Hyper-Pop und Kritische Theorie

Theater Zwölf Vorstellungen ausverkauft, vor der Premiere. Wie „Porno mit Adorno“ dem Publikum in Zürich ein ultradichtes, sinnentleerendes Spektakel präsentiert – und damit passend unsere kaputte Welt imitiert

Geschliffen sauber und minimalistisch chic ist die Bühne, die beiden Greenscreens und Fernsehbildschirme mitsamt Live-Kamera-Sets im grellen Studiolicht erzählen schon zu Beginn: Der technische Reproduktionsapparat ist Hauptdarsteller, und zwar keiner der angenehmen Art. Still und unbeweglich steht sie da, die digitale Ausstattung. Sie ist das erste und wird nach der Vorstellung das letzte bleiben, was das Publikum sieht – ein Touch Horrorästhetik in einer vermeintlich makellosen Welt.

Das Bühnenstück Porno mit Adorno feierte am 20. Januar im Theater am Neumarkt, Zürich Premiere und lässt das Publikum eine komplette Sinnentleerung in der Industrie des Menschseins erfahren. Nachrichten werden nicht nur zur Ware, sondern zum Inbegriff einer Welt der Entfremdung. Das Team um Theaterregisseur Felix Rothenhäusler und Dramaturgin Hayat Erdoğan inszeniert mit der selbsternannten „Hyper-Pop-Oper“ eine Praxis der ästhetischen Konterkultur, die sich nicht mal mehr durch Pop, sondern Post-Pop konstituiert: Eine totale Affirmation, in der alles dermaßen zur Spitze getrieben wird, bis es in einer völligen Überzeichnung stehen bleibt.

Dass für die Hyper-Inszenierung der Schweizer Popsänger Faber konzeptuell beteiligt war und als Schauspieler mit auf der Bühne steht, ist zum einen ein wenig selbstironisch. Zum anderen ist Faber sicher mit ausschlaggebend für die bereits vor der Premiere ausverkauften ersten zwölf Vorstellungen, denn der – wenn auch frische – Umgang mit einem Philosophen und seiner Gesellschaftstheorie alleine hätte vermutlich im progressiven Theaterzürich nicht gereicht.

Die Figuren im PMA Studio, neben Faber hervorragend dargestellt von Sophie Krauss und Yan Balistoy, können an dem Abend nicht anders als gefangen zu sein in ihrer Unfreiheit. So clean wie die Bühne treten auch sie auf: makellos kostümiert und frisiert, konsequent nüchtern und vor allem austauschbar. So führen die Darstellenden irgendwo zwischen Identitätslosigkeit und Überidentifizierung durch die Welt der Nachrichten. Denn ob sie nun Jessica oder Tom, Clarissa Ward oder Melanie heissen: Ein Verhalten außerhalb dessen, was ihnen zu sagen auferlegt ist, gibt es kaum. „Das Individuum ist tot“, die Figuren existieren nur über ihre Reproduktion einer Welt voller Informationen und Sensationen. So wie sie nur verästhetisierte Hüllen sind, zeigen sich auch Ort und die Zeit austauschbar. Wie Waren im Supermarkt reihen sich mal Lavendelfelder, mal eine Villa in Hollywood, mal ein schmelzender Eisberg durch 3D-Art in den Live-Schaltungen auf die Bildschirme. Eine Welt voller Schein und Selbsttäuschung in der es nichts Richtiges, nichts Echtes zu geben scheint, live vor unseren Augen konstruiert.

Keine Zeit zum Aufatmen

Es ist vor allem viel. Viel Trash, viel Text, viel Abstraktion, viel Leere. Was eben ein neuer Gedanke war, verliert in der Wiederholung und Masse seine Bedeutung. „Es lebe die totale Armut“, verhallt gerade noch, da geht es bereits weiter. Der Abend etabliert in seinem Tempo dabei eine Dichte, die durch die kontrollierte Übertreibung von Sprache und Musik (Jo Flüeler, Goran Koč, Janos Mijnssen, Moritz Widrig) anhaltende Konzentration erfordert. Das ist letztlich die Stärke der Hyper-Dramaturgie: Der permanente Zustand der Überproduktion übersetzt sich in eine absolute Klarheit. Die Zerstreuung bleibt dem Publikum zwischen Adorno-Zitaten im Hals stecken – eine geradezu körperliche Erfahrung, in der keine Zeit für Aufatmen, aber auch nicht für Abschweifen bleibt.

Etwas allerdings erfüllt sich in der Plastizität des Hypertheaters nicht: das Menschliche. Die Szenen sind zu geschliffen und zweckmäßig, als dass eine Einfühlsamkeit zwischen Bühne und Publikum entstehen könnte. Doch dafür ist Faber da – und er singt, wie er immer singt: dreckig schön und ungehemmt ehrlich, verzweifelt und traurig. Nichts mache ihn glücklich, nichts mache ihn geil, nichts mache ihn traurig, nichts mache ihn wütend. Wie auch, in einer Welt voller Konsumtion und gleichzeitiger Leere, wie soll man da etwas fühlen? Faber und seine Musik erscheinen wie eine kurze Befreiung, ein Moment der Erlösung. Man versteht, man fühlt.

Doch es wäre kein Abend mit der Kritischen Theorie, würde die Hoffnung unverfälscht Erfüllung finden. Nein, es gibt keine vollendete Befreiung, auch nicht an diesem Abend, und auch nicht mit der Musik Fabers. Denn etwas stimmt beharrlich nicht: So sehr man sich auf die Musik einlassen möchte, so sehr verhindert Fabers Zombie-Maske, das Prätentiöse seiner Performance, und auch das ganze Studio-Setting eine Auflösung der anhaltenden Fremdheit. Auch diese Show ist austauschbar. Es gibt keine Erlösung in dieser kaputten Welt, zumindest keine vollendete. Was bleibt ist die Erkenntnis des Widerspruchs, das Annehmen der Unerfülltheit in einer Welt zwischen Zombies, Überflutung und Sehnsucht.

Vielleicht fände Adorno in seinem Glauben an die unversöhnte Utopie und die Hoffnung, die er in der Kunst findet, diesen Abend gut. Die Frage stellt sich aber nicht als erste. Es ist vielmehr die Form und ihre dramaturgische Umsetzung, die Porno mit Adorno zu seiner Aussage bringen und den Abend erlebenswert machen. Das Inszenierungsteam zeigt, welche neuen Erzählweisen gegenwärtiges Theater für eine Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen und Mechanismen finden kann und schafft dabei eine Ästhetik voller Übertreibung und Aushalten. Diese fordert und tut ein bisschen weh, macht aber in all dem neugierig und vor allem Spaß. Und das ist gar nicht mal so wenig.

Info

Porno mit Adorno Regie: Felix Rothenhäusler Theater Neumarkt Zürich

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