Hools in Hellas

Sportplatz Kolumne

Es hätte, für die Griechen zumindest, noch schlimmer kommen können. Doch das englische Finale zwischen dem FC Liverpool und Manchester United wird es am kommenden Mittwoch im Athener Olympiastadion nicht geben. Stattdessen heißt das Champions-League-Endspiel FC Liverpool gegen den AC Milan. Es ist eine Neuauflage des legendären Finales vor zwei Jahren in Istanbul, als die Engländer nach einem 0:3 Rückstand noch den Ausgleich erzielten und schließlich im Elfmeterschießen gewannen. "Athen ist nicht Istanbul", erklärt Milan-Trainer Carlo Ancelotti unentwegt. Das stimmt zweifelsohne. Aber es kann am nächsten Mittwoch noch schlimmer werden als in Istanbul. Dort randalierten nicht wenige der rund 35.000 in das Atatürk-Stadion mitgereisten englischen Fans.

Athen bereitet sich auf den größten Polizeieinsatz in der Geschichte des griechischen Fußballs vor. In der Hauptstadt Griechenlands, aber nicht nur dort, geht längst die Angst um vor dem, was der Sprecher der UEFA, William Gaillard, ein "Albtraumszenario" nennt. Ein Hooligan-Szenario also, in dem die Fans des FC Liverpool mal wieder die Hauptrolle spielen. Wie vor zwei Jahren erwartet man in Athen kaum weniger als 40.000 Fans, die sich aus der Industriestadt im englischen Nordwesten in die griechische Fünf-Millionen-Metropole aufmachen. Bereits einen Tag nachdem feststand, dass die "Reds" das Finale erreicht hatten, stellte die Billigfluglinie Easy Jet zahlreiche Flüge Liverpool-Athen-Liverpool zum Finale am 23. Mai ins Netz - Preis: stolze 600 Pfund. Die Flüge waren binnen Stunden ausverkauft.

Dabei erhält jedes Endspielteam ein Kontingent von 17.000 Karten fürs Finale. Dass sich dennoch mehr als doppelt so viele englische Fans in die griechische Olympiastadt aufmachen, gilt als gesichert. Denn die Chancen, eines der begehrten und auf dem griechischen Schwarzmarkt derzeit für rund 200 Euro gehandelten Tickets zu ergattern, stehen nicht schlecht. Gut 10.000 Tickets sind in den freien griechischen Vorverkauf gegangen. Die Karten sind zwar weg, doch viele Griechen meiden vermutlich lieber das Stadiongelände. Die Hellenen haben Angst vor den erwarteten gewalttätigen Auseinandersetzungen einer seltenen Fan-Allianz. Es wird davon ausgegangen, dass sich zahlreiche griechische Hooligans unter die englischen Fans mischen, um mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Das Land des Europameisters gilt schon seit geraumer Zeit als ein Land der organisierten Fußballkrawalle. Erst vor knapp zwei Monaten erschütterte ein Todesfall den griechischen Sport, als ein Fan nach schweren Ausschreitungen am Rande eines Volleyballspiels totgeschlagen wurde. Mit Äxten, Messern und Leuchtraketen gingen Fußballanhänger der Dauerrivalen Panathinaikos Athen und Olympiakos Piräus aufeinander los. Das Volleyballspiel diente dabei nur als Kulisse für den wilden Kampf. Daraufhin setzte das griechische Sportministerium alle Meisterschaftsspiele im griechischen Sport für zwei Wochen aus. "Mich erinnert hier alles an die schlimmen siebziger Jahre in England, als ich noch ein junger Polizist war", erklärte der Londoner Chief Inspector Barry Norman auf einer Tagung zur Fanrandale, die die englische Botschaft in Athen im vergangenen Jahr in der griechischen Hauptstadt ausgerichtet hat.

Wenn alles wie vorhergesagt eintreffen sollte, "dann ist hier in Athen ab Montag niemand mehr sicher", vermutet der griechische TV-Sportjournalist Alkis Tsavdaras. Das weiß auch die UEFA. Und deshalb wird in Athen derzeit kräftig aufgerüstet. Scotland Yard hat bereits seit einem Monat ein Büro in Athen bezogen. Hier werden dank einer internationalen Hooligan-Datei zwischen den englischen Ordnungshütern und der griechischen Polizei (ELAS) Daten ausgetauscht. Englische, aber auch niederländische Offiziere trainieren in diesen Tagen gemeinsam mit ihren griechischen Kollegen die Einsatztaktik in der Begleitung der Fans vom Flughafen bis ins Stadion und üben für alles, was danach kommen könnte. Mehr als 20.000 Polizisten, die aus ganz Griechenland zusammengezogen werden, sollen schon ab Montag unterhalb der Akropolis und später dann rund um das Athener Olympiastadion Präsenz zeigen. Unzählige, extra für das Endspiel neu installierte Kameras, garantieren eine aufmerksame, weil lückenlose Rundumüberwachung der Anhänger in der Athener Arena. Die Sitzplatzkapazität des Stadions wurde für das Match extra von 72.000 auf 68.000 reduziert. Soviel steht schon jetzt fest: Für die griechische Polizei und die Athener herrscht bereits ab Montag die höchste Alarmstufe.


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00:00 18.05.2007

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