Ihr Blinden, setzt die Brille auf!

Russland Es gibt ein anderes Moskau: bunt, modern und experimentierfreudig. Man findet es in Galerien und Theatern

Die nach hinten ansteigende riesige Bühne ist unaufgeräumt, Kabel und Requisiten liegen herum, mittig links klafft ein riesiges Loch, Arbeiter und die Inspizientin werkeln herum. Hunde aller Arten und Rassen werden auf die Vorderbühne gebracht, große und kleine, freundliche, imposante und bärbeißige – Jagdhunde der erlesensten Sorte, der Stolz jedes russischen Jägers aus dem 19. Jahrhundert. Das Publikum ist entzückt, Wes Anderson hätte seine Freude gehabt! Ein kerniger Typ in dreckigen Jagdstiefeln beginnt vom russischen Landleben vor über 100 Jahren zu erzählen. Aber was für ein Anachronismus?! Seine gesteppte Wattejacke trugen einst sowjetische Lagerhäftlinge, später Oppositionelle. Dann steht ein drolliges Mädchen in Hundemaske dazwischen, plötzlich sind echte Schäferhunde da und jagen das Mädchen, bis es in das klaffende Loch springt. Kaum sind die Wachhunde verschwunden, klettert es wieder heraus.

Regisseur und Bühnenbildner Dmitrij Krymov hat mit Mu-Mu (eine freie Adaption nach Ivan Turgenews Novelle Mumu und den Aufzeichnungen eines Jägers) ein furioses Werk entworfen. Es zeigt nicht nur alle Möglichkeiten des Schöpferischen auf, sondern ebenso der Zerstörung – in der Kunst, in der Geschichte und im Leben. Gespielt als offenes, nacktes Theater im Herstellen von unglaublich schönen Bildern und deren Demaskierung als Illusion. Freilich setzen manche Anspielungen auf das Leben in Russland und der UdSSR besondere Kenntnisse voraus, wie die idyllische Szene aus Turgenews Bezhin-Wiesen, als ein weißer Pferdekopf aus dem Dunkel am Lagerfeuer auftaucht. In neuer Beleuchtung wird er zur Metapher des Todes: Der Pferdekopf wird als Requisit bis aufs Gerippe entblößt – die von Turgenew besungene Landschaft im Gebiet Tula verwandelte die deutsche Wehrmacht in ein Massengrab. Doch Kenntnisse hin oder her – die Fragilität des Lebens, der Freiheit und der Kunst wird von allen Zuschauern rezipiert, ob bewusst oder unbewusst.

Merkt euch das!

Regisseur Krymov nennt Mu-Mu eine Commedia dell’arte. Groteske, provokante Details finden sich zuhauf wie immer in seinen Arbeiten. Mumu ist kein Hündchen, sondern ein freches kleines Mädchen, Nichte des Erzählers, der Schönes im Theater erschaffen will. Sie will mitmischen und alles ausprobieren, schießt mit dem Jagdgewehr, uriniert auf die Bühne, stört die Erwachsenen.

Wir befinden uns im Moskauer Theater der Nationen, einem unter Denkmalschutz stehenden Schmuckkasten, in dem sich diese wichtigste Premiere der Saison als furioser Balanceakt zwischen Kunst und kunstvollem politischen Widerstand entpuppt. In diesem hochdotierten föderalen Theater schlug 2009 nach der Restaurierung Wladimir Putin persönlich den ersten Nagel in die Bretter, die die Welt bedeuten. Establishment und Opposition in einem Haus, das gibt es vielleicht nur in Moskau, wo so vieles unter einen Hut zu bringen ist.

Zwischen dem Kreml, der Businesswelt von Moskau-Stadt und den riesigen Neubau- und Gewerbegebieten an der Peripherie gibt es die alte Stadt, von der nicht nur das Arbat-Viertel zu entdecken ist. Im Zentrum, nahe der Christ-Erlöser-Kathedrale, kann der Besucher in zwei Straßen, Prestizhenka und Ostozhenka, den spannendsten Eklektizismus entdecken, über 100 Jahre Architekturgeschichte in Bauten, die meist in den 1990er Jahren rekonstruiert wurden: Herrenhäuser im klassizistischen Stil (darunter das Stadthaus von Lew Tolstoi) und im russischen Jugendstil, ein altes Kloster, Elemente des Konstruktivismus, sozialistischer Plattenbau bis zu fantasievollem Freistil. In der Ferne grüßt einer der gigantischen Zuckerbäckertürme, die unter Stalin errichtet wurden.

Es gibt das schrille Moskau, das sich an den Wochenenden in wilden Rockbands auf der Straße austobt und während der Fußball-WM als Zugabe Kalinka-Malinka-Folklore und Matrjoschkas für die Fußballfans aufgetischt hat. Es gibt den schreienden neosowjetischen Kitsch, der die schönen alten Parks mit künstlicher Dekoration verschandelt, von grell gefärbtem Mulch im Winter, rosa Sakura-Bäumchen aus Plastik im Frühjahr bis zu künstlichen Weiden im Sommer.

Der Aufschrei aus Künstlerkreisen gegen die Verschandelung der Stadt verpufft erfolglos. In den fünf Jahren unter Bürgermeister Sobjanin wurde Moskau darüber hinaus von unzähligen Kiosken und wilden Ständen auf Plätzen und in Fußgängerunterführungen gesäubert, die an östliche Bazars erinnerten. Neben den vielen großen Einkaufszentren und Supermärkten breitet sich eine gediegene Kette von MosGorTorg-Filialen (Moskauer Städtischer Handel) aus, von denen man munkelt, Eigentümer sei das Stadtoberhaupt persönlich, natürlich eine bloße Vermutung.

Auch „bloß eine Vermutung“ ist, dass der Korruptionsprozess gegen den Regisseur Kirill Serebrennikow, künstlerischer Leiter des Gogol-Centers und des experimentellen „Siebten Studios“, sowie die finanziell Verantwortlichen, die vor einem Jahr verhaftet wurden und seitdem unter Hausarrest stehen, mit Fußfessel, Kommunikations- und Arbeitsverbot, ein Stellvertreter-Prozess ist. Bloß, für wen? In den letzten 15 Jahren floss reichlich Geld in die Modernisierung zahlreicher Moskauer Theater, neue Projekte wurden großzügig finanziert. Doch die progressiven Kulturchefs „wurden gegangen“, und der Hahn wird zugedreht. Wie sagt man hier? Man beißt nicht in die Hand, die einem das Futter reicht. Merkt euch das! Wie der Prozess um die Angeklagten des „Siebten Studios“ auch ausgeht – die Wahrheit wird im Dunkeln bleiben. Denn man sieht nur die im Lichte. Brecht hat es gewusst, auch seine Nachkommen.

Alle preisgekrönten Theatermacher appellierten bei der „Goldenen Maske“, der Verleihung des größten Theaterpreises, die im April im Bolschoi-Theater stattfand und live im Fernsehen übertragen wurde, unüberhörbar an die Regierung, die Kollegen vom „Siebten Studio“ freizulassen. Einhellig wurde der Spezialpreis der Jury dem gebeutelten Gogol-Center verliehen. Wer behauptet, in Moskau sei Widerstand verstummt, der irrt.

Kleine, helle Inseln

Anfang Mai zogen junge Russen durch die Großstädte und protestierten gegen die Machtspitze unter dem Motto: „Er ist uns kein Zar“. Sie wurden verprügelt und eingesperrt. Viele kamen als überzeugte Menschenrechtler wieder heraus. Es heißt, die Macht fürchte nichts so sehr wie unüberschaubare Massendemos, aber ändert es etwas an der derzeitigen Politik, wenn in einer 15-Millionen-Stadt Zehntausende auf die Straßen gehen? Ändert es etwas, wenn begabte, gut ausgebildete Künstler Funken entfachen und hundert Zuschauer im Saal sitzen?

Es gibt ein anderes Moskau, das nicht an der Oberfläche zu finden ist und unabhängig vom Massenpublikum lebt. In Kunstgalerien, Museen oder Klöstern, in Theatern und Konzertsälen. Es war schon immer da, man muss es nur suchen: Kleine, helle Inseln in der Großstadt, die ihr Licht aussenden. Wie auf der kleinen Spielstätte des Theaters Fomenko am Ufer der Moskwa. Die gerade frisch diplomierte Regie- und Schauspielklasse aus der Meisterwerkstatt von Professor Oleg Kudryashov am GITIS, dem Staatlichen Institut für Theaterkunst, wurde hierher eingeladen, um eine ungewöhnliche, stets ausverkaufte Vorstellung zu zeigen: Begegnungen. Erzählt wird von Künstlern während der 1920er Jahre, der Periode mit den größten Freiheiten in der jungen Sowjetunion. Die Zuschauer erleben über drei Stunden Poesie und Musik, wollen immer noch bleiben und mit den Figuren weiterfeiern. Auf der Bühne wird ein virtuoses Feuerwerk der Kreativität, des Witzes und der Schauspielkunst abgebrannt. „Ihr Blinden, setzt die Brille auf! Die ganze Welt ist Experiment. Und du im Experiment bist auch – ein tanzender Moment“, dichtete Anna Barkova. Wer bitte? Vielleicht haben wir von Alissa Koonen und ihrem Mann, dem Theatererneuerer Alexander Taïrow, gehört, und vielleicht kennen wir Daniil Charms, Alexander Wwedenski oder Nikolai Sabolozki, doch Anna Barkova, Olga Bergholz, Vera Inber oder Alexei Krutschonych? Russische Poeten, Futuristen, Konstruktivisten und ihre Musen? Inszeniert hat die bezaubernden acht Episoden der Begegnungen Swetlana Zemljakova, Regisseurin am GITIS.

Fast gewalttätiger Tanz

Wenn man inhaltlich zu den Protagonisten nur ein wenig recherchiert, wird der politische Kontext dieser Arbeit deutlich: Alle Künstler, an die erinnert wird, sind unter Stalin verboten, inhaftiert, zerstört, oft ermordet worden. Und heute vielfach vergessen. Und dennoch gibt es keine Larmoyanz, keine Anklagen, keine Sentimentalitäten. Swetlana Zemljakova hat die Fähigkeit, durch das Prisma der Liebe auf Menschen und Figuren zu blicken.

Am Wachtangow-Theater sieht der Zuschauer in ihrer Arbeit Sergejev und das Städtchen (nach der Prosa von Oleg Sajonkovskij) Kleinstadt-Szenen aus dem heutigen Russland. Alltägliches und Randständiges ersteht auf der Bühne komisch, liebenswert, sehr musikalisch. Mit präzisem Handwerk und wenig Beiwerk verwandeln sich die Spieler in ihre Figuren. Wie auch in Zemljakovas Arbeit Auf dem Gras des Hofes nach der Erzählung von Asar Eppel, die schon länger zum Repertoire des Majakowski-Theaters gehört. Man möchte mit den Figuren weiterleben, so liebenswert, witzig und farbig erstehen sie. Ein Pud Liebe, würde Anton Tschechow sagen. Ach!

Die Arbeiten der Regie- und Schauspielklassen am GITIS sind traditionell ein Geheimtipp. In der schönen alten Villa im Moskauer Zentrum, wo im Treppenhaus die Großen des russischen Theaters auf alle herablächeln, drängeln sich vor Aufführungen die Besucher. Dort setzt die angehende Regisseurin Polina Zolotovizkaja mit leichter Hand, unaufdringlicher Komik, liebevollem Blick auf Sehnsüchte und Macken von skurrilen Migranten und urständigen Berlinern das deutsche Stück Regen in Neukölln in Handlung um. Und es stellt sich heraus, dass sich die jungen Moskauer und Neuköllner Berliner ohne Probleme verstehen. Da wagt sich ein junger Regisseur an Kafkas Das Schloss, lässt die beklemmende Anonymität der Macht für das Individuum K und für den Zuschauer im Saal mit Hilfe von starker Bildhaftigkeit und präziser Figurenführung spürbar werden. Auch Kafka ist den Russen nur zu gut verständlich – die Kluft zwischen Machthabern und Volk war schon immer groß.

Freie junge Menschen stören die Mächtigen, auch in der Kunst, das zeigt Dmitrij Krymov in Mu-Mu deutlich. Die zickige greise Chefin eines Filmteams, die immer wieder die Theaterhandlung unterbricht, will Mumu weghaben. Da nimmt der taubstumme Bühnenarbeiter mit seiner übergroßen Skeletthand das Mädchen und wirft es in die riesige Grube. Diesmal klettert es nicht mehr heraus. Und nachdem die hin und wieder über die Bühne flatternde Sängerin Pauline Viardot – Turgenews Freundin – den Erzähler in fast gewalttätigem Tanz aus der schäbigen Wattejacke in einen Frack gezwungen hat, beide im Gegenlicht die Bühne verlassen und wir wieder im 19. Jahrhundert angekommen sind, erscheint auf einer großen Leinwand ein YouTube-Video. Darin schmalzt sowjetisches Militär in ordensklirrender Uniform mit einer blutjungen Solistin ein Lied von Mumu, vom Tod des armen Hündchens. Der Schock fährt mir in alle Glieder.

Ruth Wyneken ist als Slawistin, freie Autorin und Dramaturgin mit dem Schwerpunkt Russisches Theater tätig

06:00 26.07.2018

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