Hinter den sieben Bergen

Wahlen in Ittenbach Knopfdrücken für Norbert Röttgen (CDU) und Spazieren gehen mit dem Dackel

Strahlende Sonne und ein tiefblauer Himmel über dem Marktplatz, Brunnengeplätscher und frischer Brotgeruch aus der Traditionsbäckerei Blesgen, in der einige bereits gegen acht Uhr für ihr feiertägliches Gebäck anstehen. Man grüßt einander in rheinländischer Mundart, tauscht Wissen über Wetter- und Wahlprognosen, um sich danach wieder der provinziellen Gelassenheit eines Ortes hinzugeben, dem auch der Wahlsonntag nichts anhaben kann.

Einzig die grellen Plakate der Erststimmenkandidaten stören die Idylle der 3.500-Seelengemeinde Ittenbach. Die feiertäglichen Kirchgänger sehen sich von herausgeputzten Parteigesichtern behelligt. Mit Merkelscher Unbedarftheit lächelt die SPD-Kandidatin Ulrike Merten den Frommen entgegen. Deutlich selbstbewusster überblickt CDU-Mann Norbert Röttgen die Lage. Die Gläubigen scheint das nur wenig zu beeindrucken. Sie tratschen über Enkel, Hunde und Nachbarn. Schließlich versichert der dorfeigene Pfarrer in der Kirche "Zur schmerzreichen Mutter", dass auch in der kommenden Woche mit himmlischem Beistand zu rechnen sei, und ermahnt nach dem Gebet, der nicht minder heiligen Staatsbürgerpflicht näher zu treten. So findet die Ittenbacher Christenheit ihren rechten Weg über eine schmale Gasse zum dörflichen Bildungshort. Dank Ausbau mausert sich die vor Jahren noch bescheiden kleine Anstalt mittlerweile zur Ganztagsschule mit Mensa und Obdach für Betreuung am Nachmittag.

Einige Herrschaften brauchen nach dem anstrengenden Hundertmetermarsch eine Pause und gönnen sich vor der Enge einer Wahlkabine den Blick in die Weite des Gebirgspanoramas. Siebengebirge? Auswärtigen wohl am ehesten bekannt wegen illustrer Besucher wie Leonid Breschnew oder Jabir al-Ahmad al-Jabir Sabah, dem Emir von Kuwait, die auf einem der sieben Berge, dem Petersberg nämlich, Quartier nahmen. Dem Gipfel zu Füßen liegt auf der anderen Rheinseite der alte Regierungssitz Bonn.

In Ittenbach gibt es wie eh und je das ländliche Kontrastprogramm zur alten Hauptstadt: frische Luft, Ruhe, den Ordnungssinn der Provinz. Der Ort gehört zum Gemeindeverband Königswinter, mit über 40.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt des Wahlkreises 99. Die Arbeitslosenquote im Rhein-Sieg-Kreis ist mit etwa siebeneinhalb Prozent die niedrigste in ganz Nordrhein-Westfalen. Mit mehr als 20.000 Euro pro Person liegt die Kaufkraft der hier Ansässigen 3.000 Euro über dem NRW-Niveau. Und das kann man sehen - Ittenbach platzt buchstäblich aus allen Nähten, wo früher Kühe weideten, schießen jetzt Eigenheime aus dem Boden. Autobahnanbindung und eine gute Infrastruktur sorgen für Zuzug. Zu den alteingesessenen Rentnern gesellen sich viele junge Familien mit Kindern.

Und so sind es nicht nur die älteren Einheimischen, die sich am Wahltag ein Stelldichein auf dem Schulhof geben, am Nachmittag lassen sich auch die Jüngeren blicken - mit Kind Kegel. Die meisten kommen zu Fuß und machen beim sonntäglichen Spaziergang einen Abstecher zum Wahllokal. Früher standen dort Wahlurnen, Kreuze wurden gemacht und Zettel gefaltet. Heute ist Knopfdrücken angesagt. Einige Ältere fragen sich besorgt, ob sie denn überhaupt richtig gewählt haben. "Ja, sischer Schatz, es is doch auch ejal", beruhigt ein Herr seine Gattin. "Kennst du eigentlich diese Merten?" fragt ein anderer seine Begleiterin, die entschlossen ihren Dackel hinter sich her schleift. "Vom Plakat schon, ich hab´ sie aber nicht gewählt."

Die in Bielefeld geborene SPD-Bewerberin und Protestantin Ulrike Merten war immerhin schon einmal Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestags. Bei den Erststimmen wird sie an diesem 18. September allerdings klar von CDU-Aufsteiger Norbert Röttgen geschlagen. Seit Januar in der Berliner Merkel-Riege 1. Parlamentarischer Geschäftsführer, schafft der Jurist satte 51,8 Prozent. Das Ergebnis der übrigen ist kaum der Rede wert. Für das Lächeln von FDP-Mann Carl Sonnenschein konnten sich gerade einmal 4,8 Prozent der Wähler begeistern. Neuling Uwe Groeneveld von der Linkspartei ist zufrieden mit 2,7 Prozent. Irgendwie auch kein Wunder in Ittenbach, hier wird traditionell schwarz gewählt, seit Jahrzehnten. Daran haben auch die jungen Familien nichts geändert. Noch nicht.


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