Herrin des Waldes

Aussteigerin Helga M. Novak hält in ihren neuen Gedichten "wo ich jetzt bin" den lakonisch couragierten Ton

Rauer als die Ikone Ingeborg Bachmann, zäher im Überlebenskampf als Inge Müller, rigoroser im Aussteigen aus bürgerlichen Lebensformen als Sarah Kirsch ist die 1935 geborene Lyrikerin und Erzählerin Helga M. Novak. Obwohl den genannten Dichterinnen ebenbürtig, ist sie immer noch kaum bekannt. Dabei zieht sich ihr lakonisch couragierter Ton dissonant und voller unbequemer Wahrheiten durch nunmehr acht Gedichtbände: von dem 1963 in Reykjavik im Selbstverlag veröffentlichten Band Ostdeutsch (1965 bei Luchterhand unter dem Titel Ballade von der reisenden Anna publiziert) über Margarete mit dem Schrank (1978 bei Rotbuch) und Silvatica (1997 bei Schöffling) bis zu dem 800-Seiten Sammelband Solange noch Liebesbriefe eintreffen (1999). Soeben ist die von Michael Lentz fein sortierte Auslese mit dem Titel wo ich jetzt bin erschienen - eine vorläufige Bilanz des vermeintlich gültig Bleibenden, über die man streiten kann.

Was macht die Autorin für den Literaturbetrieb scheinbar unattraktiv? Ihr 1991 publizierter offener Brief an Sarah Kirsch, Wolf Biermann und Jürgen Fuchs, ihre Querelen mit der Stasi betreffend, kann es nicht sein. Eher ist es ihr verzweifeltes Festhalten an den Wurzeln der eigenen Existenz oder das Ignorieren jeglicher Moden. Immer noch gilt ihr Anfang der sechziger Jahre formuliertes "Bekenntnis": "Ich bin ostdeutsch und ziehe / einen Klumpen Hoffnung hinter mir her". Dieser metaphorische "Klumpen" hat weniger vom Stein, den Sisyphos vergebens unermüdlich den Berg hinaufrollt, als vielmehr von der Kugel, die der Sträfling an einer Kette hinter sich herziehen muss. Trotz immer neuer Aufbrüche und Fluchten ist Helga M. Novak nirgends wirklich angekommen. Ihr Lebensweg gleicht zu großen Teilen dem der Landstreicherinnen, Verstoßenen und Obdachlosen, die sie porträtiert: vom Kinderheim für elternlose Kinder zu Adoptiveltern nach Erkner bei Berlin, abgebrochenes Studium, Flucht nach Island, Rückkehr in die DDR, Fließbandarbeiterin, Elektroschweißerin, Heirat nach Island, Arbeit in Fischfabrik und Teppichweberei, Fußwanderung nach Barcelona, Studium am Leipziger Literaturinstitut, Hinauswurf, Aberkennung der DDR-Staatsbürgerschaft, "Arbeit im Fisch", Querfeldein-Reise durch die Welt, Versteck in einem polnischen Wald in Masuren. Halt auf freier Strecke heißt eines der späteren, in Legende Transsieb (1985 bei Luchterhand) publizierten Gedichte, das vom Überleben der Aussteigerin spricht: wie man Spuren lesen lernt und vom Wolf das Reißen.

Kantig und aggressiv sind die Sonette der Helga M. Novak geblieben, wild ihre Lieder, frei von aller nach Normen schielenden Unterwürfigkeiten ihr Stil. Sie porträtiert schon früh Figuren am sozialen Rand: Beschädigte und Geschleifte. Es sind vor allem Frauenfiguren, deren menschliche Würde Helga M. Novak erst im Gedicht wiederherstellt. Nüchtern und brechtisch sachlich klingen die frühen Verse über Torfstecherinnen mit kahl geschorenen Köpfen. "Verschleppte", das lakonisch knappe Gruppenporträt der kriegsgefangenen Zwangsarbeiterinnen, die doppelt ausgebeutet werden: als bis zum Erschöpfung ausgelaugte Arbeitskräfte und als sexuelle Beute der sie bewachenden Soldaten. Ihre eigentlichen Leiden bleiben im Gedicht ausgeblendet. Umso ungeheuerlicher wirken die unter der Oberfläche der Verse durchscheinenden Wahrheiten.

Im Ton eines trockenen Tatsachenberichts schildert sie in ihrem ersten Gedichtbuch, wie insbesondere die Frauen der Hereros nach dem Aufstand ihres Volkes in Südwestafrika samt ihren Kindern mittels Verdursten ausgerottet wurden ("Generalstränen"). Das Bild der vergeblich in der Wüste nach Nässe wühlenden, samt ihren Kindern verdorrenden Frauen geht dem Leser ebenso wenig aus dem Kopf wie das nächtliche "Jaulen" "ausgebombter Weiber" auf dem Marktplatz einer deutschen Kleinstadt im Krieg in der Ballade von Heinrich. In nur für Augenblicke aufblitzenden Bildern und in martialischen akustischen Sequenzen ist alle Qual der geschundenen Kreatur aufgehoben. Wann immer vom Gedicht als Metapher für einen Weltzustand die Rede ist, sollte man diese Bilder und Töne in Versen der Helga M. Novak in Auge und Ohr behalten.

Sarkastisch wird der Ton in Danksage an den Pillendreher von Grünenthal, jenem Pharmaunternehmen, das den Frauen die so genannten Contergan-Kinder bescherte: "wohlan Meister / die Hure Hexenküche geritten vom räudigen Geld / hat uns geworfen". Die Anklage des gespenstischen Zuges der 6.000 durch das ganze "muffige" Europa ziehenden verstümmelten Kinder und die Verzweiflung ihrer Mütter ist heute fast vergessen. Helga M. Novak hat es gewagt, den Stoff, der sich eigentlich jeglicher Literarisierung entzieht, im Rollengedicht aufzugreifen und damit im nationalen kulturellen Gedächtnis aufzuheben. Ihr besonderes Gespür für zerstörte Beziehungen zwischen Müttern, Vätern und Kindern erwächst aus der eigenen Biografie. "Keine Mutter nährte mich" heißt das bitter bilanzierende Gedicht, in dem die 50-Jährige vom Verstoßenwerden des nur drei Tage alten Neugeborenen schreibt. Und "ganz ohne Vater immer schon" - ist mal von einem Vater die Rede, der seinem Leben mit einem Kopfschuss ein Ende setze, mal von einem, der sich erhängte oder am Galgen gehenkt wurde. Nicht zuletzt von da kommt die besondere Sensibilität der Dichterin, aber auch ihre Gefährdung und ihre Irritationen. "ich sehe auf keinen Grund mehr" heißt es programmatisch im gleichnamigen Gedicht. Von ähnlicher Bodenlosigkeit sind einige jüngere Gedichte der Sarah Kirsch. Doch anders als die heute im Wattenmeer watende Schwester im Unbehaustsein ist und bleibt die Sprache der Helga M. Novak sozial und politisch konkret. Das beginnt mit stolzem Widersprechen gegenüber Funktionären der stalinistischen Macht in dem Gedicht einem Funktionär ins Poesiealbum und endet mit assoziativen und metaphorischen Reflexionen über Trophäenjäger der Staatsjagd im polnischen Wald. Schon seit je ermöglichte die Existenz am Rande der Dichterin den Überblick auf das Ganze. Und zweifellos ist es der linke Rand, von dem aus sie aufs Vaterland und auf die Welt blickt. "Ich halt mir die Nase zu / und gehe weiter links" heißt es in Nachtwache, einem Gedicht aus dem unwirtlichen Exil.

"Ich schrei es in die Tagfrüh ich bin / in sehr großer Not" lässt sie im Gedicht von sehr großer Not verlauten. Von in der Fremde obdachlosen Frauen, die sich für Brot prostituieren, schließlich gebären und ihre Kinder verschenken, weil sie sie nicht ernähren können, ist nicht nur in diesen Versen die Rede. Das Motiv der "Raben-Mutter", die aus sozialer Not ihr Kind entweder abtreibt oder davonjagt oder gar ermordet findet sich unter anderem in Zeitenwechsel, in der Ballade vom Legionär und im balladesken Frauenporträt Maßliebchen. Greift Helga M. Novak in den sechziger Jahren die Form der schaurigen Moritat auf, knüpft sie in den siebziger Jahren an Stoffe der griechischen Mythologie an, so in Brief an Medea. Bei Helga M. Novak ist Medea nicht die durch die Literaturen gejagte Mörderin und Furie, sondern ein Opfer schamloser "Gewalt von oben".

Der Durchblick der Autorin ist global, greift über Kontinente und durch verschiedene geschichtliche Epochen. Strafe ins Bild gesetzt beschreibt das Schicksal afrikanischer Frauen, so genannter "Giraffenfrauen", deren eheliche Untreue mit Verhungern bestraft wird. Selbst da, wo die Autorin visionär im märkischen Geschiebemergel wühlt und den Todesarten anhand der Spuren der Historie und Prähistorie nachgeht wie in dem Lyrikband Märkische Feenmorgana (Luchterhand 1989), trifft sie auf das tradierte Geschlechtermuster, in dem die Frau lediglich als Objekt und Eigentum des Mannes betrachtet wird. Grotesk etwa die Frau als lebendige Grabbeigabe in dem Gedicht Sich der Gegenwart entledigen.

Zu keiner Zeit nimmt das lyrische Ich die Pose des Opfers ein, obwohl viele lyrische Figuren beiderlei Geschlechts geschändet und getötet werden. Novaks umgangssprachlich-saloppes Sprechen läuft auf Widerspruch und Konfrontation hinaus. Es bleibt trotzig, wütend und ungezähmt, gerade weil es vom Klumpen Hoffnung nicht lässt.

Die jüngsten Gedichte sprechen von einem archaisch ursprünglichen, freien und harten Leben abseits der gesellschaftlichen Normen. Wo jahrzehntelang fast ausschließlich von missglückenden Lieben zu lesen war, erfährt man nun von einem späten Glück - absolut im Anspruch. Obwohl der Geliebte Eustachos eine Kunstfigur darstellt, gelingen der Autorin kraftvolle Liebesgedichte ganz im Bewusstsein weiblicher Körperlichkeit mit Bekenntnis zu Sexus und leidenschaftlicher Dominanz entgegen allen überkommenen Geschlechterschablonen. Schade, dass Michael Lentz solche für weibliche Befindlichkeit überaus aufschlussreichen Gedichte wie auf dich habe ich gewartet und Artemis nicht in seine Auswahl aufgenommen hat. Denn Helga M. Novak schlüpft in Silvatica in die Rolle der Artemis, Göttin der Jagd und geflügelte Todesbotin, die zugleich das sagenumwobene mittelalterliche erotische "Wilde Web" darstellt. Vor allem aber ist sie die Herrin des Waldes, die sich selbst als Naturwesen begreift. Ihre Bewegungsrichtung: dem Wind entgegen. Ihre Grenze: der Waldrand und nicht mehr die innerdeutsche Grenze, die um jeden Preis überschritten werden muss.

Immer neue und andere Blickrichtungen hat Helga M. Novak erprobt: politische, soziale, geschichtliche, naturgeschichtliche und ökologische. Die angriffslustigen Klartexte gehen assoziativ in Bilder und Szenen über. Monologe, Dialoge, Reflexionen, Porträts und Episoden entfalten eine vielschichtige Sprachmusik, die in einem letzten Refugium ertönt. Vielleicht hätte der Band mit dem traurigen wunderbar lakonischen Gedicht zerfallen enden können, ihrem Nachdenken über Leben und Tod: "wie viel Herzen habe ich pochen hören / Seelen keine und ich wünsche niemand / erlitte die Qual einer Art Herberge / meiner Seele später zu werden solche / Strafe hat wirklich keiner verdient / mein Herz aber wird zerfallen schade".

Helga M. Novak: wo ich jetzt bin. Gedichte. Ausgewählt von Michael Lentz. Schöffling Co. Frankfurt am Main 2005, 212 S., 17,90 EUR


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00:00 18.03.2005

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