Hexenjagd am Deutschen Theater

Bühne Der Stoff ist bearbeitete Geschichte und das Stück seit seiner New Yorker Uraufführung ein Welterfolg auf Bühne und Leinwand. Zur ersten von vier ...

Der Stoff ist bearbeitete Geschichte und das Stück seit seiner New Yorker Uraufführung ein Welterfolg auf Bühne und Leinwand. Zur ersten von vier Verfilmungen, einer Koproduktion zwischen Frankreich und der DDR im Jahr 1957, schrieb Sartre das Drehbuch. Während der Kommunistenjagd in der McCarthy-Ära fand Miller in der Hexenjagd, die sich 1692 in der streng puritanischen Gemeinde Salem in Massachusetts abgespielt hatte, die Vorlage für sein Stück. Nachdem einige Mädchen vom Pfarrer bei nächtlichem Tanz zu Liedern einer schwarzen Sklavin beobachtet worden waren, spielten sie aus Angst vor Strafe unerklärliche Krankheiten vor. Die Wildnis, von der die Puritaner noch umgeben waren, schien ihnen damit in ihre Gemeinschaft einzubrechen. Angst schuf Projektionen, und Anklagen wegen Hexerei, Teufelsaustreibungen und Gerichtsverhandlungen waren die Folge. 140 Menschen wurden angeklagt, bezichtigt von den ihre Macht auskostenden Mädchen oder von Gemeindemitgliedern, die sich an Nachbarn rächen oder bereichern wollten. Einige Angeklagte starben im Gefängnis, einen presste man zu Tod, 19 weitere und zwei Hunde wurden aufgehängt.

Wie Angst vor Unerklärlichem Menschen den Verstand vernebelt und sie beim Versuch, ihre heile Welt zu bewahren, diese selbst zerstören, wie eine Menschenmasse mit dem Einsatz ihrer Macht in kollektiver Hysterie zur "Hetzmasse" (Elias Canetti) wird, das versinnlicht Millers Stück auf bestürzende Weise. Eine Vielzahl von Themen zwischen Chinas großem Sprung, Amerikas Guantanamo und der ostdeutschen Vergangenheit mit Stasi und "normalem" Leben steckt in dem Stück: der Aufstand gegen die Moderne, der Kampf gegen Abweichler, Mechanismen von Bespitzelung und Denunziation, die Methodologie des Terrors von Diktaturen. Auch das im Stück gezeigte "Rechtssystem", in dem voreingenommene Richter jedes Widerwort als Angriff gegen ihre Macht und sich selbst verstehen, weshalb allein ein Verdacht schon Beweis ist, scheint aus jüngerer Vergangenheit bekannt. Nur durch ein Schuldgeständnis und Denunziation anderer besteht in Hexenjagd Hoffnung, dem Todesurteil zu entkommen.

Arthur Miller bezeichnete sein Lehrstück als "politische Metapher und moralische Fabel". Regisseur Thomas Schulte-Michels dagegen entpolitisiert das Stück am Berliner DT konsequent und macht es zu einem psychologisierenden Lehrstück über verschmähte Liebe. Natürlich hat Miller seine Figuren nicht als historische Abziehbilder gezeigt, sondern sie als Menschen mit Macken und Leidenschaften theaterwirksam gemacht. So wurde Abigail, die in Wirklichkeit elfjährige Anführerin der Mädchen, bei ihm zu einer jungen Frau. Sie hat in der Beziehung zu einem verheirateten Mann die erste Liebe erlebt und sich von der verlogenen Moral der puritanischen Gesellschaft befreit. Doch da der Mann die Beziehung beendet, Abigail aber an die Stelle seiner Frau treten will, denunziert sie diese.

Indem der Regisseur mit der Liebesgeschichte nur eine Facette von Millers Stück beleuchtet, nimmt er ihm alle Kraft. Miller dreht die Spannungsschraube immer wieder an, wenn er Machtverhältnisse und den nicht mehr beeinflussbaren Selbstlauf von gesellschaftlichen Entwicklungen zeigt. Schulte-Michels dagegen erzählt eine lahme Beziehungsgeschichte im Stil eines psychologischen Erzähltheaters, dessen wichtigste Gestaltungsmittel die Kontraste zwischen Schwarz und Weiß und Licht und Dunkel sind. Trotz etlicher guter Schauspieler wirkt die ihr gesellschaftliches Thema leichtfertig verschenkende Inszenierung museal und einschläfernd. Was man, da das Publikum auf beiden Seiten der Bühne sitzt, gut beobachten kann.

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