Im Unterlauf des Mainstream

Lautes Jammern und Rocken Wer den Kampf gegen die Britneys gewinnen will, darf seine Ideale nicht verraten

Es gibt Menschen, die lieben es, wenn jemand brüllt. Es gibt Menschen, die lieben es, wenn plötzlich jemand in gefühlvolles Jammern verfällt und dazu von schreienden Gitarren begleitet wird. Es gibt Menschen, die lieben Rockmusik. Denn Rockmusik ist laut.

Und wer laut ist, hat einen Hang zu Aggressivität. Aber manchmal bleibt es nicht dabei, dass sich Rockbands auf der Bühne die Kehle aus dem Leib brüllen oder das Schlagzeug verprügeln. Manchmal richtet sich Gewalt gegen die eigene Musik. Ein Beispiel sind die Smashing Pumpkins, denen ihr 1995er Album Mellon Collie And The Infinite Sadness zum Durchbruch und außerdem zu sieben Grammys bei den MTV-VideoMusicAwards verhalf. Die "Kürbisse" lösten sich 2000 schließlich mit dem Kommentar auf, "im Kampf gegen all die Britneys" am Ende ihrer Kräfte zu sein. Manche Rockbands scheitern an dem Konflikt, den Idealen, die sie mit ihrer Musik verfolgen, und gleichzeitig den Ansprüchen der Musikindustrie gerecht zu werden.

Was sind das für Ideale? Authenzität und Kontinuität zum Beispiel. Rockbands wollen außerdem ein Publikum gewinnen, mit dem zusammen gerockt werden kann. Denn Rockmusik soll Spaß machen, aber nicht nur. Sie drückt auch das aus, was hinter dem Horizont einer Spaßgesellschaft liegt: Ängste, Frustrationen. Und Aggressionen. Vor allem aber wollen die Musiker ernstgenommen werden, von anderen und besonders von sich selbst.

Problemlos ist das wohl, wenn Bands einen geringen Bekanntheitsgrad genießen: Sie treten in kleinen Clubs auf, haben vielleicht einen Vertrag beim ortsansässigen Independentlabel und tun - besonders musikalisch - was sie wollen. Aber wenn plötzlich EMI oder EPIC am Proberaum anklopfen, man wenig später einen "Super-Smash-Hit" landet, kommt es nicht selten vor, dass Manager und Promoter ein neues Konzept für die Band entwerfen. Die Musiker finden sich dann als Marionetten wieder, die auf der Bühne ein bestimmtes Image verkörpern sollen. Der Anspruch, authentische Musik zu machen, ist in den Chefetagen der Labels nurmehr ein Argument der Vermarktung.

Eine junge irische Band names JJ72 hat es sich wieder einmal zum Ziel gemacht, ihre Kreativität nicht dem Mainstream zum Opfer fallen zu lassen. Stattdessen wollen sie ihn "infiltrieren und unterwandern", sagt Sänger und Songwriter Mark Greaney. JJ72 begannen 1998 als Schülerband. Schlagzeuger Fergal Matthews habe Greaney angesprochen, ob der nicht mit ihm eine Band gründen wolle, berichtet Matthews in einem Interview. Er habe Greaney nicht gut gekannt, fand aber seine Jacke cool. Schließlich komplettierte Hillary Woods das Trio und übernahm die Rolle am Bass, obwohl sie noch nie zuvor in die Saiten gegriffen hatte. Zwei Jahre später folgte das Debutalbum JJ72, das sich bis heute weltweit über 300.000 mal verkaufte. Der Song October Swimmer dürfte einigen Kinogängern bekannt sein, er wurde auf dem Soundtrack zu dem deutschen Film Wie Feuer und Flamme veröffentlicht.

Das Erscheinen ihres zweiten Albums I to Sky ist nun mit großen Erwartungen verbunden: Es soll sich gut verkaufen, denken EPIC - das Label der "Jay-Jays" - wogegen auch die Band selber wohl nichts einzuwenden hätte. In ihren Augen aber soll es vor allem die musikalischen Ansprüche erfüllen, die sich die Iren selbst gesetzt haben: I to Sky will die Leere füllen, die die Smashing Pumpkins hinterlassen hätten, so Greaney. Zu diesem Zweck wurde der selbe Produzent engagiert, der auch an Mellon Collie - der Erfolgs-CD der Smashing Pumpkins - beteiligt war.

Nameless, der Eröffnungssong, lädt zum Sinieren ein, außer Gesang und Klavier ist nichts zu hören. Man ist geneigt, bei einem solchen Einstieg mit Genuss die Jammerlappen- und "Depri-Musik"-Schublade aufzuziehen, doch Vorsicht. Man fällt zwar bei den folgenden Liedern nicht gerade vom Sofa, lauscht jedoch gebannt. Der Gitarrensound ist gewaltiger als auf dem Vorgängeralbum und besonders die verzerrten Gitarrenparts erinnern tatsächlich an die Pumpkins. I to Sky klingt wacher als die Vorgänger-CD und wirkt differenzierter; sie variiert zwischen klanglicher Sensibilität und lethargischer Aggression. Die Musik von JJ72 sei nicht dazu geschrieben Stadien zu füllen, meint Greaney, sondern eher um den Hörern zu helfen, sich einfach wohl zu fühlen.

In den Texten der Songs spielt der Sänger mit religiösen Allegorien. Ohne zu predigen, sind es Versuche, alltägliche Fragen zu stellen, zum Beispiel "woher der Schmerz rührt, der in uns allen brennt". Die Auseinandersetzung mit Religion ist für den Sänger elementar: "Viele haben Angst über das Thema zu schreiben", dabei sei es besonders seit den Terroranschlägen von New York wichtig, sich mit Religion zu beschäftigen, so Greaney. Die Emotionalität ihrer Musik leidet nicht darunter. Der Sänger hebt hervor, dass das Album optimistischer sei, auch weil in den Texten nicht mehr soviel "lamentiert und beklagt" werde, obwohl die Melancholie an vielen Stellen spürbar bleibt. In charakteristischer Art und Weise senkt der Sänger nach fast jedem Vers die Stimme um den Bruchteil eines Tones - ein Markenzeichen der Band, das die Lager in Freund und Feind spaltet, wie es sich für eine Rockband gehört.

JJ72´s Potenzial liegt nicht nur darin, Rockmusik auf hohem Niveau zu spielen. Bemerkenswert ist vielmehr die Art, wie sie deutlich machen, dass sie für das, was sie präsentieren auch einstehen wollen. Sie haben keine Scheu zu zeigen, dass sie nicht von jedem geliebt werden müssen, um Spaß zu haben. Kompromisslos betonen sie immer wieder, was Rockmusik ist: Nämlich sowohl jammern, als auch "rocken". Vielleicht wird sich ja etwas verändern im Strom der Masse, wenn JJ72 den Sprung in die Top Ten der Charts schaffen - eventuell ringt sich dann Bruce Springsteen zu einem Duett mit Mark Greany durch. Zu einem Medley aus Born in the USA und Nirvanas Hit Smells like teen spirit. Das wäre laut, Rockmusik eben.

00:00 18.10.2002

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