht begriffen haben, was auf sie zukommt. So wie ich sie kenne, steckt keine Überzeugung dahinter! Sie sind verliebt in Uniformen. Das macht was her und stärkt ihr Ansehen bei den Mädchen. Sie sind vielleicht ein bisschen leichtsinnig. Das ist nicht mehr als Angeberei. Vielleicht haben sie das auch gar nicht selbst entschieden.“ An solchen Textstellen wünscht man sich mehr historischen Tiefgang, mehr Detailliertheit und mehr Einfühlungsvermögen, anstatt mit Erklärungen der billigen Sorte abgefertigt zu werden.

Bei der Nacht von Dar es Salaam handelt es sich also um einen Roman mit einigen Schwächen. Political Correctness ist aufgrund der psychologischen Verfasstheit der Hauptfigur, die ja mit Faust und Nilpferdpeitsche agiert, ebenfalls nicht zu erwarten. Auch Leserinnen und Leser, die auf eine gendersensible, respektvolle Sprache Wert legen, seien hier vorgewarnt. Worte wie Nutte und Hure sind durchaus Standard, Frauen werden nicht gerade als Individuen beschrieben.

Hermann Schulz erzählt von einer schwülstigen, hierarchischen Männerfreundschaft. In der passenden Stimmung kann das unterhaltsam sein, mindestens aber ist es aufschlussreich.

Die Nacht von Dar es Salaam Hermann Schulz Brandes & Apsel 2014, 196 S., 19,90 €

 

06:00 19.11.2014

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