In der CO2-Falle

Energie Dass Konzerne ihre Rohstoffe nicht fördern dürfen, rettet womöglich das Klima – und zerstört die Finanzwelt. Muss am Ende der Bürger zahlen?

Bei den großen Klimademonstrationen im vergangenen September warfen Umweltaktivisten immer wieder einen riesigen, schwarzen Ballon in die Luft. Ihn zierten Fragezeichen und die Aufschrift: „Kohlenstoff. Wie lange wollt ihr den Klimawandel noch finanzieren?“ Diese Frage richtet sich an Städte, Universitäten oder Kirchen, die ihr Geld in der Öl-, Gas- und Kohleindustrie angelegt haben. Der Ballon kam jetzt wieder zum Einsatz. Vor wenigen Tagen sind Klimaaktivisten weltweit durch die Straßen der Hauptstädte gezogen, auch in Berlin. Sie fordern, dass die fossilen Rohstoffe unter der Erde bleiben. Das nütze nicht nur dem Klima, sondern verhindere womöglich auch einen Finanzcrash samt Rettungsaktion auf Kosten der Steuerzahler.

Maximal 1.000 Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid dürfen bis zur Mitte des Jahrhunderts noch in die Atmosphäre gelangen, wenn die Menschheit die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen will. Das sind die Zahlen der Klimawissenschaft. In den Ohren großer Ölkonzerne klingen sie wohl wie eine Kampfansage. Wenn Giganten wie Exxon Mobil oder Shell all das fördern, was sie an Rohstoffen besitzen, wird die dreifache Menge an Kohlenstoffdioxid freigesetzt. Der Umwelt zuliebe auf das Geschäft verzichten? Mitnichten. Der Marktwert der bekannten Reserven liegt derzeit bei rund 21.000 Milliarden Euro. Die Konzerne rechnen so fest mit den Gewinnen, dass sie diese größtenteils schon bilanziert haben. Der Kohlenstoff befindet sich zwar noch im Boden, für die Unternehmen ist er längst verbrannt.

Doch sie könnten falschliegen. Einigt sich die Staatengemeinschaft beim Klimagipfel im kommenden Dezember auf die eigentlich notwendigen Emissionsminderungen, müssen 80 Prozent der bekannten Rohstoffe in der Erde bleiben. In diesem Fall erleben die Ölkonzerne keinen Geldregen, sondern fallen in sich zusammen. Die Firmenwerte könnten um bis zu 60 Prozent einbrechen, schätzen die Experten der britischen Carbon Tracker Initiative (CTI). In der NGO arbeiten ehemalige Wirtschaftsberater und Finanzanalysten, die nun etwas Sinnvolles für den Umweltschutz tun möchten. „Investitionen in fossile Energien sind ein unglaublich hohes Risiko geworden“, sagt Mark Campanale, Gründer der CTI. Während die Klimabewegung an das grüne Gewissen der Investoren appelliert, wollen die Experten von CTI die Finanzwelt mit dem Hinweis auf die ökonomische Gefahr wachrütteln.

Wer investiert hat

Das Problem ist in der Fachwelt unter dem Stichwort „Carbon Bubble“ oder Kohlenstoffblase bekannt. Platzt die Blase, wird das voraussichtlich die gesamte Wirtschaft in den Abgrund reißen. Schließlich gehören die Ölkonzerne zu den ganz großen Playern der Weltwirtschaft: Exxon Mobil ist über 400 Milliarden Euro wert, Shell und Chevron jeweils knapp 300 Milliarden, um nur drei zu nennen. Experten wie Campanale glauben daher, dass die Konzerne im Ernstfall von den Staaten gerettet werden – und die Bürger zahlen.

Noch tragen die Investoren das größte Risiko, ihr Geld in Fossilen zu verlieren. Das sind heute vor allem große Fonds aus den USA, die Vermögen und Pensionen verwalten. Aber auch Staaten wie Russland, Kolumbien und Norwegen halten selbst Anteile an Öl-, Gas- und Kohlekonzernen. Deutsche Finanzinstitute sind ebenfalls involviert, allerdings will kein Haus konkrete Zahlen nennen. Bei der Allianz-Versicherung heißt es lediglich, man verfolge die Debatte um die Kohlenstoffblase. Die Deutsche Bank ist zumindest im Kohlesektor ganz vorn dabei. Laut einer Studie der Umweltorganisation Urgewald ist die Kreditanstalt der weltweit fünftgrößte Geldgeber für die Förderung und Verbrennung des dreckigen Energieträgers. Die deutschen Sparkassen, bekanntlich die Verwalter der Vermögen vieler risikoscheuer Sparer, sind ebenfalls mit Millionenbeträgen an Konzernen beteiligt, die ihr Geld mit der Kohle verdienen. Auch im Bundeswirtschaftsministerium scheint es keine nennenswerten Zweifel an der Wirtschaftlichkeit von Kohle zu geben – zumindest mit Blick auf das Ausland. Anders lässt sich nicht erklären, was Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) kurz vor Weihnachten verkündete: Die IPEX-Bank, eine Tochter der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau, wird auch in Zukunft den Export von Kohleinfrastruktur finanziell absichern.

Verluste durch den schmutzigen Energieträger erleben hingegen schon heute viele Kommunen im Ruhrgebiet, allen voran die Stadt Essen. Sie hält Anteile am örtlichen Energiekonzern RWE, der für fossile Stromerzeugung bekannt ist. Die Aktie ist derzeit 25 Euro wert, vor wenigen Jahren war es noch vier Mal so viel. Dennoch haben die Städte bisher keine Signale gesendet, ihre Investitionen in Fossile zu überdenken. Das westfälische Münster ist offenbar einen Schritt weiter. Die Kämmerei prüft einen durch die Grünen eingebrachten Vorschlag, das gesamte Geld der Stadt nach ökologischen und ethischen Kriterien anzulegen. In einigen Monaten könnte Münster die erste deutsche Stadt sein, die ihre Investitionen aus der fossillen Industrie abzieht.

International gibt es schon einige Vorbilder. Vor wenigen Monaten kündigte der millionenschwere Rockefeller-Clan – der einst mit Ölförderung reich geworden ist – den finanziellen Abzug aus fossilen Energieträgern an. Es folgten Absichtserklärungen ganz unterschiedlicher Akteure, unter anderem von der Universität des schottischen Glasgow, der schwedischen Kirche oder der kalifornischen Stadt San Francisco. Dennoch: Viele Ölkonzerne und Investoren zucken beim Thema Kohlenstoffblase nach wie vor die Achseln.

Das sei „schlicht unverantwortlich“, schimpft Mark Campanale von der Carbon Tracker Initiative. Nicht nur den Investoren, sondern auch den Steuerzahlern gegenüber. „Am Ende kann es gut sein, dass die Staaten die Ölgiganten retten, um einen Einbruch der Finanzmärkte zu verhindern – zumal viele Staaten selbst Anteile halten“, sagt der Experte. Die Bankenkrise könnte also zum traurigen Vorbild werden. Viele Ölkonzerne werden heute als systemrelevant angesehen. Wenn sich nichts ändert, bleibt eines Tages nur die Wahl zwischen der Klimakatastrophe und dem großen Crash. Wenn heute munter weiter investiert wird, steigt also der Druck, am gigantischen CO2-Ausstoß festzuhalten.

Wo gebremst wird

Immerhin gibt es gerade einen Trend in die richtige Richtung: Der niedrige Ölpreis zwingt die ersten Unternehmen zum Förderstopp. Statoil zum Beispiel hat drei Explorationslizenzen an der Westküste Grönlands zurückgegeben. Im Dezember gab Chevron bekannt, Ölbohrungen in der kanadischen Arktis würden wegen der „wirtschaftlichen Unsicherheit“ erst einmal verschoben. Und jüngst verzichtete Shell auf ein Milliarden Dollar schweres Erdölprojekt mit dem Konzern Qatar Petroleum. Doch was passiert, wenn der Ölpreis wieder steigt? Prognosen zufolge soll die Nachfrage nach Öl und billiger Kohle in den nächsten Jahrzehnten um jährlich drei Prozent zunehmen.

Im Dezember dieses Jahres will die Staatengemeinschaft in Paris ein neues Klimaabkommen schließen, das auf das Kyoto-Protokoll folgen soll. Daher sind die Aktionen der Umweltschützer jetzt dringender denn je. Die Fragezeichen auf dem großen, schwarzen Ballon sind auch als Anklage der Ölkonzerne und Investoren zu verstehen: Wie könnt ihr dieses Risiko eingehen? Die Kohlenstoffblase sind wir alle.

06:00 25.02.2015

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare 42

Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar