Konrad Ege
Ausgabe 2514 | 25.06.2014 | 06:00 1

Immer am Drücker

1964 In den USA wird Barry Goldwater Präsidentschaftskandidat der Republikaner. Er will eine Atombombe in die Herrentoilette des Kreml werfen und macht auch sonst Alarm

Der Senator war so patriotisch, dass er bei sich zu Hause, in Phoenix, Arizona, Anfang der 60er Jahre eine Fahnenstange mit einem Lichtsensor stehen hatte: Die US-Nationalflagge wurde bei Sonnenaufgang automatisch hochgezogen. Der als Mr. Conservative bekannte Republikaner Barry Goldwater (im Senat saß er 1953 bis 1965 und 1969 bis 1987) stand jedoch so weit rechts, dass er nach Ansicht der Zeitschrift Saturday Evening Post 1964 bei seiner ersten und einzigen Präsidentschaftskandidatur trotz seines Charmes und seines muy macho guten Aussehens keine Chance hatte.

Im Familienalbum der US-Konservativen sind die 60er nicht nur die Zeit der Entrüstung über langhaarige Revoluzzer und respektlose Antikriegsdemonstranten. Damals, heißt es bis heute, sei die moderne konservative Bewegung zusammengekommen, die einen Präsidenten wie Ronald Reagan ermöglicht habe und die derzeit ein Echo in den Glaubensbekenntnissen der Tea Party finde. Als ein Schlüsselereignis gilt Goldwaters radikale Ansprache beim republikanischen Parteikonvent am 16. Juli 1964. Die Partei versammelte sich im Convention Center Cow Palace im kalifornischen Daly City in der Nähe von San Francisco. Der Auftritt brachte ein plattes, in der Partei umstrittenes Bekenntnis zu einem militant starken Amerika, das keine Kompromisse eingeht beim Kampf gegen den Kommunismus. Denn Extremismus bei der Verteidigung der Freiheit, lautet der nach wie vor oft zitierte Spruch, sei kein Laster. Gott habe diese mächtige Republik als ein Zuhause für die Tapferen geschaffen und nicht als Sumpf des Kollektivismus, in dem man sich fürchte vor dem Kommunismus.

Die Freiheit sei in Gefahr, warnte Goldwater, lebe Amerika doch mit dem Zement der Schande in der Berliner Mauer und dem Sand der Schande in der kubanischen Schweinebucht. Selbst die NATO sei gefährdet, das Bollwerk der freien Nationen. Der Republikaner ging locker mit dem Thema Atomwaffen um. Einen Monat vor dem Nominierungskonvent seiner Partei spekulierte Goldwater über einen Atomwaffeneinsatz in Vietnam, eventuell um den Dschungel zu entlauben. Doch würde er nichts dergleichen tun, beruhigte der Kandidat, sollten konventionelle Waffen ausreichen. Die Entscheidung würde er ohnehin kommandierenden Offizieren überlassen. Ein andermal scherzte Goldwater, man müsse eine Atombombe in die Herrentoilette im Kreml werfen. Schon bei den Vorwahlen hatte der innerparteiliche Kontrahent Nelson Rockefeller gefragt, ob einer wie Goldwater denn wirklich den Finger auf dem H-Bombenknopf haben solle.

Eine Erinnerung an den Wahlkampf damals bleibt der Anti-Goldwater-Spot mit dem Mädchen und der Blume. Obwohl nur selten gezeigt, betrachten PR-Fachleute die 60 Sekunden als eine der wirksamsten Botschaften überhaupt. Das Kind, etwa fünf Jahre alt, steht auf einer Wiese, zupft Blütenblätter von einer Blume, zählt von eins bis zehn. Dann eine drohende Männerstimme, die rückwärtszählt auf null: Bei Zero explodiert die Atombombe, und der Zuschauer hört den amtierenden Präsidenten Lyndon B. Johnson: „Entweder wir schaffen eine Welt, in der alle Kinder Gottes leben können, oder es wird Nacht ... Wir müssen einander lieben, oder wir müssen sterben.“ Niemand dürfe am 3. November, dem Wahltag, zu Hause bleiben.

Johnsons Melodramatik hat offenbar die Ängste vieler Menschen außerhalb des „Kuhpalastes“ angesprochen. Die Kuba-Krise mit ihrer akuten Nuklearkriegsgefahr lag knapp zwei Jahre zurück. Der Mord an John F. Kennedy gerade sieben Monate. Der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow hatte den Amerikanern bei einem CBS-Interview versichert: „Ihre Enkel werden auch in Amerika im Sozialismus leben.“ Bemühungen zur Rüstungskontrolle führten im August 1963 zum Vertrag zwischen den USA, der Sowjetunion und Großbritannien über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre – Barry Goldwater war dagegen.

Bei der Wahl Anfang November 1964 bekam der Republikaner dann nur 38,5 Prozent der Stimmen. Vor der Abstimmung hatte die Saturday Evening Post den Kandidaten gefragt, was er fühle beim Gedanken, er könnte vielleicht als Präsident aufwachen. Goldwater schoss zurück: „Um ehrlich zu sein, es erschreckt mich zu Tode.“ Sein Wahlstratege Bill Middendorf brachte ein Rückschaubuch auf den Markt und nannte es Ein glorreiches Desaster. Der Titel sei alles andere als ein Fehlgriff, erklärte der Journalist Rick Perlstein, der sein Buch mit Vor dem Sturm: Barry Goldwater und die Aufhebung des amerikanischen Konsenses überschrieb.

Goldwater und seine Anhänger hatten 1964 bei den Republikanern Aufstand und Umsturz inszeniert. Sie errichteten Fundament und Grundmauern für eine viel weiter rechts stehende Partei. Das alte Establishment – Wall Street einerseits und die protestantische Main-Street-Mittelschicht andererseits – hatte Rockefeller viel bedeutet. Goldwater dagegen geißelte eine seiner Ansicht nach viel zu große und korrupte Regierung, die Freiheit raube, traditionelle Werte untergrabe und einen Wohlfahrtsstaat einführen wolle. Und er war gegen die Bürgerrechtsgesetze. Seine Anhänger brüllten Rockefeller nieder im Cow Palace von Daly City und machten Stimmung für einen 30-minütigen Goldwater-Werbefilm. Der schlug Alarm, dass Amerika sich spalte. Auf der einen Seite eine Schulklasse, die – Hand aufs Herz – den Vereinigten Staaten unbedingte Treue versprach, der amerikanische Traum also. Auf der anderen der amerikanische Albtraum, das Chaos der Kriminalität („alle 35 Sekunden ein Einbruch, alle sechs Minuten ein Raubüberfall“), dazu anarchische Jugendliche außer Rand und Band. Jeder wolle nur etwas von der Regierung. Das schwäche die Nation, eine kommunistische Übernahme drohe. Goldwater sei Anfang der 60er zu früh dran gewesen mit diesen Alarmrufen, sagt Perlstein. Erst Jahre später seien Unmut und kulturelle Panik der weißen Mittelklasse so weit gewachsen, dass der Republikaner Richard Nixon 1968 zum Präsidenten gewählt werden konnte. Es entstand eine neue politische Konstellation: Die Republikaner konnten Mehrheitspartei werden mit den Stimmen der weißen Arbeiter vor allem im Süden, ehemals eine Domäne der Demokraten. Mit Goldwaters Rhetorik wurde Ronald Reagan 1981 Präsident, freilich angenehmer verpackt, im Hollywood-Stil.

Später sollte sich Goldwater – er verstarb 1998 – des Öfteren von der Partei entfernen. Zu seinem Konzept der Freiheit gehörte es, dass Religionsvertreter kein Recht hätten, Gesetze vorzuschreiben. Auch verwarf er gegen Ende seines Lebens jede Diskriminierung Homosexueller und forderte ein Recht auf Abtreibung. Die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch liege nicht beim Papst oder bei den Gutmenschen der religiösen Rechten, sagte Goldwater 1994 der Los Angeles Times.

Analysten erklärten Goldwaters Nein zu Big Government gern mit der Herkunft aus Arizona, dem Wüstenterritorium im Südwesten mit seinen Saguaro-Kakteen, giftigen Gila-Echsen und Berglöwen. Eine Region, die erst 1912, drei Jahre nach Barrys Geburt, zum Bundesstaat wurde. Was diese romantische Pioniererzählung vergisst: Die Goldwater-Familie profitierte gewaltig von Big Government. Bei Goldwaters Geburt in Phoenix hatte die Stadt 10.000 Einwohner. Als der Politiker 1964 für das Präsidentenamt kandidierte, eine halbe Million. Möglich wurde das, weil Phoenix durch ein staatliches Dammbauprogramm mit Wasser gut versorgt wurde.

Goldwaters Großvater Michel Goldwasser – eingewandert 1852 aus Polen – verdankte sein Glück in der neuen Heimat laut der Goldwater-Biografie des Historikers Robert Alan Goldberg nicht nur seinem Wagemut und Geschäftssinn, sondern ebenso recht lukrativen Regierungsaufträgen. Er machte große Geschäfte als Lieferant der Army, die damals Apache-Indianer aus Arizona vertrieb. Big Government halt.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 25/14.

Kommentare (1)

knattertom 25.06.2014 | 16:52

"Später sollte sich Goldwater – er verstarb 1998 – des Öfteren von der Partei entfernen. Zu seinem Konzept der Freiheit gehörte es, dass Religionsvertreter kein Recht hätten, Gesetze vorzuschreiben. Auch verwarf er gegen Ende seines Lebens jede Diskriminierung Homosexueller und forderte ein Recht auf Abtreibung. Die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch liege nicht beim Papst oder bei den Gutmenschen der religiösen Rechten, sagte Goldwater 1994 derLos Angeles Times."

Ja, die gute alte Altersweisheit. Ähnliches liest man regelmässig von vormaligen Vertretern einer "harten Linie", worauf man ggf. Jüngere, die Ambitionen in dieselbe Richtung hegen, getrost auch mal hinweisen kann.