Hörnchen

Alltag I Der Herbst fördert die Weinerlichkeit menschlicher Singles

Der Sprecher im Radio droht für die kommende Nacht mit Frost. So fängt es an. Der Winter ist noch lange nicht da, aber er zeigt schon seine Instrumente. Noch halten auf der Bank gegenüber zwei alte Frauen in den Mittagsstunden ihre Dauerwellen in die Sonne und decken ihre Augen für einen Moment mit Falten zu. Aber in einer Woche schon werden die Menschen über 40 nachts in den Betten liegen und darüber erschrecken, wie die Kälte ihnen in die Knochen kriecht. Im Geäst der Bäume da draußen fliegen zwei Eichhörnchen von Ast zu Ast. Aufgeregte Tiere. Sie hasten durch den kleinen Park und sammeln Vorräte für den Winter. Von morgens bis abends tun sie nichts anderes. Sammeln, sammeln, sammeln, Loch graben, Eicheln, Nüsse, Tannenzapfen, Kastanien rein, Erde rauf und wieder von vorn. Die Viecher leisten Akkordarbeit.

"Warum sind die so hektisch dabei?" frage ich meinen Bruder. Er ist Biologe und ein Kenner der Tier- und Pflanzenwelt. Jedes noch so kleine Kräutlein kann er benennen, und wenn irgendwo am Horizont ein schwarzer Punkt auftaucht, gerät er außer sich und ruft seltsame Namen wie Rauhfußbussard oder Kornweihe. Natürlich weiß er auch über Eichhörnchen Bescheid.

"Die Eichhörnchen haben einen genetischen Nachteil. Sie können sich nichts merken. Sie vergraben deshalb so viele Nüsse und Zapfen, weil sie nur zufällig wiederfinden können, was sie versteckt haben. Wenn sie nicht so eine gute Nase hätten, wären sie verraten und verkauft."

"Sie könnten es also total entspannt angehen lassen, wenn sie nicht so vergesslich wären", sage ich.

"Tja, wenn", meint mein weiser Bruder.

"Sie sammeln und vergraben so viel aus Angst vor der eigenen Blödheit." Er korrigiert mich: "Eichhörnchen haben Angst vor Mardern und Raubvögeln. Sonst nicht. Und wie bei uns Menschen ist es auch beim Eichhörnchen: Warum sollen sie ihre Beschränktheit fürchten. Wahrscheinlich gibt sie ihnen eher Sicherheit."

"Hört, hört."

"Denk mal drüber nach", sagt mein Biologen-Bruder und sieht an mir vorbei. Dann fährt er fort:

"Und der Wald profitiert davon. Aus den vergessenen Eichhörnchen-Futterlagern sprießen ein paar Jahre später kleine Eichen, Buchen und Kastanien."

Oh Macht der Metapher. Mit welchen Vorräten geht man in den Winter? Und wenn man welche hat, findet man sie wieder, wenn man sie braucht? Gut, um Essen und Trinken brauchen wir uns wenig Gedanken zu machen. Da sind wir den Eichhörnchen gegenüber im Vorteil. Aber davon abgesehen sieht es nicht gut aus. Mein Freund Justus schimpft seit Tagen über den Herbst.

"Mich beginnt zu frösteln, wenn ich nur daran denke, wie es wird. So viel Dunkelheit, so viel Kälte. Ich weiß nicht, ob ich das alles ohne ein zweites Wesen in meinem Bett durchstehen werde."

Der Herbst fördert die Weinerlichkeit menschlicher Singles. Von Eichhörnchen ist das nicht bekannt.

Andererseits gibt es auch Menschen, die es versuchen den Eichhörnchen nachzutun. Nur dass es dabei nicht um Nüsse sondern um Liebhaber geht. Meine Freundin Ellen zum Beispiel behauptet seit drei Jahren, sie verfüge über einen Vorrat an Verehrern. Sie hatte damit angefangen ihn anzulegen, nachdem ihr langjähriger Partner sich ein paar Tage vor dem Weihnachtsurlaub aus dem Staub machte. Das war 2002 gewesen und hatte sie ziemlich aus den Schuhen gehauen. Er hatte sie einfach sitzen gelassen, sie wusste nicht warum. Schließlich floh sie über die Feiertage zu ihren Eltern. Die sahen sie fragend und voller Zweifel an, so als würde irgendetwas mit ihr nicht stimmen. Wer den Schaden hat. Nach einer durchheulten Silvesternacht hatte sie sich vorgenommen, dass ihr so etwas nicht wieder passieren sollte. Dieser Typ hatte sie nicht nur verlassen, er hatte sie auch blamiert. Schwer zu sagen, was schwerer wog. Jedenfalls hatte Ellen seitdem immer mehrere Eisen im Feuer. Wenn ihr aktueller - meinetwegen - Peter absprang, tauchte plötzlich irgendein Kai oder Udo an ihrer Seite auf. Ich weiß nichts über die Qualität dieser Beziehungen. Wahrscheinlich hat die Sicherheit auch ihren Preis. Ellen zahlt ihn mit einem kalten Lächeln. Aber allein zurücklassen kann sie nun keiner mehr.


Anders hingegen mein schwuler Freund Alexander. Er treibt sich den ganzen Sommer in Diskos, Bars und Freibädern herum. Seine durchtrainierte Figur, sein wie Bronze schimmernder Teint und seine gute Laune sorgen dafür, dass sich jede Menge andere Männer für ihn interessieren. Behauptet er jedenfalls. Im Winter wird dann abgearbeitet. Weil er ein kriminell gutes Gedächtnis hat, kann er sich an jede noch so kleine sommerliche Begebenheit erinnern. Wenn er ausgeht, knüpft er an Blickkontakte an und fährt eine Ernte aus nächtlichen Begegnungen ein. Es geht ihm gar nicht um die große Liebe. Sagt er. Aber viele kleine Affären ergeben dann doch eine Menge libidinöser Energie. Nicht dass ich neidisch wäre, aber man kommt ins Grübeln.

Mein Biologenbruder hat übrigens auch für die unterschiedlichen Strategien von Ellen und Alexander eine Eichhörnchen-Metapher parat. Er hebt den Zeigefinger und sagt:

"Es gibt auch noch einen Unterschied zwischen den Eichhörnchen im Westen und im Osten."

"Auch bei den Eichhörnchen?"

"Auch bei den Eichhörnchen."

"Wie?"

"In Westeuropa legen sie viele kleine Futterlager an. Im Osten wenige große."

"Und was ist besser?"

"Schwer zu sagen. Da sie ja ihre Depots immer nur durch Zufall wiederfinden, gehen die Ost-Eichhörnchen ein ziemlich großes Risiko ein. Wenn sie mehrere ihrer größeren Verstecke nicht wiederfinden, könnte es eng werden. Aber die West-Eichhörnchen sind nicht viel besser dran. Denn selbst mit den Depots, die sie wiederfinden, kommen sie ja nicht weit. Wahrscheinlich kommt es aufs selbe raus. Wenn sie Menschen wären, würden sie sich sehr darüber streiten, welche Methode besser ist", sagt er. Eigentlich sind ihm Tiere sympathischer.

"Warum fallen die eigentlich nie vom Baum oder springen gegen statt auf einen Ast? Bei der Geschwindigkeit würde es mich eigentlich nicht wundern." Mein Bruder lächelt wissend und sagt: "Sie haben einen perfekten Schwanz".

Ich zucke zusammen, weil ich mir einen perfekten Schwanz bis dato etwas weniger buschig vorgestellt hatte. Aber es ist ihm ernst: "Beim Eichhörnchen bestimmt der Schwanz, wo es langgeht."

"Warum sollte es ausgerechnet bei Eichhörnchen anders sein, lieber Bruder", sage ich. Er hebt nicht einmal die Brauen und fährt fort: "Das Eichhörnchen hat sehr starke Hinterläufe, deshalb kann es so weit springen. Und es hat einen sehr muskulösen Schwanz. Mit dem kann es beim Sprung noch steuern und fällt nicht so oft auf die Nase."

"Nicht so oft wie wer?" frage ich.

"Nicht so oft wie du", sagt mein Bruder.

Metaphern können niederschmetternd sein.


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00:00 28.10.2005

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