In Afrika liegt unsere Zukunft

Der Kongo-Einsatz beginnt Und Verteidigungsminister Franz Josef Jung braucht dringend ein Ehrenmal für seine Soldaten

Während der schwarz-rot-goldene Fußballnationalrausch brüderlich in Herz und Hand dieses Land überschwemmte, brachen deutsche Soldaten nach Afrika auf. Und Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) erinnerte nüchtern an die Notwendigkeit des Tages. Von der Tribüne der Hamburger Zeit verlangte er ein "Ehrenmal für unsere getöteten Soldaten". Seit 1990 hätten 64 Angehörige der Bundeswehr bei "Auslandseinsätzen" ihr Leben verloren.

Jungs Verlangen ist nicht mehr als recht und vor allem billig. Die Zahl der für Auslandseinsätze nicht mehr verwendungsfähigen Soldaten wächst. David Hallbauer zum Beispiel, der Held von Prizren, der im ersten Nachkriegskrieg von 1999 als erster mit 27 Schüssen zwei Serben durchlöcherte, sitzt in der Militärpsychiatrie. Er darf nicht Berufssoldat werden, weil er nicht mehr einsatztauglich ist (s. Freitag 25/06).

Ein solches "zentrales Ehrenmal" gehört, wie Minister Jung genau weiß, zu unserer "kulturellen Identität". Und so hat er - bevor noch das Parlament dazu ein Wort sagen kann - "entschieden, ein zentrales, öffentlich zugängliches Ehrenmal der Bundeswehr errichten zu lassen."

Es eilt offenbar. Die deutschen Soldaten, die zur Mission in der Demokratischen Republik Kongo aufgebrochen sind, müssen dort "freie Wahlen" schützen, um die inzwischen aktualisierten "Verteidigungspolitischen Richtlinien" von 1992 zur Sicherung unserer Rohstoffe, Handelsrouten und Märkte erneut mit Leben, notfalls dem eigenen, zu erfüllen.

Und dieses Unternehmen wird - so fürchten selbst die abenteuerlustigsten Bundeswehrsoldaten - unter Umständen weit mehr deutsche Opfer verlangen als alle bisherigen Missionen im Ausland zusammen. Zumal die einsatzfähigsten Soldaten durch ein törichte Indiskretion ausgefallen sind. Die Luftlandebrigade 26 darf nicht mit, weil sie mit ihren von der Öffentlichkeit als sadistisch und pervers empfundenen Beförderungsritualen Ängste vor einem deutschen Abu Ghraib in Kinshasa erweckt hat.

Dabei ist im Kongo seit den Zeiten Patrice Lumumbas, des ersten, später ermordeten Premierministers nach der kongolesischen Unabhängigkeit von 1960, der deutsche Major ("Kongo"-) Müller mit seinen Aufräumkommandos aus einstigen Bundeswehrreservisten unvergessen. Bei der Fahrt durch Kinshasa wurde denn auch das deutsche Vorauskommando von der armen Bevölkerung begeistert empfangen - mit der Geste des Halsdurchschneidens.

Natürlich ist vorgesorgt: "Wenn die Abschreckung nicht ausreicht", versprach General Karl-Heinz Viereck, der deutsche Oberkommandierende des europäischen Expeditionskorps, dann "können wir Gewalt anwenden, wenn nötig auch tödliche Gewalt". Und die - eine bilaterale Angelegenheit - dürfte kaum zu vermeiden sein, wenn freie Wahlen so gesichert werden müssen, dass die deutsche Rohstoffversorgung aus dem Kongo garantiert bleibt. Deutschland braucht "Stabilität in der rohstoffreichen Region", das nütze, sagt der Verteidigungsminister, "der deutschen Wirtschaft".

Der Kongo verfügt - analysiert der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Andreas Schockenhoff - "vor allem über strategische Rohstoffe", die "für Europa wichtig" sind - man denke an Titan und dessen Wert für die Fabrikation von Düsenaggregaten und Raketenteilen.

Darum muss dieses Land und müssen - das verlangt der CDU-Außenpolitiker Eckart von Klaeden - auch andere rohstoffreiche Länder Afrikas in ein "faires, internationales System eingebunden werden", das "auch rohstoffarmen Ländern wie Deutschland die Nutzung ermöglicht". Kurz, so Klaeden, der Einsatz sei erforderlich, "damit es auf dem gesamten afrikanischen Kontinent zu Stabilität kommt".

Bevor er zur Stippvisite in den Kongo abflog, hatte Jung eine weitere Neuigkeit parat: "Ich kann nicht ausschließen, dass wir für den Südsudan auch angefragt werden." Das gibt reichlich Rohstoff und Material für ein Ehrenmal.


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00:00 07.07.2006

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