Ihre Stimme ließ Gläser zersplittern

Jubliäum Heute wäre Carola Neher 120 Jahre alt geworden. Ein Versuch, die große Schauspielerin und Sängerin zu rühmen, die in den 1920ern das Pech hatte, schön zu sein
Ihre Stimme ließ Gläser zersplittern
Carola Neher 1931

Foto: imago images/ZUMA Wire

Am 2. November 2020 ließe sich der 120. Geburtstag von Carola Neher feiern. Nicht den der Königin von Berlin, wie der Roman von Charlotte Roth sie im Titel adelt und als „Muse von Bertolt Brecht“ neu zu entdecken meint. Ich will auch nicht ihres „tragischen Schicksals als Opfer des Stalinismus“ gedenken. Mein Versuch gilt der großen Schauspielerin und Sängerin, die das Pech hatte, schön zu sein. In einer patriarchalischen Gesellschaft, noch dazu in einer Zeit, als über den Film und die Unterhaltungsindustrie der „Star“ geboren wurde, galt die Übereinkunft: Eine schöne Frau muss nichts können, um eine erfolgreiche Schauspielerin zu werden. Sie sollte nur die „richtigen“ Männer kennenlernen.

Die boten sich an. Lion Feuchtwanger klebte ihr 1923, gleich beim ersten flüchtigen Treffen in München, das äußerst haltbare Etikett „eine kleine, nette Hur!“ an und empfahl sie als solche seinem Kumpanen Brecht. „Die Liebe soll sehr groß gewesen sein, aber weder ist bekannt, wann sie beginnt, noch, wie sie endet“, so schlägt Karin Wieland das Kapitel über die „polygamen Wesen“ Neher-Brecht auf in Das Geschlecht der Seele (2017) und breitet deren „Affäre im Verborgenen“ kundig aus. Da Carola Neher keinen ordentlichen Platz an Brechts Seite erhalten konnte – der war immer schon irgendwie verheiratet –, schlug sie sich als „Nebengeliebte“ durch. „Frauen nutzte Brecht nicht nur für seine immense Textfabrikation schamlos aus, er verschlang sie auch im und neben dem Bett“, lautet das Fazit eines Rezensenten zu Roths Buch.

Die Nachreden halten sich hartnäckiger als ihre Korrekturen. Zum wichtigsten Ereignis in Carolas Künstlerinnen-Leben geriet sinnigerweise der Triumph, an dem sie nicht mitwirkte: die Uraufführung der Dreigroschenoper am 31. August 1928. Der legendäre Kritiker Alfred Kerr erinnerte sich zwar beim Stimmklang einer der Huren an Carola Neher („Die war sehr, aber sehr gut“), sie selbst jedoch hatte die Hauptrolle der Polly „geschmissen“, weil ihr Mann, der Dichter Klabund, im Sterben lag: „Sie fiel aus“, heißt es. So schlug der potenzielle Höhepunkt ihrer Karriere um in einen Abgrund ihres Lebens. Die Gerüchte um ihren Ausstieg und ihre angebliche Sexbessenheit sollte sie nicht loswerden. Die Anzahl der Legenden ist immens. Die Realien sehen anders aus.

Für eine „gehobene“ Banklehre bestimmt

Geboren wurde sie als Katharina Karoline Neher am 2. November 1900, als Tochter eines Musikanten und einer Weinhauswirtin, Hirschgartenallee 33, in München (in ihrem Reisepass stand das Geburtsdatum: „3.11.1905“). Obwohl sie mit Lispeln beschlagen, vom Vater für eine „gehobene“ Banklehre bestimmt und in einem katholischen Mädchengymnasium auf Untertanengeist getrimmt war, widersetzte sie sich und ging eigene Wege. Sie trainierte sich den Sprachfehler ab und bildete dabei ihre gläsern klirrende, schneidende Stimme aus. Sie trimmte ihren Körper, wie sie in ihrer Sportbiographie formulierte, mit Eisbrocken „Tous les sports d’ete et d’hiver“ und erhielt sich so ihr „androgynes“, altersloses Erscheinungsbild. Sie bestieg 1926 vor seiner Einweihung den Berliner Funkturm, um das neueste Symbol männlich-technischer Potenz zu schleifen. Alle Finessen, die sie auf der Bühne und im Leben für ihre Vor-Führungs-Kunst benötigte, brachte sie sich selber bei, damit die Grenzen zwischen Realität und Imagination im traumtanzenden Babylon Berlin sichtbar blieben. Und sie beschloss, dem auf Revue getrimmten Publikum eben das zu verweigern, wonach es am meisten gierte: „weibliche Reize“ und Illusionen.

Dass es ihr gelang, die Aufmerksamkeit auf ihr Spiel zu lenken, bewies die erste namhafte Kritik, als sie 1923 in München an den Kammerspielen mit Frank Wedekinds Die Kaiserin von Neufundland ausgerechnet in einer Pantomime auftrat. Die Kritik sah nicht die schöne Darstellerin, sondern ihre „in ihrer Gegensätzlichkeit zwingend wirkende Leistung“. Dabei blieb es in ihrer von ihr selbst inszenierten Laufbahn: vom Beginn in Baden-Baden in 32 Nebenrollen in 22 Stücken (bis 1922/23), über Nürnberg nach Breslau (mit Therese Giehse und Peter Lorre; 1924/1925) hin zu ihrem Triumph in Klabunds Kreidekreis (Januar 1925) und ihren Ruf ans Burgtheater Wien (1927), um schließlich in Berlin (1928) ihre „magische Anziehungskraft“, wie die Illustrierten schrieben, mit Komödien fröhlich-spielerisch umzusetzen. Dann ereilte sie ihr „Schicksal“ im Exil der Sowjetunion, das kein Schicksal war, sondern Terror und Mord: vorsätzlich getötet durch Typhus im KZ Sol-Ilezk bei Orenburg.

Alfred Polgar, der bekannte Kritiker und Schriftsteller, verfolgte Nehers Engagement an der Wiener Burg und betonte ihre „geschmeidige Anmut“, „ihre Klugheit, ihren körperlichen Humor“ und den „Mutterwitz ihrer Bewegung“ (1927). An den Münchner Kammerspielen brillierte sie in der Titelrolle von Kukuli an der Seite von Giehse und Heinz Rühmann. Der Kritiker der Allgemeinen Zeitung brach in überschwängliche Lobeshymnen aus: „Kukuli ist Carola Neher […] – in München aufgewachsen – auf Umwegen über Wien und Berlin zur Berühmtheit gekommen – nun leuchtender Stern am Theaterhimmel. // Und der Stern leuchtet in der Finsternis. // Und ein Stern bezwang mit Leuchtkraft und blühendem Farbendurcheinander ein Publikum […] – und man fühlte die Intensität einer Künstlerin – feinnervig, voller Temperament, Rasse in jeder Bewegung ihres schlanken Körpers, Geste gebändigt von kultivierter Beherrschtheit – mitreißend in leidenschaftlichen Ausbrüchen – mit Augen einer Kindergläubigkeit.“

Ihr „Hoppla!“ fraß sich in den Ohren der Kritiker fest

Zu einem Star passte jedoch nicht, dass Carola 1925 den unscheinbaren, deutlich vom Tod gezeichneten Klabund heiratete, mit ihm ein bürgerliches Leben begann und dieser es verstand, mit Stücken und Gedichten beide in der Öffentlichkeit als Künstler-Vorzeige-Paar effektiv zu vermarkten. Carola wurde die „Gattin des Dichters“, setzte ihre Arbeit geradezu obsessiv fort und blieb erfolgreich. Das konnte nicht gut gehen. Also entspannen sich Geschichten um sie mit Brecht, der sie als Darstellerin des epischen Theaters benötigte, aber noch 1928 nicht wusste, wie alt sie war. Die spärlichen „Belege“, das Gedicht Das Waschen sowie die Grabrede für CN, entstanden während der Proben zur Dreigroschenoper, taugen nicht einmal als Indizien für eine Liebesbeziehung.

Es gibt ganz andere Zusammenhänge: die Neher im Radio. Nachgewiesen sind 1925 und 1926 mindestens drei Sendungen, in denen Carola satirische Texte, Fernöstliches und vor allem Lieder von Klabund vortrug – und parallel dazu die vom jungen Brecht. Die bekanntesten Lieder Brechts, deren Kompositionen heute ausschließlich unter der Firma Kurt Weill laufen, sind von Klabunds frühen Villon-Gesängen angeregt und erhielten ihre gültige Interpretation durch das Gläser zersplitternde Organ der Neher: Der Barbarasong und Die Seeräuberjenny nach Melodien von Brecht.

Beide Lieder – wie auch die Mahagonnygesänge – lagen spätestens bis Ende 1926 vor, als Weill von Brecht noch nichts ahnte. Weill war es jedoch, der auf die Spur kam und später für sich zu nutzen wusste. Als Redakteur der Zeitschrift Der Deutsche Rundfunk hatte er die Silvester-RevueLarifari … 1926zu besprechen und stieß auf „das vorzügliche Jenny-Lied von Bertolt Brecht“, vorgetragen von Carola Neher. Ihr schrilles „Hoppla!“, mit dem sie die Köpfe der Herrschenden rollen ließ, fraß sich in den Ohren der Kritiker fest. Es war die Stimmlage, die Kerr im Gesang der Hure hörte und die Lotte Lenja, angetrieben von Weill, mit durchschlagendem Erfolg nachzuahmen wusste, sodass sie am Ende die legendäre „Seeräuberjenny“ wurde und nicht CN.

Ein Haufen Egozentriker

Dass Carola die ihr von Brecht zugedachte Paraderolle der Polly schmiss, lag nicht daran, dass Klabund am 14. August 1928 starb. Als sie von seinem Grab sofort aus Davos nach Berlin zu den Proben zurückkehrte, traf sie auf einen Haufen wildgewordener egozentrischer Künstler und einen tobenden Theaterbesitzer, der rücksichtslos auf der Premiere am 31. bestand. Dazu musste sie sich ihre Villon-Lieder in Weills Arrangements anhören. Sie hallten in ihren Ohren wider wie zynische Kommentare des geliebten Toten. Als sie dann noch gezwungen werden sollte, auf ihren Schrill-Ton zu verzichten, um Polly mädchenhafter auszurichten, sah sie ihre Kunst verraten und stieg aus.

Carola Neher übernahm ab dem 9. Mai 1929 doch noch die Rolle der Polly. Brecht hatte ihre Lieder neu arrangiert. Sie spielte sie en suite vor stets ausverkauftem Haus bis zum Ende der Saison: „hinreißend-liebe, zaubersüße, volkseinfache Menschenblume“, schwärmte Alfred Kerr. – Erst jetzt bemerkte Kerr auch die Villon-Plagiate Brechts. Er war es, der Klabund 1913 für seine Zeitschrift Pan, Rubrik: „Fortgeschrittene Lyrik“, entdeckt hatte.

Jan Knopf ist Leiter der Arbeitsstelle Bertolt Brecht (ABB) am Karlsruher Institut für Technologie

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

11:41 02.11.2020

Ausgabe 08/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 5