In der Falle

NACH DEM WERBEFELDZUG Claus Peymann eröffnet mit George Taboris "Brecht Akte" das "neue" Berliner Ensemble

Wer kennt es nicht, das Stereotyp von einem Traum, wo man sich mit vielen Menschen in einem fahrenden Zug befindet und langsam merkt, dass der sich auf einen Abgrund oder sonst ein schreckliches Unglück zu bewegt? Man möchte schreien: "Haltet an!" und "Lasst mich 'raus!", aber man kann mit den anderen nicht kommunizieren und bleibt gefesselt, gefangen und verdammt weiterzufahren - um dann kurz vor der Katastrophe noch aufzuwachen... Das war die Publikums-Situation bei der Eröffnungspremiere Brecht Akte von George Tabori im Peymannschen Berliner Ensemble.

Die Erwartungen konnten nicht hochgestimmter, das Vor-Urteil nicht positiver sein: Hier wird Brechts Theater, nach Jahren der Agonie, wieder flottgemacht und beginnt mit einer Hommage an BB vom großen Theaterclown George Tabori (der ist wirklich so etwas wie der letzte heute lebende "Clown Gottes" oder eben des Theaters: wunderbar leicht, spielerisch-ernsthaft, doppelbödig-witzig, weltlich und doch in seinen Texten, Parabeln und unzähligen Interviews schon irgendwie von anderen Ufern zu uns sprechend).

Brecht Akte, das heisst die Zeit in Hollywood, heisst FBI, McCarthyismus und das berühmte HUAC-Verhör mit der gleich anschließenden Flucht nach Europa; nicht nur Brechtianer kennen das alles - es ist Teil der geläufigen Zeit- und Kulturgeschichte. Aber Tabori war noch dabei, es ist auch seine Geschichte, und da Brecht zu einem seiner "Götter" gehörte, durfte man mit Recht etwas Besonderes an diesem Abend erwarten.

Und dann setzte sich der Zug in Bewegung - und aus dem kurzen Moment der suggestiven Eröffnungsszene - Brecht umgeben von den großen Figuren Hollywoods (Frankenstein, Dracula, Chaplins Tramp et cetera) - entwickelte sich: nichts. Ein belangloses Gerede und Geschwätz, durchsetzt mit Brecht-Anekdoten aus dem Munde Dritter, wo sie plötzlich albern und schal klingen, ein mühsam konstruierter Rahmen zweier homosexueller FBI-Agenten, die auf BB angesetzt wurden, ein Text so dünn und schwach, in dem der selten aufblitzende Sprachwitz ("Hitler starb in den Armen seines Schäferhundes") mit einem erleichterten Lachen kurz registriert werden durfte. Der Regisseur Tabori selbst traut seinem Text so wenig, dass er seine Belanglosigkeit durch die unsinnigsten und albernsten Bühnengags vergeblich zu überspielen versucht, bei dem seine - trotz allem bisweilen brillanten - Schauspieler dann oft wie grimassierende Laienakteure aussehen. Spätestens nach zehn Minuten merkt das Publikum, wohin die Reise geht - in eine theatralische Katastrophe.

Aber man will, man kann es sich nicht eingestehen: Das ist doch ein Stück von George Tabori! Und es ist das Eröffnungsstück fürs BE! Und es geht doch um Brecht! Und die Schauspieler sind doch so gut! Man versucht das Beste draus zu machen, lacht verzweifelt hier und da (der Brecht konnte ja in seiner Dialektik sehr witzig sein - und Tabori auch!) und hofft und hofft, das Ganze möge nur ein Traum sein. Aber der Zug ist nicht zu stoppen. Kein Klischee wird ausgelassen, und sollte dann doch jemand wagen, gegen diese Zumutungen innerlich oder gar öffentlich zu protestieren, wird er/sie auch noch moralisch eingeschüchtert und erpresst mit der tätowierten KZ-Nummer im Oberarm von Mrs. Applebaum.

Der Selbstmord ihres vom FBI erpressten Mannes ist vielleicht der einzige magisch-bewegende Moment des Abends, aber er verdankt sich ganz der sensiblen (und auch sonst unaufdringlich-zeitatmosphärischen) Musik von Stanley Walden - und kippt schon Sekunden später in den Edelkitsch einer Selbstverbrennung um. Allenfalls eines darf noch an diesem Abend gerühmt werden: das lichte und zwischen Art deco und Neuer Sachlichkeit zart changierende Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann.

Wie kann sich ein Publikum da verhalten? Eingeklemmt in die eigene Stuhlreihe, im Autor und Regisseur eine unbezweifelbar große Figur des Theaters respektierend, der in gewisser Weise das Beste an Haltung repräsentiert, wie man mit dem beendeten 20. Jahrhundert hat umgehen können, und der uns an Brecht erinnern will, der uns, die wir den "finsteren Zeiten" entronnen sind, aus der Vergangenheit etwas zurufen will - aber was ist das? Wir hören nur Albernheiten oder Pathetisches. Tabori hat doch nicht den Brecht denunzieren, ihn "vorführen" wollen? Etwas muss er sich doch dabei gedacht haben, wenn er den Oberschurken J. Edgar Hoover mit demselben Schauspieler wie Brecht besetzt - eine innere Verwandtschaft? Übrigens steckte in der Hoover-Figur eine der wenigen potentiell scharfsinnigen Geschichts-Fehlinterpretationen als Idee des Stückes: Der will Brecht so freundlich behandeln lassen, dass dieser ein so "guter Zeuge" wird (was auch geschieht), damit sich seine kommunistischen Freunde hinterher von ihm distanzieren und ihn fallenlassen (was auch teilweise eintrat). Aber selbst das große Verhör, Höhepunkt der historischen so gut wie der Intention nach der Taborischen Brecht-Akte, wird zu einer mit symbolischem Tiefsinn (rote Fesseln werden ihm angelegt) ausgelegten Klamotte, die auf der Bühne weit hinter dem tatsächlich heute pathetisch-witzig klingenden Original zurückfällt.

Zu beider, Taboris und Brechts Schutz und Schonung möchte man aus dem Zug aussteigen und kann es doch nicht. Dabei gab es auch einige Mitreisende, die gerne dabei waren, dankbar dafür, im Theater mal wieder lachen zu dürfen. Die fanden's komisch und liebten einen Klamauk für schlichte Gemüter, der ihnen sonst auf den Bühnen nicht geboten wird. Werden sie sich von der "Publikumsbeschimpfung", die nächste Woche auf dem Programm steht, angesprochen fühlen? Davor graute es dem Rezensenten, der nach Ende der Vorstellung erleichtert und deprimiert schnell das Freie suchte. Leider war es kein Traum, wohl aber ein Albtraum.

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00:00 14.01.2000

Ausgabe 42/2021

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