Hurrikan Mensch

Stürmische Zeiten Wenn extreme Wetterlagen mit einseitigen Wirtschaftsinteressen und Politikversagen einhergehen

Hurrikan "Katrina", Feuer "Iberia", Flut "Bavaria" - die Häufigkeit und regionale Ausprägung von Wetterextremen wird kaum noch einen Leser und Fernsehzuschauer überraschen, nach all dem, was man schon gelesen und gesehen hat. Extreme Wetterlagen, das bedeutet Sturm und gewaltige Regenmengen in kurzer Zeit hier, lange Trockenperioden und Dürre dort. Liegt aber in der Gleichzeitigkeit extremer Ereignisse die Überraschung, und ergibt sich daraus vielleicht die Chance für einen individuellen und gesellschaftlichen Lernerfolg, für vorbeugenden Umweltschutz, für ein Politikverständnis, das langfristigen und wechselseitig voneinander abhängigen Veränderungen Rechnung trägt?

Wenn, wie in Louisiana, Hunderttausende von Menschen vor Sturm und Wasser auf der Flucht sind, wenn, wie auf der Iberischen Halbinsel, nach Wochen vergeblichen Bemühens die europäischen Nachbarn zur Eindämmung der Feuersbrünste um Hilfe gebeten werden, wenn, wie in den Überschwemmungsgebieten der Schweiz, Österreichs und Bayerns erhebliche staatliche Mittel für die Schadensbewältigung benötigt werden, weil Häuser nicht mehr privat versicherbar sind - dann ist Einsicht gefragt, dann sollte Einkehr möglich sein. Wie aber steht es damit in Wirklichkeit?

Der Klimawandel wird Wetterextreme zeitlich beschleunigen und ihre Schadenswirkung exponentiell steigern. So stand es schon im ersten, so stand es im zweiten und ganz besonders deutlich im dritten Sachstandsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses über den Klimawandel (Intergovernmental Panel on Climate Change). Vermeidung der Ursachen des Klimawandels, Schadensminderung und Anpassung an die Veränderungen, die nicht mehr aufzuhalten sind - das sind die grundsätzlichen politischen Optionen, die offen stehen.

US-Präsident George W. Bush erklärte den Bundesstaat Louisiana mit der Jazzmetropole New Orleans Anfang dieser Woche zum Katastrophengebiet, bevor Bürgermeister Ray Nagin dann die Zwangsevakuierung der Stadt anordnete. Bislang deutet nichts darauf hin, dass die USA nun Einkehr halten und den internationalen Klimaschutz-Vertrag, das Kyoto-Protokoll, doch noch unterschreiben werden. Die Länder der Iberischen Halbinsel, Spanien und Portugal, sind Mitglieder dieses Vertrages, doch sie haben seit Jahren die höchsten Zuwachsraten an Treibhausgasemissionen in Europa - und zugleich auch zunehmende Wasserknappheit aufgrund höchst ineffizienter Bewässerungslandwirtschaft und maßlos übertriebener Ausweisung von Flächen für wasserintensive Golfplätze. Es ist noch nicht bekannt, ob in Spanien und Portugal inzwischen die Einsicht gereift ist, dass nun Energie und Wasser drastisch eingespart werden müssen. Und wie steht es nach den jüngsten Fluterfahrungen um Einkehr und Einsicht in Deutschland?

Nach der so genannten Jahrhundertflut des Jahres 2002 ist vom Bundestag ein vorsorge-orientiertes Hochwasserschutzgesetz erarbeitet worden, das auch - am 10. Mai diesen Jahres - in Kraft trat, aber in die Bund-Länder-Konfliktlinie geraten war und arg verwässert wurde. Den deutschen Flüssen und Bächen stehen heute wegen Begradigung, Deich- und Talsperrenbauten, Staustufen, Verkehrswegen und der Ausweisung von Baugebieten seitens der Kommunen nur noch etwa ein Fünftel ihrer früheren natürlichen Überschwemmungsflächen zur Verfügung.

Entsprechend forderte der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) nach den jüngsten Ereignissen ein Sofortprogramm zur Renaturierung der Flüsse und Bäche, den Stopp intensiver Landwirtschaft in Überschwemmungsgebieten und Deichrückverlagerungen. Das alles sind noch relativ harmlose Forderungen und einfache Maßnahmen, die zudem in die Falle des sehr eingeengten Vorsorgebegriffs des Hochwasserschutzgesetzes geraten können: Die Verwaltung und die Bevölkerung sollen besser auf das nächste Hochwasser vorbereitet sein, die Sachschäden sollen begrenzt werden. Doch jeder Deich ist zu niedrig, jedes Rückhaltebecken zu klein, wenn nicht auch die Ursachen der Wetterextreme angegangen werden, die Treibhausgasemissionen, die mit unserer Industriestruktur und unserem Lebensstil, dem gesellschaftlichen Stoffwechsel, zusammenhängen.

Diese Emissionen auf ein für Mensch und Natur ungefährliches Maß zu senken, ist das erklärte Ziel des Kyoto-Protokolls - eines multilateralen Vertrages mit rechtsverbindlichen Reduzierungspflichten, die kontinuierlich verschärft werden müssen. Wer aber hat daran ein Interesse? Die Amerikaner nicht, wie mehrere ihrer Präsidenten beteuert haben: der "American way of life" stehe nicht zur Disposition. Die Iberer wären auch erst noch umzustimmen. Und die Deutschen?

Während Umweltminister Jürgen Trittin sich in der Einschätzung der Hochwasserschutzpolitik des Freistaates Bayern zuerst lobend, dann aber kritisch geäußert hat, ist im so genannten Kompetenzteam der Kanzlerkandidatin klimapolitischer Sachverstand überhaupt nicht vertreten. Und der Kandidat für den Finanzministerposten ist ganz gewiss kein Anhänger der Öko-Steuer, die - angesichts aller drei erwähnten Beispiele von Wetterextremen - möglichst schnell weltweit eingeführt werden sollte. Von der Versicherungswirtschaft wird in solchen Fällen Schadensersatz zunehmend weniger zu erwarten sein oder nur noch, wenn eine zusätzliche Elementarschadensversicherung besteht. Und was unsere Wirtschaftselite angeht, so wurde deren klimapolitische Inkompetenz jüngst - und ausgerechnet nach Einsetzen der Alpenfluten - erneut bestätigt: Der Bundesverband der Deutschen Industrie fordert die Abwendung vom Kyoto-Protokoll und stattdessen eine Allianz mit den USA, jenem Land, in dem eine Großstadtregion soeben zwangsevakuiert werden musste. Stürmische Zeiten scheinen bevorzustehen, wenn extreme Wetterlagen mit einseitigen Wirtschaftsinteressen und extremem Politikversagen einhergehen.


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00:00 02.09.2005

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