Im weißen Dreck

Independent Brisanter denn je sind die Filme beim Filmfestival Unknown Pleasures #9. Die Tristesse der politischen Lage macht’s möglich

Am 8. November 2016 filmt Kevin Jerome Everson in einem Wahllokal in Charlottesville, Virginia. Das Gebäude liegt in einem afroamerikanischen Viertel am Tonsler Park, einer belebten Grünanlage, die nach Benjamin Tonsler (1854 – 1917) benannt ist, einem schwarzen Lehrer und Schuldirektor, der entgegen herrschenden Segregationsgesetzen Schüler über die 8. Klasse hinaus unterrichtete.

Eversons Konzept ist minimalistisch, der Aufwand gering. Eingerahmt in das Ritual der Vereidigung zeigt Tonsler Park in langen, nahezu unbewegten Einstellungen – und in schön grobkörnigem 16-mm-Schwarzweiß – Wahlhelfer, die Auskunft erteilen, Stimmzettel entgegennehmen, Papiere kontrollieren. Die Kamera ist frontal und in geringer Distanz platziert, ständig verstellen Rückenansichten von Wählerinnen das Bild, manchmal gar ist nur noch eine krisselig graue Fläche zu sehen, mehr Rauschen als sonst was.

Überhaupt gibt es in Tonsler Park weder Übersicht noch „lesbare“ Details (mit Ausnahme des Charlottesville-Schriftzugs auf den Badges der Wahlhelfer). Everson, ein aus Ohio stammender Künstler und Filmemacher, der in seinen rund 100 Kurz- und Langfilmen das Alltagsleben der afroamerikanischen Arbeiterklasse mit den Mitteln des Experimentalkinos umkreist, dokumentiert das Stattfinden gelebter Demokratie, und spezieller: die Partizipation der schwarzen Bevölkerung an der politischen Ordnung (davon gibt es schließlich nicht viele Bilder). Nach den rechtsextremen Aufmärschen in Charlottesville, bei denen ein White-Supremacy-Anhänger mit seinem Auto vorsätzlich in eine Gruppe antirassistischer Demonstranten fuhr, ist der Film zu einer fast monumenthaften Gegenerzählung geworden. Nun ist er im Rahmen des von Hannes Brühwiler kuratierten Berliner Festivals des US-amerikanischen Independent-Kinos zu sehen.

Recherche in Angst

Tonsler Park ist bei der neunten Ausgabe von „Unknown Pleasures“ nicht der einzige Film, der durch die politischen Umbrüche des letzten Jahres eine größere Schubkraft entwickelt. Travis Wilkersons autobiografischer Agitprop-Film Did You Wonder Who Fired the Gun? hatte seine Erstaufführung nur wenige Tage vor den Ausschreitungen in Charlottesville, rückblickend wirkt er wie eine unheimliche Ankündigung.

Wilkerson ist vom Dritten Kino beeinflusst, vor allem von den Filmen des kubanischen Regisseurs Santiago Álvarez, der das Genre der Wochenschau mit einer experimentellen Filmgrammatik revolutionierte. Er ist ein Anhänger der appellativen Filmerzählung und des Manifests (traviswilkersonfilms.com/manifesto).

In Did You Wonder Who Fired the Gun? begibt er sich auf einen Horrortrip in die eigene rassistische Familiengeschichte – und in eine Gegenwart, in der sich die Idee von weißer Vorherrschaft nahtlos fortgesetzt hat. Wilkersons Politik ist so ziemlich das Gegenteil etwa von Kathryn Bigelows liberaler Agenda in Detroit. Anstatt sich ein Kapitel schwarzer Geschichte anzueignen, begibt er sich tief hinein in den weißen Dreck („This isn’t another white saviours’ story ... this is a white nightmare story“).

1946 erschoss S. E. Branch, Wilkersons Großvater und ein glühender Rassist, in einer Stadt in Alabama den Schwarzen Bill Spann. Wilkerson fährt in den Süden, sucht den Tatort auf, er spricht mit Familienmitgliedern und Zeitzeugen, darunter Ed Vaughn, ein schwarzer Bürgerrechtsaktivist, der nicht nur an andere Fälle rassistischer (und sexueller) Gewalt erinnert, sondern auch an den politischen Aktivismus rund ein Jahrzehnt vor dem Montgomery Bus Boycott.

Als Rechercheprojekt ist Wilkersons Film creepy horror. Ständig tauchen neue Gewaltgeschichten auf, neue Tote, die Stimmung ist überwiegend unterdrückt und ängstlich – oder latent bedrohlich. Nachdem Wilkerson eine Tante kontaktiert hat, die in einer White-Supremacy-Bewegung aktiv ist, wird er von einem Auto verfolgt.

Während es vom (juristisch nicht belangten) Mörder Familienfotos und Super-8-Aufnahmen gibt, ist Spann eine Leerstelle, eine aus der Geschichte radierte Figur, von der nichts bleibt als die Sterbeurkunde. Immer wieder stellt Wilkerson die beiden Figuren gegenüber, verkürzt ihre Biografien auf Oppositionspaare: weiß vs. schwarz, Mörder vs. Ermordeter.

Dass er dabei zu Essenzialisierungen neigt, ist nicht unproblematisch, aber Teil der agitatorischen Rhetorik – ebenso wie das Moment von Wiederholung und Anrufung. Alles spricht: Wilkersons Off-Stimme, die performative, ins Bild hineinschreiende Typografie, die am alternativen Historienfilm mitschreibende Musik (von Janelle Monaés und Wondalands Protestsong Hell You Talmbout bis hin zu Phil Ochs’ Hommage an den ermordeten Briefträger und Bürgerrechtler William L. Moore).

Ein ganz anderer Begriff von Erinnerungsarbeit liegt Michael Almereydas Marjorie Prime zugrunde, einem Sci-Fi-Kammerspiel, in dem verstorbene Angehörige durch holografische Darstellungen wieder zum Leben erweckt werden. Von Almereyda ist außerdem Escapes zu sehen, eine Dokumentation in sieben Kapiteln über Hampton Fancher, den Autor von Blade Runner und Blade Runner 2049.

Escapes ist ein Film mit vielen Schlenkern und Abwegen – und einer großen Sensibilität für das Erzählpotenzial popkultureller Bilder. Anfangs wird Fanchers bewegte Biografie (Bogart-Narr, Flamencotänzer, Schauspieler) nur mit Fotos, Comics und Ausschnitten aus Filmen und TV-Serien bebildert, in denen er mitgespielt hat. Ein längeres Gespräch mit ihm flaniert ohne Rücksicht auf plot points schön vor sich hin und entwickelt dadurch einen besonderen Reiz, dass der Geschichtenerzähler die ganze Zeit über auf einem Gymnastikball sitzt.

Zu den erstaunlichsten Filmen von „Unknown Pleasures“ gehört Columbus, das Debut von Kogonada, einem US-amerikanischen Filmkritiker südkoreanischer Herkunft, der bisher vor allem durch seine Videoaufsätze für Criterion Collection und Sight & Sound aufgefallen ist (vimeo.com/kogonada). Die titelgebende Stadt im Bundesstaat Indiana, bekannt für ihre modernistische Architektur (von Eero Saarinen, Robert Venturi und I. M. Pei), ist Rahmen und Stoff für eine Geschichte über Verlust, Ablösung und das Gefühl von Aufgehobensein durch Gebäude und Räume.

Auch Dustin Guy Defas Person to Person, ein auf 16 mm gedrehter New-York-Episodenfilm, meint mit „Beziehung“ ebenso die Liebe zwischen Menschen und Dingen. Als ein Vinylsammler mit einem falschen Charlie-Parker-Album gelinkt wird, schleudert er nach einer ausgiebigen Verfolgungsjagd (auf einem Fahrrad!) dem Betrüger ein emphatisches Liebesbekenntnis entgegen: „Me, I’ve got music in my heart. I’ve got love for it. I seek it out. I find records, I collect them, I sell them to people who have that same love inside.“

Info

Das Filmfestival Unknown Pleasures #9 läuft vom 12. bis zum 28. Januar im Berliner Kino Arsenal am Potsdamer Platz

06:00 11.01.2018

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