Hier spricht Shakespeares Sohn

Hommage Armin Senser nähert sich höchst orginell und eigenwillig dem großen britischen Dichter und Dramatiker: Mit einem Versroman

Der US-amerikanische Journalist Bill Bryson kolportiert in Shakespeare – Wie ich ihn sehe den Ausspruch eines Forschers, Shakespeare-Biografien bestünden zu fünf Prozent aus Fakten und zu 95 Prozent aus Mutmaßungen. Brysons folgende Anmerkung, es handle sich dabei vielleicht nur um einen Scherz, ändert wenig daran, dass die rund hundert Dokumente, die von Shakespeare-Forschern bislang zutage gefördert wurden, blutleere Akten und Vermerke sind und nur die amtlich erfasste Seite dieses Dichterlebens erhellen. Dieses liegt so sehr im Dunkel, dass immer wieder bezweifelt wird, ob es den Sohn eines Handschuhmachers aus Stratford-upon-Avon überhaupt gegeben hat, ob sich nicht hinter seinem Namen ein oder mehrere andere Autoren verbergen. Doch jenseits biografischer Zweifel zählt die ungebrochene Faszinationskraft von Shakespeares Werk. Es wird gelesen, aufgeführt, interpretiert, adaptiert und in beeindruckend viele Sprachen übersetzt – von einigen Sonetten existieren sogar Versionen auf Klingonisch.

Diese Faszination schlägt sich auch im neuen Buch des in Berlin lebenden Lyrikers Armin Senser nieder. Der 1964 aufs Jahr genau vierhundert Jahre später als Shakespeare in Biel (Schweiz) geborene Senser nähert sich mit Shakespeare – Ein Roman in Versen reflexiv und poetisch an dessen faktisch wenig gesichertes Leben und Werk an. Ausdrücklich geht es nicht um detailgetreue Rekonstruktion, nicht um eine dokumentarisch belegte Lebensbeschreibung. Freimütig gibt sich der Text von vornherein als Fiktion zu erkennen und deutet das Leben aus dem Werk – ein Ansatz, der die romantischen Lesarten der Sonette im Sinne Friedrich August von Schlegels oder William Wordsworths (“with this key/Shakespeare unlocked his heart“) aufgreift und weiterführt.

Plötzlich plausibel

1615, im Jahr vor seinem Tod, blickt Shakespeare, aus dessen Perspektive größtenteils erzählt wird, im ersten von insgesamt 62 Prosagedichten des Bandes, fragend und zweifelnd zurück: „Such!/Such! Schnuppere und kratz, kratz an deinen letzten Stunden“. Er will die Bilanz seines Lebens ziehen, auch wenn er weiß: „Die Geschichte ist kein Rückblick“. Aus dem Mund dieses Zweifelnden und Zögernden wirkt Ungesichertes und Spekulatives dann plötzlich plausibel: Dass dieser Shakespeare aus Stratford nicht zuletzt nach London aufgebrochen ist, weil die Ehe mit der acht Jahre älteren Anne Hathaway in die Brüche ging. Dass sie es gewesen sein soll, die ihm die nicht zur Veröffentlichung bestimmten Sonette vom Schreibtisch gestohlen hat, um sie mit Hilfe des Grafen Henry von Southampton drucken zu lassen, woraus dann 1609 die in ihrer Vorgeschichte und Verlässlichkeit umstrittene, 154 Sonette umfassende und mit einer enigmatischen Widmung versehene Quarto-Ausgabe entstand, auf der heutige Editionen beruhen. Dass Shakespeares im elisabethanischen Zeitalter verpönte Homosexualität und sein wildes und ungestümes Verlangen nach Aufmerksamkeit und Rausch handfeste Bettgeschichten zeitigen.

Der Dichter ist bei Senser ganz Bohemien, ein Stratforder Landei, dem das Eheleben zu eng wird, das nach dem pulsierenden London giert, wie heute die Jugend aus der Provinz nach Berlin. In London führt er – die meiste Zeit in muffigen Buden und mit häufig wechselnden Bettgefährten und -gefährtinnen – „ein Leben zwischen Kunst und Lust, ein Leben ohne Maß“.

Mit seinen Lektüren, seinem Narzissmus, mit den Anfällen von Arbeitswut bleibt er oft allein, in Anflügen von Verzweiflung über Leben und Tod lernt er auch schon einmal die „Maserung des Holzes auswendig“, während draußen die Pest wütet, die Spitzel der Königin Angst und Schrecken verbreiten, der Sohn in Stratford stirbt. Die „dark lady“ der Sonette heißt bei Senser Jacklin und ist die vielleicht größte, auf alle Fälle sehnsuchtsvollste Liebe des Dichters.

Sensers Versroman ist der eigenwillige und geglückte Versuch, aus der Auseinandersetzung mit Shakespeares funkelnder Sprache neue Sprachfunken zu schlagen, das Werk des Engländers zu vergegenwärtigen. Und tatsächlich: Die Quadratur des Kreises gelingt. Das Buch nähert sich dem geheimnisumwitterten Leben und dem unerschöpflichen Werk, belebt es neu – und lässt ihm doch seinen Zauber.


Geschuldet ist das zunächst der Perspektive. Sensers Shakespeare sagt klar und deutlich „Ich“, ohne dass man annehmen würde, hier spräche die historische Person. Man hört diesem Ich zu, wie es in Worten mit seiner Ehefrau, seinen Konkurrenten, der Tochter und den zahlreichen Geliebten, vor allem aber immer wieder mit sich selbst ficht, und schreiben kann, ja, muss. Man sieht seine Verse im Zustand ihrer Geburt, begreift, worum es hier geht: „Nur um die Sprache. Darum, ihr alles abzunehmen, was wir ihr aufbürden, die Sprache zu befreien.“

Mit diesen Worten lässt sich auch Sensers Verfahren, seine beschwörende, fesselnd und soghaft wirkende Sprache, beschreiben. Teilweise gereimt, rhythmisch und melodisch, mit von Kapitel zu Kapitel wechselnden Metren, mit präzisen Fügungen und starken Bildern dehnt und streckt sich diese Sprache, wütet und weint sie, ist hochfahrend und rebellisch. Sensers literarisch-biografische Fiktion mit ihrer Werk- und Handwerkssachkenntnis gibt niemals ihren Kunstcharakter auf. Ihr mitreißender Duktus führt über die imaginierte Biografie, über begeisterte Lektüren in Shakespeares selbst aus mannigfachen Quellen gespiesene Dichtung hinein, in der dessen Leben in unenträtselbarer Weise aufgehoben ist.

Aus Literatur entsteht hier neue Literatur, die traditionsbewusst die alte weiterführt und sie überschreitet. Sensers Shakespeare weiß mit seinem Autor: „Ein einziges Leben schon,/ist zu kompliziert, als dass man es darstellen könnte. Und würde man es darstellen können, würde es keine Kunst geben. Es würde/sie nicht brauchen. Das Geheimnis wäre gelüftet./Das Geheimnis des Lebens, das uns zum Schreiben/treibt und uns zu Wort kommen lässt.“

Shakespeare.Ein Roman in Versen Armin Senser Carl Hanser Verlag 2011, 328 S., 19,90

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12:00 29.05.2011

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