In aller Bescheidenheit

Fußballkunst Ehrgeiz und calvinistische Arbeitsethik: Der Höhenflug der Berliner Hertha verdankt sich ihrem Trainer Lucien Favre – ein Triumph der Schweizer Primärtugenden

Hey das geht ab, wir feiern die ganze Nacht, sangen die Hertha-Fans letzten Samstag und wollten gar nicht mehr aufhören. 1 : 0 war Leverkusen geschlagen worden, ein Dusel-Tor, von Andrej Woronin, einmal mehr, aber gestohlen war der Sieg trotzdem nicht. Hey, das geht ab, wir feiern die ganze Nacht: für den Trainer Lucien Favre galt das nicht. Zwar tanzte er nach Spielschluss kurz auf dem Rasen mit, aber es waren keine zwei Minuten vergangen, bis er sich mit einer verlegenen Handbewegung verabschiedete, die nur eins bedeuten konnte: Ich habe noch zu tun, ihr kennt das ja.

Es wäre nicht weiter verwunderlich, wenn er sich gleich an die Vorbereitung für das nächste Spiel gemacht hätte, es geht gegen den angeschlagenen VfB Stuttgart, ein besonders schweres Spiel, aber welches Spiel ist in seinen Augen nicht besonders schwer? Und dann hatte sein Berater via Berliner Morgenpost ja gesagt, „dass er seine Arbeit erst recht zu 100 Prozent verrichtet, wenn der Trubel so richtig losgeht“. Man glaubt es sofort.

Demutsgesten vor dem Gegner

Natürlich ist Favre unglaublich ehrgeizig, aber er würde diesen Ehrgeiz niemals in martialischen Gesten kundtun wie ein Klopp oder ein Daum. Und seine feste Überzeugung, stets das Richtige zu tun, hindert ihn nicht an Demutsgesten vor dem nächsten Gegner, selbst wenn der ganz unten steht. Diese Haltung fordert Favre auch von seinen Spielern. Vermutlich müssen sie so lange das Erreichen des Uefa-Pokals als Saisonziel angeben, bis die Championsleague auch rein rechnerisch nicht mehr zu verhindern ist.

Divenhaftes Verhalten ist Favre zutiefst zuwider. Man fragt sich, warum er Stürmerstar Marco Pantelic so gering schätzt, obwohl dessen Qualitäten doch unübersehbar sind. Ein Erklärungsversuch: Favre, der auch als Fußballspieler erfolgreich war, wurde 1985 während eines Meisterschaftsspiels so brutal gefoult, dass er sich mehrere Knochenbrüche zuzog und zwei Jahre lang nicht spielen konnte. Der Gegenspieler wurde wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt, es war der Vater von Stéphane Chapuisat. Anders als der zurückhaltende Sohn ist dieser Gabet Chapuisat ein enfant terrible, ein Aufschneider und Exzentriker. Wie Favre schlug er dann die Trainerlaufbahn ein, allerdings mit weniger Erfolg, aktuell trainiert er einen drittklassigen Vorortsverein.

Erfolg made in Switzerland sieht eben anders aus, nicht mit Knochenbrüchen und Sprücheklopfen. Streng genommen sieht er gar nicht aus, will sagen, er hat kein Gesicht. Nicu, Kacar, Cicero und wie die von Favre initiierten Neuverpflichtungen alle heißen, sind technisch begabte, intelligente Spieler, die einem das Gefühl vermitteln, sie hätten bei Vertragsabschluss einen Verzicht auf Allüren gleich mitunterschrieben. Auch der einzige Star, dessen Geburt wir gerade erleben, ist fest im Kollektiv verwurzelt. „Woronin rackert für die Mannschaft, ist nett und witzig“, beruhigte Arne Friedrich potentielle Bedenkenträger.

Starallüren nicht gefragt

Friedrich ist deutscher Nationalspieler, man muss es sich manchmal in Erinnerung rufen, so sehr ist dieser Abwehrspieler die Unscheinbarkeit, freilich auch die Sicherheit in Person. Mit seiner Ernennung zum Kapitän wurde die Verschweizerung der Hertha früh in die Wege geleitet. Es ist ja so: die Schweiz hat kaum echte Stars hervorgebracht, und die wenigen sind kaum noch als Schweizer zu identifizieren (Michelle Hunziker), wenn sie nicht gleich einer anderen Nation zugeschrieben werden. In Deutschland hält man Bruno Ganz spätestes seit ein paar Jahren für einen Österreicher, und Godard, Le Corbusier oder Rousseau für Franzosen.

Im problematischen Verhältnis zu den Stars steckt ein egalitäres Motiv, das in der Historie des Landes fest verankert ist. Die beiden stärksten Manifestationen dieses Gleichheitssinns sind die direkte Demokratie (das Stimmvolk ist der Star) und das Volks-Unternehmen Migros (wir sind alle Genossenschafter). Es gab auch ein starkes Interesse an Literatur aus der DDR. Diesen krypto-sozialistischen Zügen steht natürlich der große Reichtum des Landes entgegen, und die scheinbar befremdliche Tatsache, dass sechzig Prozent der Privatvermögen in den Händen von nur fünf Prozent der Bevölkerung liegen.

Geld bedeutet dem Schweizer allerdings umso weniger, je mehr er davon hat. Anders gesagt, die reichsten Schweizer sind zugleich die unglücklichsten; sie auf ihrem Reichtum sitzen zu lassen, stellt eine besonders perfide Form der Bestrafung dar. Um dieser Strafe zu entgehen, üben sich viele demonstrativ in Bescheidenheit, werden sozusagen auffällig im Kleinmachen, wie es ihr heimlicher Nationaldichter Robert Walser vorgemacht hat. Lucien Favre verdiente bestimmt schon als Meistertrainer des FC Zürich nicht schlecht, wohnte aber unscheinbar in der Agglomeration, ein Reporter notierte beim Hausbesuch „Ikea-Lampen“ und „kleiner Flur, weißer Fliesenboden, weiße Wände“. Wo er in Berlin wohnt, ist unbekannt. Gut vorstellbar, dass er in der Geschäftsstelle übernachtet.

Favre, der in einem Dorf unweit des Genfer Sees aufgewachsen ist und lange in Genf gearbeitet hat, ist ein Kind der calvinistischen Arbeitsethik. Für den Genfer Reformator Johannes Calvin war die Welt sündig, Gott groß und nicht zu allen gnädig. Zwar lag es nicht im Vermögen eines Einzelnen, zu den Auserwählten zu gehören, das war beschlossene Sache, durch rastloses Arbeiten konnte er sich jedoch seiner Auserwähltheit versichern, wenn die Arbeit wirtschaftlich erfolgreich war.

Die Sachen, nicht die Worte

Es gab auch in Deutschland eine Zeit, in der Fußball primär „gearbeitet“ wurde, aber diese Arbeit erweckte den Eindruck des Grobschlächtigen und Gewalttätigen, seine Symbole waren Tank und Terrier. Ganz anders Lucien Favre, der auch äußerlich einem Uhrmacher mehr gleicht als einem Soldaten oder einem Hund; seine Arbeit ist präzise und fein. Wer am Spiel der Hertha seine Freude hat, bewundert, wie die Mannschaft harmoniert. Wie sie aus einer felsenfesten Innenverteidigung heraus zu flüssigen Kombinationen kommt, die dann verlässlich ihren Abschluss finden.

Da gibt es keinen überragenden Spieler, keinen Ribéry oder Marin, der einem regelmäßig von Hocker haut, nein, es ist die Mannschaft selbst, die einem manchmal ein Olé entlockt, viel öfter aber stille Bewunderung einflößt; ein gut organisierter, geduldiger Organismus, der läuft und läuft und auch dann läuft, wenn es einmal nicht so gut läuft. Und wie es der Zweck einer Uhr ist, die Zeit exakt anzeigen, und wir sie darum schön nennen, fallen Zweck und Schönheit dieser Mannschaft im Begriff der viel gerühmten, fast unheimlichen Effizienz zusammen, deretwegen sie ganz oben steht – aber wozu ist die Zeit eigentlich da, und warum muss man ganz oben stehen?

Fragen, die sich nicht stellen. Weder für Favre, der wahrlich kein Fußball-Philosoph ist, noch für sein Land, das keine nennenswerte Philosophie hervorgebracht hat, es sei denn, man bezeichnet das gewaltige, groteske Gelächter Friedrich Dürrenmatts als eine solche. Einen leisen Widerhall findet es im Kichern, in das Favre manchmal verfällt. Viel Freude scheint ihm das falsche Aussprechen von Namen zu machen, ein Augenblick lang scheint so der Unsinns des Ganzen und also eine tiefe Erkenntnis auf, um schnell wieder den Sätzen über den nächsten Gegner und dessen Größe das Feld zu überlassen.

Interviews mit Favre sind kein Vergnügen, weder für uns noch für ihn. Im Grunde genommen hält er sie für reine Zeitverschwendung. Nun ist das Verschwenden von Zeit für einen Calvinisten nicht einfach ärgerlich, es ist eine schwere Sünde, die sich durch sichtbaren Widerwillen vielleicht ein wenig kleiner machen lässt. Deshalb Favres mit säuerlicher Miene vorgetragenen Verlautbarungen, ein Mix aus Plattitüden („du musst immer eine Top-Leistung bringen“) und fast unverständlichem Zeugs („Sie haben Abwehrprobleme nur nach dem Spiel in Hannover“), der die Frage aufwirft, wie einer so erfolgreich sein kann, wenn er so schlecht spricht. Die Antwort lautet, kurz und bündig: Res, non verba – die Sache zählt, nicht die Worte; dieser alten Formel der Anti-Rhetorik folgt nicht nur Favre, sie ist in der Schweiz quasi Staatsräson. Gut möglich, dass man in absehbarer Zeit auch in England davon Kenntnis nimmt – wenn Lucien Favre bei Arsenal London seine Arbeit antritt.

Fachkundige Kommentare zum Berliner Fußballclub Hertha und seinem Höhenflug finden Sie hier

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