Im Bett mit Hitler

Aids-Kampagne Die "Aids ist ein Massenmörder-Kampagne" spaltet die Öffentlichkeit. Heiligt der Zweck die Mittel oder ist es ein krawalliger Tabubruch? Interview mit den Machern

Der Freitag: Herr Silz, Sie haben mit der Agentur 'Das Comitee' die Kampagne entwickelt und wollten schockieren. Können Sie verstehen, dass die Plakate, das Video oder der Radiospot auch abstoßend wirken können?

Dirk Silz: Das Motiv sollte schocken. Man soll nachdenken. Vielen ist nicht bewusst, dass tatsächlich schon 28 Millionen Menschen an Aids gestorben sind. Täglich sterben etwa 5.000 Menschen. Und der Trend geht ja verrückterweise wieder zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr. Wenn man solche unglaublichen Zahlen im Kopf hat, dann wird man der Sache nicht gerecht, wenn man es macht, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in einer ihrer letzten Kampagnen und mit Gemüse für das Thema wirbt.

Wie kamen Sie ausgerechnet auf Hitler, Stalin und Saddam Hussein?


Wir haben überlegt, welches Gesicht würde das Virus haben, wenn es ein Gesicht hätte. Und angesichts dieser hohen Zahl sind wir auf die Diktatoren oder Massenmörder gekommen.

Warum gerade diese drei?


Ich wüsste nicht, wer mehr Menschen auf dem Gewissen hätte.

Wie wäre es mit Mao?


Den kennt ja hierzulande keiner.

Was wollen Sie mit der Massenmörder-Kampagne erreichen?


Wenn nur ein Drittel der Menschen, die auf unsere Seite klicken, sich auch die Infos über Aids anschaut, die dort nachzulesen sind, dann wäre schon viel erreicht. Oder wenn nur 10 Prozent etwas spenden würden für Regenbogen e.V. oder für die Aids-Hilfe in Afrika.

Auf welche Reaktionen sind Sie gestoßen?


Wir bekommen Mails von Lehrern, die unsere Plakate anfordern, um sie im Unterricht als Diskussionsgrundlage zu verwenden. Wir bekommen auch Zustimmung von HIV-positiven Menschen. Sie sagen uns, dass man die Krankheit nicht ernst genug nehmen kann.

Kann man nur noch Aufmerksamkeit erreichen, indem man einen extremen Tabubruch vollzieht?


Wenn ein Thema so dringend ist, dann darf man das schon. Der Zweck heilig hier die Mittel.

Aber es gab doch auch Widerspruch?


Die Kritik wundert mich. Als wir die Kampagne zusammen mit Regenbogen e.V. entwickelt haben, saßen auch HIV-infizierte Menschen mit am Tisch und haben darüber entschieden. Es gab ja auch alternative Vorschläge, aber alle wollten diese Kampagne. Sie fanden das nicht verletzend.

Immerhin wurde ihr Video gerade auf Youtube gelöscht.


Youtube musste das aufgrund der internationalen Verbreitung des Clips machen. Unsere Kampagne wurde schon in über 150 Ländern angeklickt. Im arabischen Raum darf man keinen Busen zeigen. In Deutschland wäre es kein Problem. Und wissen Sie, wer von Youtube runter genommen wird, der landet auf den Handys der Schüler. Das ist der eigentliche Ritterschlag. Die Werbung landet dort, wo sie hin soll, bei den Jugendlichen.

Das Gespräch führte Marcus Engler

Dirk Silz, Geschäftsführer Text bei der Hamburger Werbeagenur ist einer der Macher der umstrittenen "das comitee", HIV-Aufklärungskampagne Aids ist ein Massenmörder

Die Kampagne wurde im Auftrag des entwickelt.Vereins Regenbogen e.V.

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10:30 12.09.2009

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