Im Wandel der Zeit

Medientagebuch Von den Frühsozialisten über Karl Marx bis zu Naomi Klein: Wie man sich einen linken Antisemitismus bastelt

Naomi Klein, Autorin weltweit gelesener kapitalismus- und globalisierungskritischer Bücher, hatte unlängst in einem Artikel im Guardian zum Boykott israelischer Produkte aufgerufen. Es sollte so Druck auf die Regierung ausgeübt werden, die Invasion im Gaza-Streifen zu beenden. Die gewaltfreie Taktik des Warenboykotts habe im Fall Südafrika seinerzeit funktioniert.

In der Zeit vom 15. Januar kritisierte Thomas Assheuer diesen Vorschlag. Nicht weil er ihn für wirkungslos hält, sondern für "empörend" und "verblendet". "Zwischen den Zeilen" kommt für Assheuer etwas Monströses zum Vorschein: Er diagnostiziert bei Klein einen "antisemitischen Reflex". Haben wir Deutschen nicht solche Aufrufe schon einmal gehört? Hieß es nicht 1933: "Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!"

Da Assheuer von diesem Fund fasziniert ist, ihn aber nicht weiter belegen kann, biegt er sich die Formulierungen der jüdischen Autorin zurecht: "Naomi Klein, die Heilige Madonna der Antiglobalisierungsbewegung, hat im Guardian dazu aufgerufen, israelische Geschäfte zu boykottieren und den Kauf jüdischer Exportartikel zu unterlassen."

Um die Parole, mit der die Nazis von Juden betriebene Geschäfte belagert haben, in dem Klein-Text wiederzufinden, muss erstens der Begriff "jüdisch "ins Spiel gebracht werden. Also werden aus "israelischen" Waren bei Assheuer nicht zufällig "jüdische" Exportartikel. Dem sprachgewandten Assheuer ist diese Verschiebung so wichtig, dass er sich über die sprachliche Merkwürdigkeit hinwegsetzt.

Zweitens muss in den Aufruf der Autorin das Geschäftsleben hineinoperiert werden, wie es aus Fotografien in Erinnerung ist, auf denen Nazis mit ihrem Boykottaufruf agieren. Assheuer schreckt nicht davor zurück, den Text von Klein schlicht zu fälschen, indem er unterstellt, sie rufe dazu auf, "israelische Geschäfte zu boykottieren." Nicht nur, dass davon bei Klein, die allein die israelische Wirtschaft im Auge hat, nicht die Rede sein kann; die Autorin betont in diesem Artikel eigens: "I am boycotting the Israeli economy but not Israelis" - eine Passage, die in der Zeit verschwiegen wird.

In der Begeisterung über den Skandal hält es den Zeit-Autoren nicht lange bei der Einzelperson Naomi Klein. Er erkennt in ihr nicht eine Soziologin der Antiglobalisierungsbewegung, sondern deren "Heilige Madonna". Durch dieses religiöse Verhältnis kann er ohne die Mühe weiterer Beweisführung zu der Feststellung gelangen, dass die Bewegung "antisemitische Reflexe" zeige, "sobald sie die israelische Regierung im Besonderen oder den Kapitalismus im Allgemeinen ins Visier" nehme. Jovial und wohlwollend gesteht er den Globalisierungskritikern zu, dass sie in diesem Punkt "von allen guten Geistern verlassen" seien. Sie sähen, unbewusst natürlich, im Monotheismus des Geldes den Gott des Judentums und seien damit, wie schon Micha Brumlik erkannt habe, in ähnlicher Weise wie ein Teil der Linken, einem ihr unbewussten Judenhass anheimgefallen. Schon die Frühsozialisten seien davon durchdrungen gewesen, die Kette ziehe sich weiter von Karl Marx bis hin zu Naomi Klein.

Wer geneigt ist, dem Assoziator Assheuer einen schlechten Tag zu konzedieren, wird durch den Jubel irritiert, mit dem sein Zeit-Kollege Jörg Lau den Text aufnimmt und an prominenter Stelle in seinem Blog wiedergibt. Euphorisch hält es Lau nicht bei den Relativierungen und Spezifizierungen Assheuers, ihn drängt es ins Allgemeine. Aus Assheuers "antisemitischen Reflexen" wird dann "der Antisemitismus", aus einem "Teil der Linken" die Linke schlechthin: "Gegen den Antisemitismus der Linken" wirft sich Lau in dem Titel, den er sich zu Assheuers "exzellentem Text" einfallen lässt, in kämpferische Pose.

Mit dem achselzuckenden Seufzer, dass gegen Dummheit kein Kraut gewachsen ist, wäre es getan, wenn dem nicht der Umstand im Wege stünde, dass Thomas Assheuer und Jörg Lau liberale und aufgeklärte Journalisten sind, intelligent und nicht selten humorvoll. Was verführt sie dazu, sich in Schrulligkeiten hinein zu steigern, mit denen uns normalerweise nur Henryk M. Broder nervt? Ist der Antisemitismus in Deutschland nicht ein zu ernstes Thema für solche Ausrutscher? Auch wer der beliebten Strategie "Was steckt dahinter" in Meinungsfragen nicht unbedingt zuneigt, wird sich fragen: Nährt die gegenwärtige Krise unseres Wirtschaftssystems die Angst, die Linke könne in dieser Situation, wie ein Banker sich kürzlich bei Anne Will auszudrücken beliebte, "sich wieder aus ihren Löchern wagen"?

Thomas Assheuer und Jörg Lau sind so schlicht nicht gestrickt; sie beklagen von Zeit zu Zeit gar die Nichtexistenz einer intelligenten Linken im Lande. Das ist nachvollziehbar. Fraglich bleibt, ob eine solche Linke überhaupt zu erkennen wäre mit einem Reflexionsniveau wie dem der beiden journalistischen Seismographen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 23.01.2009

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare