Ich gehöre nicht wirklich dazu

IM TRANSITRAUM DER ZWEISPRACHIGKEIT Ein Porträt der sorbischen Dichterin Róza Domascyna

Im Blick auf die faszinierend vieldeutigen Sonette Shakespeares hat kürzlich der Dichter Peter Waterhouse eine sehr eigenwillige Theorie der Übersetzung vorgelegt. Den poetischen Übersetzer, so resümierte Waterhouse, dürfen wir uns nicht als triumphierenden Seefahrer auf Eroberungsreise vorstellen, sondern eher als glücklichen Schiffbrüchigen. Entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis sei der Übersetzer nicht zuständig für den Brückenschlag zwischen zwei getrennten Sprachwelten, oder gar für einen funktionalen Wörter-Transport von A nach B, sondern er bewege sich in einem Zwischenraum mit offenen, fließenden Grenzen, in den Bezirken des Instabilen und Unverfestigten. Waterhouse verweist auf Prospero, den Helden in Shakespeares letztem Drama Der Sturm, der als Herzog von Mailand ins Exil gejagt wird und auf einer menschenleeren, namenlosen Insel landet, aber gerade das Landloswerden als Bereicherung seines Daseins erfährt. Für Poesie wie Übersetzung gelte: Die Potentiale des Poetischen leuchten nur im großen Transitraum der Zweisprachigkeit auf. Das einzige Asyl, in dem Poesie unterkommen kann, ist die Zweisprachigkeit, der ständige Aufbruch ins Ungewisse zwischen den Sprachen.

Eine ideale Bewohnerin des poetischen Zwischenraums der Zweisprachigkeit ist die sorbische Dichterin Róza Domascyna. Sie spricht und schreibt "im zwieland mit doppelzüngiger duellität", ständig zwischen ihrer sorbischen Muttersprache und den Vatersprachen des alten und neuen Deutschland hin- und herpendelnd. 1951 als Rosa Domaschke in Zerna in der Oberlausitz geboren, wuchs die Dichterin in einer Landschaft auf, deren verwunschene Schönheit durch den exzessiven Braunkohlenabbau schwer versehrt worden war. Die forcierte Industrialisierungspolitik der DDR hatte in der Lausitz ausgehöhlte Landschaften und zerstörte Dörfer hinterlassen; den offiziell als Vorzeige-Minderheit geförderten Sorben wurde immer mehr Siedlungsraum entzogen. Als Ingenieur-Ökonomin im Braunkohlenrevier von Hoyerswerda erhielt die junge Rosa Domaschke ihre ersten Lektionen in politischer Desillusionierung. Der Blick auf das ökologische Desaster der Lausitz provozierte in ihr ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Rhetorik offizieller Verlautbarungen und standardsprachlicher Schablonen. Die bedrohte dörfliche Kultur der Sorben in der Lausitz bildete dann später den existenziellen Erfahrungsgrund, in den die Texte der Lyrikerin, Märchenerzählerin und Sprachspielerin Róza Domascyna immer wieder eintauchen.

Die Rede von der "sorbischen Muttersprache" der Róza Domascyna ist freilich schon eine Ungenauigkeit, existiert doch das Sorbische, das die Linguisten zur westslawischen Sprachengruppe rechnen, in zwei Varianten, die erheblich voneinander abweichen. Das Obersorbische, das im Süden gesprochen wird, ist dem Tschechischen verwandt, das Niedersorbische des Nordens ähnelt dagegen dem Polnischen. Der Aufbruch in das instabile Terrain zwischen den Sprachen vollzog sich irgendwann in den achtziger Jahren, als Rosa Domaschke am Leipziger Literaturinstitut studierte und sich - in subtiler Mimesis an ihre spachliche Herkunft - in die Dichterin Domascyna verwandelte. Seither vagabundiert sie als literarische "Landstreicherin über Traditions- und Sprachgrenzen hinweg" (Gerhard Wolf) - und wechselt mitten im Vers von einer Sprache in die andere.

Über ihren ersten Gedichtband Zaungucker (1991) bemerkte ihr Verleger Gerhard Wolf, hier wirkten manche Zeilen wie aus dem Sorbischen ins Deutsche übersetzt. Dieser sprachhungrige Wechsel zwischen den Sphären ist ja gerade das Erkennungszeichen des Dichters der Zweisprachigkeit, der die Legitimität der Sprachgrenzen in seinen Texten ständig in Frage stellt. Poetische Bilingualität bedeutet aber auch die lebenslange Erfahrung des Fremdseins, des grundsätzlichen Sprachexils, das in keinem besänftigenden Heimatgefühl Zuflucht finden kann.

"Wir sind ein Volksrätsel", hat Domascynas sorbischer Dichterkollege Kito Lorenc einmal lapidar notiert - und diese Rätselhaftigkeit des Sorbischen hat sich auch als Leitmotiv in die Texte Róza Domascynas eingeschrieben. In ihrem Gedicht Triangel regional, das in ihrem jüngsten Band selbstredend selbzweit selbdritt (1998) zu finden ist, spricht das lyrische Ich von der unaufhebbaren Fremdheit nicht nur des eigenen Namens, sondern auch der Physiognomie und des körperlichen Habitus. Der Text setzt ein mit dem Eingeständnis der prinzipiellen Unzugehörigkeit: "Ich gehöre nicht wirklich dazu". Dann folgen programmatische Sequenzen über die lautliche Exotik des Namens "Domascyna", der sich mit "Häusler" übersetzen ließe: diese kschtschrschkombination in meinem namen/ hat man hier nicht/ und habe ich nicht auch schrägstehende augen/ eine etwas verlängerte nase/ ein fliehendes/ kinn/ ich könnte mich freilich/ Häusler Hausmann Hauser nennen/ dann wären die augen wie sie sein sollen/ oder ich könnte mich ausschließlich / Keschroschasch nennen/ dann wäre die schrägstellung wie sie sein muss... Die Gedichte der Róza Domascyna stehen in denkbar weitester Entfernung zur sorbischen Heimatfolklore und zu allen naiven Versuchen, in den "jenseitigen Dörfern" der Lausitz (Kito Lorenc) ein idyllisches Paradiesgärtlein zu verorten. Dagegen sind es immer wieder vokabuläre Reize, fremde Laute, bizarre Wörter-Funde, an denen sich die poetische Phantasie der Dichterin entzündet und ihr Nomadisieren zwischen den Sprachwelten in Gang setzt. Wie ihre Dichterfreunde Kito Lorenc und Benedikt Dyrlich hat sie Variationen auf ein Rätselgedicht des sorbischen Klassikers Jurij Chezka geschrieben: "Variationen zum grünen zet" ("Zelene Zet"). Während hier aber nur ein Buchstabe der sorbischen Sprache, das "z" zum Anlass einer poetischen Abschweifung wird, erfindet sich Róza Domascyna in ihrem Gedicht "wortall" ihre eigene lyrische Schöpfungsgeschichte. Auch dieses Gedicht überschreitet konsequent die Sprachgrenzen, erprobt die Parallelführung und die symbiotische Koexistenz des Sorbischen und des Deutschen. Etymologisch verwandte Wörter aus beiden Sphären werden in spielerischer Manier durchbuchstabiert - dabei entstehen im Niemandsland des poetischen Zwischenraums auch neue Wörter einer Kunstsprache: atest a avenue/ bomy die bäume im baumeln/ der blätter w bubnjowanju bebend/ die bettelsmannlaus schlec bidens tripartitus...

So bahnt sich die onomatopoetisch beflügelte Rede ihre mäandrierende Bahn, und es lassen sich in diesem sprachobsessiven Assoziationsspiel durchaus Ähnlichkeiten zu den poetischen Verfahrensweisen des polyglotten Sprachzauberers Oskar Pastior finden. Wie bei Pastior stellen sich aber bald Anzeichen von lyrischer Materialermüdung ein, wenn die Domascyna ihre deutsch-sorbische Wörterwelt in seriellen Techniken aufrufen will. Da kommt es dann zu lyrischem Leerlauf, endlosen Wiederholungsreihen, die in einer Art Fleißübung (zum Beispiel im Gedicht "unterm doppelstern" mit seinen endlosen "Doppel"-Wortbildungen) vorgeführt werden.

Wenn umgekehrt die Domascyna gefühlszentrierte Körper- und Liebesgedichte ausprobiert, wie in einigen Texten aus der zweiten Abteilung von selbstredend selbzweit selbdritt, dann kommt es zu keinen vokabulären Reibungsprozessen mehr, aus denen sich sprachspielerische Funken schlagen ließen. Dann herrscht die schiere Konventionalität. Wo aber die Dichterin die Wörter aus ihren nationalsprachlichen Verankerungen löst und sie in ihr poetisches Zwischenreich der vokabulären Unruhe entführt, in dem staunenswerte poetische Metamorphosen stattfinden, da präsentiert sie sich als Autorin von europäischem Rang. Nomadisierend in ihrem sorbischen Wortall, bewegt sich die Domascyna dann "quer durch die ganze grammatik", um immer wieder aus unseren blinden Sprachroutinen und Kommunikations-Begrenzungen auszubrechen: ich soll mit demut das wort salschik sprechen?!/ mein inventar wird das genüg dir brechen.

Bücher von Roza Domascyna:

Zaungucker. gedichte texte. Janus Press, Berlin 1991. 96 S., 19,80 DM

zwischen gangbein und spielbein. gedichte texte. deutsch und sorbisch. Janus Press, Berlin 1995. 128 S., 24,- DM

Der Hase im Ärmel. Sorbische Märchen aus Spreewald und Niederlausitz. Janus Press, Berlin, 112 S., 24,- DM

selbstredend selbzweit selbdritt. gedichte texte. Janus Press, Berlin 1998, 96 S., 25,- DM

00:00 23.03.2001
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