Hörausflüge

Rosa Luxemburg Zu ihren Briefen aus dem Gefängnis hat unser Autor eine ganz besondere Beziehung

Es ist Weltkrieg, 70 Millionen stehen unter Waffen, 17 Millionen verlieren ihr Leben. Am Anfang Begeisterung für den imperialistischen Krieg, am Ende Straßenkämpfe, Aufstände, Revolutionen. Halme, Gräser, Bäume, Pfauenaugen, Hummeln, Spatzen, Nachtigallen, Tauben, ihre eigene Heiterkeit und Lebensfreude sind verlässlich wiederkehrende, ausführlich abgehandelte Themen in den weit über hundert Briefen, die Rosa Luxemburg in diesen Jahren aus ihrer Einzelhaft schreibt. Politische Anmerkungen zur Misere der SPD, über die Zustimmung der Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten, zur „Lenin-Partei“ und den „Bolschewiks“ sind vergleichsweise knapp gehalten. In Russland ist Revolution. Die Situation ist von Unschärfe geprägt.

„Ich weiß noch gar nicht, was alles mit mir wird, ich bin ja, wie Sie wissen, auch ein Land der unbeschränkten Möglichkeiten,“ schreibt sie am 7. Januar 1917 aus der Haft an „Hänschen“, den engen Freund. Hans Diefenbach, Militärarzt, er wird noch im selben Jahr fallen. Weitere Abgründe stehen ihr noch bevor.

1915, im Alter von 44 Jahren, tritt Rosa Luxemburg eine dreieinhalbjährige Haftstrafe an. Sie ist immer in Einzelhaft. Bis sie im Juli 1917 nach Breslau verlegt wird, kann sie täglich ein paar Stunden im Freien, in einem kleinen Garten verbringen. Sie bekommt Bücher, Zeitungen und in den Briefen immer wieder Blüten, Blätter, Blumen. Sie steckt ihre Freundinnen zum gemeinsamen Botanisieren an. „Das weiße Blümchen mit grünlichem Streifchen, nachdem Sie fragen, ist das Sumpfherzblatt, in Österreich Studentenröschen genannt, auf Latein Parnassia palustris.“ So what?

Gejammert hat sie nicht

Sie ist all die Gefängnisjahre über von einer unglaublichen Kraft und strahlenden Lebensfreude beseelt. Bisweilen habe ich beim Lesen den Eindruck von vertauschten Rollen. Sie muntert auf, schreibt klare Worte zu schwierigen Lebenssituationen, erinnert an gemeinsame Erlebnisse, aber manchmal „wandelt sich meine strahlende Heiterkeit in tiefsten Jammer“. Aber sie jammert nicht: „… ich leide dann unaussprechlich, nur dass ich die Eigentümlichkeit besitze, dann zu verstummen.“ (an Sophie Liebknecht, 23. Mai 1917)

Die dunkelste Stunde im bisherigen Leben ist die Zustimmung der SPD-Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten und damit zum imperialistischen Krieg: Deutsche gegen russische gegen französische Arbeiter. Ohne Internationalismus keine revolutionäre Überwindung von Kapitalismus und Kolonialismus. Das war ihr zeitlebens eine Selbstverständlichkeit. Sie denkt an Selbstmord. Von Breslau aus verfolgt sie die revolutionären Entwicklungen in Russland. Am 8. November 1918 wird sie entlassen. Auch in Deutschland ist Revolution, nur, was für eine? Am 9. November proklamiert Karl Liebknecht die sozialistische und Philipp Scheidemann die bürgerlich-parlamentarische Republik. Sie hat noch 67 Tage. Jetzt ist sie Mitbegründerin der Kommunistischen Partei. Ein paar Tage nach ihrer Freilassung schickt sie einem befreundeten Ehepaar, das um ihren gefallenen Sohn trauert, einige Zeilen des Trostes: „... mich tröstet nur der grimmige Gedanke, dass ich doch auch vielleicht bald ins Jenseits befördert werde – vielleicht durch eine Kugel der Gegenrevolution.“ Sechs Wochen später ist es so weit.

Vor etwa vier Jahrzehnten habe ich zum ersten Mal in ihren Briefen aus dem Gefängnis gelesen. Zu jenem Zeitpunkt war ich selbst im Knast, 20 Jahre, davon 17 Jahre in Isolationshaft. Im April 1975 hatte ich mit dem Kommando Holger Meins die bundesdeutsche Botschaft in Stockholm überfallen, um RAF-Gefangene zu befreien. Zwei ermordete Botschaftsangehörige, zwei tote Kommandomitglieder und vier Lebenslänglich-Urteile, eine traurige Bilanz.

In Isolationshaft erlebte ich, was Rosa Luxemburg mit den Worten beschreibt: „Leider geht es bei mir mit der Arbeit nicht so recht voran. Es ist wohl die Einförmigkeit und die Enge des Lebens, der Mangel an Eindrücken, was sich allmählich wie Kleister um die Sinne legt.“ (an Franz Mehring, 31. August 1915) Gegen diese Verkleisterung der Sinne musste ich mich jeden Tag zur Wehr setzen. Ulrike Meinhof schrieb dazu aus dem Toten Trakt: „Das Gefühl, das Gehirn schrumpelt einem allmählich zusammen, wie Backobst.“

Wie geht Rosa Luxemburg mit ihrer Einzelhaft um? Am 23. Februar 1915, zwei Tage nach Beginn ihres Gefängnisaufenthalts, schreibt sie an ihre treue Seele, Mathilde Jacob, ihre Sekretärin, über ihre Freude, „dass ich beim Spaziergang im Hof Vögel sehe und höre: ein ganzes Rudel frecher Spatzen“. Das ist ihr erster Brief aus dem Knast. Am 4. November 1918 schreibt sie, ebenfalls an ihre Sekretärin gerichtet: „Meine Tauben … belagern mich jetzt den ganzen Tag alle vier in meiner Zelle …“ Das ist ihr letzter Brief aus dem Knast. Fünf Tage später wird sie entlassen.

Ihre ausführlichen Schilderungen, wie sie eine halb erfrorene Hummel mit ihrem warmen Atem wiederbelebt oder der gemeinsamen Spaziergänge mit einer „Kohlmeise, mit der ich besonders befreundet bin“, bezeugen nicht nur ihre Liebe zu allem Lebendigen, sondern auch ihre Liebe zur Sprache. Es sind wunderbar lyrische Passagen und es überkommt mich beim Lesen dieser mit bewundernswerter Leidenschaft verfassten Briefe immer wieder der Eindruck, ja, fast ein Déjà-vu, dass sie in dieser Hingabe an das Leben die eigene Liebe zum Leben, ihre Lebenskraft aufruft, ihr Nein gegen Gitter und Mauern. Schreiben ist in der Einzelhaft eine Möglichkeit der Selbstvergewisserung. Es tut gut, den verbleibenden Rest an Kommunikationsmöglichkeit grenzenlos auszuschöpfen. Die Kommandantur hält Rosas Briefwechsel für zu ausführlich. Er wird kontingentiert. In seiner Stellungnahme zu meiner Entlassung erklärte der Anstaltsleiter: „Taufer schrieb so viele Briefe, dass die Anstaltszensur nicht mehr mitkam.“

„Guten Tag, Hänschen … Kennen Sie auch diese besondere Wirkung von Tönen, deren Herkunft uns unbekannt ist?“, lese ich in einem Brief vom 29. Juni 1917. Rosa hört Leben, Leben jenseits der Mauer. Ein Huhn gackert, eine Gans schreit, ein Hund bellt – und jeden Abend, „kurz nach 9“ Uhr, beginnt „ein zwei- bis dreijähriges Bübchen“ zu weinen, das dauert, bis die Mama kommt, es schimpft, „warum schläfst du denn nicht“, und ihm drei Klapse auf den Po gibt, worauf es einschläft. „… und ich schlief jedes Mal fast gleichzeitig mit dem Kleinen ein.“

Sieh, dass du Mensch bleibst!

Eine liebenswerte Geschichte, die eine komplette Druckseite füllt. Welche Fabel fließt ihr aus der Feder, als sie ein seilhüpfendes Mädchen von jenseits der Mauer hört?! Ich spüre bei der Lektüre der Hörausflüge von Rosa Luxemburg , dass ich mit gemischten Gefühlen dabei bin. Meine Zelle im Hochsicherheitstrakt war hermetisch schallisoliert, das Fenster aus Panzerglas war nicht zu öffnen. Von akustischen Umwelteindrücken war ich abgeschnitten.

„Ich lese, schreibe und arbeite.“ In den warmen Monaten schleppt sie sogar einen Tisch ins „Gärtlein“, um dort zu arbeiten, vor allem an politischen Fragen. Was das Schreiben betrifft, führt sie ein Doppelleben: ein oberirdisches und ein unterirdisches. Nur ein kleiner Teil ihrer politischen Gedanken und Überlegungen findet sich in den Briefen, das meiste wird von Freunden aus dem Knast geschmuggelt. Im April 1915 verfasst sie Die Krise der Sozialdemokratie, eine unter dem Pseudonym „Junius-Broschüre“ erschienene Arbeit, des Weiteren Aufsätze zur aktuellen Lage, 1918 dann Zur russischen Revolution. Sosehr sie sich auf die Seite der Oktoberrevolution stellt, der revolutionären Massen und der „klugen Köpfe an der Spitze der russischen Revolution, Lenin und Trotzki“, so spart sie nicht mit notwendiger Kritik: „Aber diese Diktatur muss das Werk der Klasse und nicht einer kleinen, führenden Minderheit im Namen der Klasse sein.“

Jenseits jeder Lyrik ist indes ein Brief an Mathilde Wurm vom 28. Dezember 1916: „Dein Brief hat mich fuchsteufelswild gemacht … Nie war mir Euer griesgrämiges, sauertöpfisches, feiges und halbes Wesen so fremd, so verhasst, wie jetzt.“ Mathilde hatte aus dem Innern der SPD geschrieben. Rosa redet Klartext. „Dann sieh, dass Du Mensch bleibst. Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja, heiter trotz alledem und alledem.“ Bitte merken!

Lutz Taufer wurde 1944 in Karlsruhe geboren. Radikalisiert durch den Vietnamkrieg und den Tod Benno Ohnesorgs schloss er sich 1970 dem Sozialistischen Patientenkollektiv in Heidelberg und ein Jahr später der RAF an. Er war Mitglied des „Kommandos Holger Meins“, das im April 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm stürmte, zwölf Geiseln nahm und zwei von ihnen ermordete. Er schweigt bis heute über die Tat, über seine Schuld jedoch nicht. Zwei Jahre später wurde Taufer zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Nach zwanzig Jahren Haft wurde Taufer entlassen und ging 2002 nach Brasilien, um in den Elendsvierteln Rio de Janeiros zu arbeiten. Er hat das Buch Über Grenzen. Vom Untergrund in die Favela (Assoziation A, 2017) geschrieben, in dem er die Zeit im Gefängnis „in eindrucksvollen Vignetten“ beschreibt, wie Michael Angele im Freitag befand.
06:00 18.01.2019

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