Ich, die Schlampe

Lust Ich habe viel Sex. Ich bin Feministin. Beides zusammen ist oft nicht leicht zu vereinbaren. Ein Text gegen die Maulsperre für Vulvalippen

Als Frau über Sex zu sprechen und zu schreiben, bedeutet auch immer, über Sexismus zu sprechen. Denn schon mit der Anfrage, ob ich diesen Text schreiben möchte, fing es an. Ein Text aus meiner Sicht über weibliche Sexualität? Sofort alle Warnblinker an im Kopf und im Bauch: Was würde die Familie sagen, was Freundinnen und Freunde, was Feministinnen, Maskulisten, was, wenn das zukünftige Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber lesen würden? Was, wenn das meinem Ruf schaden würde und so weiter? Die Liste der Ängste ist endlos.

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Aber genau deshalb gibt es diesen Text nun: weil allein das, was in diesen paar Sekunden in meinem Kopf passierte, Grund genug ist, ihn zu schreiben. Trotz der Angst, die ich auch jetzt dabei fühle. Ich habe die Überschrift genau deshalb gewählt: Ich eigne mir an, was mir nachgesagt werden könnte, bestimmt auch wird. Ich bin eine „Schlampe“, eine „Bitch“, zumindest, wenn es nach normativen Maßstäben geht. Denn ich habe und hatte viel Sex. Und ich bin Feministin. Und beides zusammen ist nicht immer leicht zu vereinbaren. Manchmal gar nicht.

Denn die weibliche Sexualität ist so eng verknüpft mit sexualisierter Gewalt, mit Angst, Scham und Repressionen, dass es in diesem Bewusstsein kaum möglich ist für mich, über meine Sexualität und den Sex, den ich habe, zu sprechen, ohne auch all das mitzudenken. Trotzdem möchte ich hier den Versuch wagen, darüber zu schreiben und zu sprechen. Es fühlt sich kaum machbar an.

Denn da sind jene, die Frauen wie mich beschämen wollen für den offenen Umgang, den ich mit Sex habe, für die Frequenz, die Häufigkeit. Und jene, die mich für antifeministisch halten, weil ich mich gerne sehr sexy kleide, flirte, durch Berliner Betten treibe. Dazwischen stecke ich und versuche, mich zu verhalten, auf eine Art, die sich frei und leicht anfühlt. Es gelingt mir nicht.

Denn neben der Bewertung der anderen ist da ja auch noch mein eigenes Verhalten und das ständige Hinterfragen desselben. Auch ich habe mich beschämenderweise in den vergangenen zwanzig Jahren unabsichtlich übergriffig verhalten, auch ich habe Fehler gemacht im Umgang mit anderen. Ich kann mich nicht frei machen. Ich muss all das mitdenken, wenn ich über Sex spreche, meine Beweggründe, meine Wünsche, meine Fehler.

Vorspulen beim Porno

All das macht es unendlich schwer, denn schon das Sprechen darüber löst Konflikte aus: Wie kann ich einen Text schreiben über sexuelle Befreiung, wenn er so viele Konsequenzen haben könnte? Genau so vielleicht: Indem ich offenlege, wie schwierig all das für mich ist. Und es trotzdem mache. Denn für mich ist Sex etwas wirklich Wichtiges. Etwas Elementares. Er ist ein nicht unerheblicher Teil meiner Persönlichkeit. Aber immer wieder wird genau das zum Problem.

Eine sehr lange Zeit habe ich mich zum Beispiel vor Blowjobs gescheut. Ich fand sie patriarchalisch, demütigend im schlimmsten Fall. Bei Pornos spulte ich vor, wenn Schwänze mal wieder so tief in Münder gepresst wurden, dass die Frauen würgten. Ich versuchte, auf feministische Pornos zu masturbieren und zu kommen, ich schaffte es nicht. Ich fand alles langweilig. Das ewige Vorspiel, das Gelecke, die Dialoge. Ich will keine zwei Hipster beim Sex sehen. Ich will einfach Sex anschauen. Animalischen, leidenschaftlichen Sex.

Aber auch diese Vorliebe für harten Sex lässt sich kaum mit meinen feministischen Einstellungen verbinden. Oder?

Mittlerweile weiß ich: Doch. Das geht. Denn der Unterschied zwischen feministischem und patriarchalem Sex liegt nicht in den Dingen, die ich konkret mache. Es geht viel mehr darum, warum ich sie mache, ob ich Lust dabei verspüre oder ob ich sie mache, weil ich glaube, dass sie von mir verlangt werden.

Als mir das klar wurde, fand ich meine Lust an Blowjobs wieder. Als ich mich weder gezwungen sah, sie zu geben, noch sie aus feministischer Sicht abzulehnen, gewann ich die Freiheit zurück, Schwänze zu lutschen, wann ich das will. Wenn ich es wirklich, wirklich will. Denn das ist das große Missverständnis: Es geht nicht darum, was wir tun, sondern warum.

Um es konkret zu machen: Es macht einen Unterschied, ob ich mich beim Sex hart von hinten nehmen lasse, weil ich das genieße – oder ob ich das mache, weil der Mann das so verlangt oder will. Auch Demütigung und Schmerz können lustvoll sein, ziemlich sogar. Alles eine Frage der Kommunikation. Und auch an der musste ich arbeiten.

Viele Jahre meines Lebens bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, einem Mann zu zeigen, was ich mag. Und, ehrlich gesagt, stimmte es in meinem Fall auch nicht, dass ich durch Masturbation schon wusste, was mir gefällt. Einige Dinge mache ich lieber allein, andere kann nur ein Partner schaffen oder ein Vibrator. Squirting und vaginale Orgasmen gehören dazu. Ausnahmslos alle Männer, mit denen ich schlief, finden squirtende Frauen super. Das ist auch die Erfahrung vieler meiner Freundinnen, die sich gegenseitig Tipps geben, wie Squirting gelingen kann (wenn man das möchte). Als wir an einem Wintertag auf einem Balkon rauchend und frierend darüber sprachen, wie genau das jetzt funktioniert, dachte ich kurz: Wow, endlich lebe ich in einer Gesellschaft, in der so etwas kein Problem mehr ist! In der Frauen offen über Squirting und die beste Technik sprechen können (Lesen Sie zu „Squirting“ auch dieses Interview).

Ein paar Monate später schrieb ich frohen Mutes in mein Twitter- sowie mein Instagram-Profil „sexpositiv“ neben „Feministin“. Das fühlte sich wie ein großer Schritt an und gefährlich. Und das war er auch. Bis heute glauben nicht wenige Männer, dass dieses Wort eine Einladung ist (und ich bin mir sicher, dass auch dieser Text wieder den ein oder anderen dazu motiviert, „nur mal Hallo“ zu sagen). Ein Missverständnis, dem sich viele Frauen ausgesetzt sehen, die offen mit ihrer Sexualität umgehen: Sexpositiv zu sein, bedeutet nicht, dass wir jederzeit und mit jedem ficken wollen. Es bedeutet nur, dass wir Sex nicht ablehnen, solange er gleichberechtigt ist. Alles andere ist eine individuelle Sache, eine Frage der Vorlieben und Wünsche.

Wie groß dieses Missverständnis ist, offenbart sich immer wieder in Kontexten wie #metoo: Da fragen dann Männer und Frauen, was denn überhaupt noch zulässig sei. Wie sie jetzt flirten und ficken dürfen. Dabei ist es im Grunde genommen ganz einfach – sexualisierte Gewalt wie Vergewaltigungen und Missbrauch sind eben das: Gewalt, die versucht, sich unter dem Tarnmantel der Sexualität zu verstecken. Sex wird in Fällen wie dem Harvey Weinsteins und unendlich vielen mehr nur benutzt, um Gewalt und Macht auszuüben. Er ist nur ein Mittel für einen ganz anderen Zweck. Das Sprechen darüber, die Verunsicherung auf allen Seiten offenbart nur, wie wenig wir über diesen Unterschied sprechen. Und für wie viele Menschen es völlig akzeptabel zu sein scheint, dass Übergriffigkeit und Gewalt Teil einer gesunden Sexualität sind.

Sie sind es nicht. Wer sich absichtlich übergriffig verhält – oder auch unabsichtlich –, muss sich dafür verantworten. Rechtfertigungen und Aggression werden dieses Problem nicht lösen. Auf beiden Seiten nicht. Wir machen Fehler. Wir müssen daraus lernen. Wir müssen darüber sprechen.

Denn immer öfter beschleicht mich das Gefühl, dass nach der Unterdrückung der weiblichen Sexualität nun eine neue Maulsperre die Vulvalippen verschließen soll: Das ständige Anzweifeln und Hinterfragen der Lust der Frau im Kontext einer patriarchalen Gesellschaft. Ich will mich befreien, will anziehen, was ich will, wann ich will und so kurz ich will, ich will so viel und oft Sex haben, wie ich es gut finde – aber habe ich es gerade so geschafft, die Gedanken abzuschütteln, dass man mich als „schlampig“ betrachten könnte und mir klargemacht, dass es mir völlig egal sein sollte, so genannt zu werden, warten jetzt schon die nächsten Zweifel. Zweifel daran, ob ich als gute Feministin überhaupt Männern gefallen wollen darf.

Die „Slutwalk“-Demonstrationen helfen mir in diesem Kontext nicht weiter, denn ihr Ziel ist es ja, die elementare und wichtige Botschaft zu vermitteln, dass ein sexy Outfit nicht bedeutet, dass man angesprochen oder angemacht werden will. Und tatsächlich geht es mir auf dem Weg zu einem Date genau so: Ich will nicht angestarrt werden. Aber ich will, dass mein männliches Date mich begehrenswert findet. Ich will Sex. Viel, oft, mit vielen, am liebsten ständig. Und obwohl ich mich so gerne als woke und reflektiert sehen will, scheitere ich immer wieder daran, einen Weg zu finden, einen Umgang mit diesem Zwiespalt zu finden, bei dem ich meine Sexualität ohne Ängste und Zweifel genießen kann.

Ohne Angst und Zweifel

Dabei ist es gerade für Frauen wichtig, endlich so offen damit sein zu können, wie es Männer schon so lange sind, und das, ohne dafür abgewertet zu werden. Es ist eine traurige Wahrheit, dass die Verurteilung weitergeht. Weibliche Sexualität ist also immer noch nicht frei. Sie ist immer Bewertungen, Verurteilungen und Anfeindungen ausgesetzt. Und zwar aus allen Richtungen. Ja, aus allen, auch aus feministischer. Was mir bleibt, ist nur ein Versuch, der dieser Text sein soll: der Beginn eines Dialoges. Denn mit dem Reden fängt es an. Trotz der Angst, trotz der Zweifel.

All der Sex im Internet, in den sozialen Medien, die feministischen Pornos, die Texte über Schallwellen-Vibratoren (der Freitag 43/2019), die Bücher – sie suggerieren, dass wir längst an einem Punkt wären, an dem endlich auch die weibliche Lust im Fokus steht. Und es stimmt: Das tut sie. Aber genau dadurch ist sie mehr Anfeindungen und Bewertungen ausgesetzt als jemals zuvor. Ich weiß nicht, wie viele Bücher à la Katja Lewinas jüngst erschienenes Sie hat Bock (Dumont 2020, 224 Seiten, 20€) es noch wird geben müssen, wie viele neue Sex-Toys, wie viele Texte wie diesen – bis eine Frau keine Angst mehr haben muss, dafür verurteilt zu werden, über ihre Sexualität zu sprechen und offen mit ihr umzugehen.

Ich weiß nur, wie viel Angst ich habe, diesen Text abzuschicken. Und dass genau das bedeutet, dass wir noch ganz, ganz, ganz am Anfang stehen.

Kathrin Weßling hat gerade ihren neuen Roman Nix passiert bei Ullstein veröffentlicht. Zuvor erschienen Drüberleben (2012), Morgen ist es vorbei (2015) sowie Super, und dir? (2018)

06:00 08.03.2020

Ausgabe 22/2020

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